Donnerstag, 21. November 2019

Romano Guardini. Rekonstruktion einer besonderen Familiengeschichte

Der 1885 in Verona geborene Romano Guardini war katholischer Priester, Jugendseelsorger, Theologe und Religionsphilosoph. An der LMU München lehrte er von 1948 bis 1964 Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie. Mit Hingabe und Freude zelebrierte er von 1949 bis 1962 den Universitätsgottesdienst in St. Ludwig, sonntags um 11 Uhr. Seine einzigartigen Predigten fanden großen Zulauf. Romano Guardini († 1968) hat in seiner Wirkungsstätte St. Ludwig seine letzte Ruhestätte gefunden und ist seit 2017 Kandidat für eine Seligsprechung. Ich möchte in meinem Beitrag den biografischen Wurzeln Guardinis nachgehen.


Prälat Romano Guardini war ein Gelehrter, dem es um die Sache und deren Wahrheitsanspruch ging, und der das Persönliche hintanstellte. Er mochte keine Erinnerungen (vgl. S/B 196) und hat viele seiner Briefe und Tagebuchaufzeichnungen verbrannt. Nichtsdestotrotz gibt es in seinem Nachlass biographische Aufzeichnungen – eher fragmentarischer Art -, die zum 100. Todestag 1985 herausgegeben wurden. In meiner Rekonstruktion von Guardinis Biographie erstelle ich aus vorhandenen Mosaiksteinchen ein Familiennarrativ, das beim Auftauchen zusätzlicher Informationen entsprechend zu modifizieren wäre. 
Das Herantragen von tiefenpsychologischen und sozialwissenschaftlichen Interpretamenten an die Geschichte der Familie Guardini ermöglicht es, Entwicklungslinien aufzuzeigen und die innerfamiliäre Beziehungsdynamik zu erhellen.

Der verkrachte Student

Nach seinem Abitur im August 1903 in Mainz begann der 18-jährige Romano in Tübingen mit dem Studium der Chemie. In diese Lebenssituation war er allerdings wie ferngesteuert hineingeschlittert. Auf die Idee, Chemie zu studieren, war er gekommen, weil sein Banknachbar in der Schule dieses Fach mit Überzeugung anstrebte, und Tübingen wurde zum Studienort, weil Guardinis Vater seinen Sohn dort unter den Fittichen seines Filialleiters in Stuttgart wusste. Brav fuhr Romano Guardini jeden Sonntag nach Stuttgart und resümierte rückblickend, dass seine „grenzenlose Schüchternheit“ bewirkte, dass er „in der akademischen Freiheit das gleiche Leben weiterführte wie zu Hause.“ (S/B 61) Als Guardini im Alter von 69 Jahren anlässlich eines Vortrags in Tübingen weilte, erinnerte er sich der „Bedrängnis der ersten zwei Semester, deren Trauma immer noch in mir ist.“ (S/B 247)
Nachdem Guardini das Interesse an chemischen Experimenten fehlte und ihm der absolute Materialismus der damaligen Naturwissenschaften zuwider war, bedurfte es einer Richtungsänderung. Die zu treffende Entscheidung kam wiederum ohne dezidiertem Eigenwillen aus den aktuellen Umständen heraus zustande. „Ich hatte in Mainz einen Bekannten, der Staatswissenschaften studierte. Was das genauer sei, wusste ich nicht, hatte nur das Gefühl, es müsste etwas Geistigeres sein als Chemie, und erklärte meinem Vater, ich wolle das studieren.“ (S/B 63)
Der Bekannte war sein Schulfreund Karl Neundörfer, dem Guardini zum Studieren nach München folgte, nur um dort festzustellen, dass er auch mit der Nationalökonomie nichts anfangen konnte. Als Neundörfer nach einem Jahr zu seinem Ursprungsstudienort Gießen zurückkehrte, wechselte Guardini nach Berlin und erlebte dort den Tiefpunkt seiner gesamten Studienzeit. „Ich sah mit Grauen die Frage auftauchen, was aus mir werden sollte. Wie konnte ich meinem Vater sagen, auch mit diesem zweiten Studium sei es nichts, und, noch schlimmer, ich wisse kein anderes.“ (S/B 72)
Im Rückblick erstaunt der Kontrast zwischen dem berühmten Romano Guardini, der aufgrund eigener innerer Klarheit vielen Menschen Orientierung geben konnte, und dem 21-jährigen orientierungslosen Adoleszenten, der sich in desolatem Zustand befand. Der Erklärungsschlüssel der verfahrenen Lebenssituation des Studenten findet sich in der Familiengeschichte.

Herkunft aus einer italienischen Kaufmannsfamilie

Romano Guardinis Großväter, sein Vater und zwei seiner Brüder waren norditalienische Kaufleute. Den Grundstock für den generationenübergreifenden geschäftlichen Erfolg der Guardinis legte der 1822 geborene Antonio Guardini, dessen Handel mit Eiern und Geflügel offensichtlich so florierte, dass er über die Mittel verfügte, für die Familie einen imposanten Landsitz zu errichten. Die von einem ausgedehnten Park umgebene prächtig ausgestattete Villa wurde um das Jahr 1850 erbaut und gehört zu der 12 Kilometer nordwestlich von Vicenza gelegenen Gemeinde Isola Vicentina. Dass die Villa noch heute in Guardinischem Besitz ist, zeugt von dem unternehmerischen Geschick und der Innovationskraft der Kaufmannsfamilie, der es gelang, ihre Handelsgeschäfte auch über schwierige Zeiten hinweg prosperierend zu betreiben.   
Der Erfolg eines Familienunternehmens hat häufig auch damit zu tun, dass sich einzelne Familienmitglieder in den Dienst des großen Ganzen stellen. So ist lässt sich die Hypothese aufstellen, dass es sich bei der standesgemäßen Verehelichung von Romano Guardinis Vater, Romano Tullio (geb. 1857), und dessen Bruder Aleardo mit zwei Schwestern der Familie Bernardinelli weniger um Liebesheiraten als mehr um arrangierte Ehen handelte. Das Lebensmittelexportgeschäft von Guardinis Großvater mütterlicherseits, Michele Bernardinelli (geb. 1836), und der Guardinische Handel mit Agrargütern passten auf jeden Fall gut zusammen, und der Name der von Guardinis Vater ab 1886 von Mainz aus betriebenen Importgesellschaft „Grigolon – Guardini & Bernardinelli GmbH“, die Geflügel-, Eier- sowie Weinhandel betrieb, deutet auf eine Fusionierung hin. Ein anderes Beispiel für die Indienstnahme durch die Familie ist Romano Guardinis sechs Jahre jüngerer Bruder Aleardo, der – vermutlich als sich der Vater 1915 in die Schweiz zurückzog - sein Studium abbrechen musste, um die russische Filiale der väterlichen Firma zu leiten.

Romanos Eltern 

Der gebürtige Veroneser Romano Tullio Guardini (*1857) heiratete im Jahr 1883 die in Pieve di Bono – circa 100 km nördlich von Verona liegend - zur Welt gekommene Paola Maria Bernardinelli (*1862). Neben der Herkunft aus Unternehmerfamilien verband die Brautleute der katholische Hintergrund und die Absicht eine Familie zu gründen. Hinzu kam, dass Romano Tullio und Paola Anhänger der italienischen Einigungsbewegung waren, die 1861 ihr Ziel einer konstitutionellen italienischen Monarchie erreichte. Insbesondere Romano Guardinis Mutter identifizierte sich mit den italienisch-nationalen Irredentisten, die sich als unbefreite Italiener im verhassten Habsburger Reich erlebten. Paolas Aversion gegen das deutsche Wesen steigerte sich, als sie – wahrscheinlich im Zusammenhang des Todes ihrer Mutter im Jahr 1877 und möglicher vorausgehender Krankheit - im 130 km entfernten deutschsprachigen Meran ein Institut besuchte (vgl. S/B 57); vermutlich das 1723 von Englischen Fräulein gegründete Internat „auf dem Sand.“
Im Jahr 1945 schreibt Guardini: „Auch habe ich von Kind auf ein Erbe von Schwermut von der Mutter her in mir getragen.“ (S/B 75) In einer retrospektiven Gesamtschau könnte man die Frage aufwerfen, ob es sich bei der benannten Schwermut Paolas nicht um eine Depression mit Krankheitswert handelte. Psychologisch ließe sich Paolas Gemütsverfassung so erklären: Verlust der Mutter im Alter von 15 Jahren, heimatferne Unterbringung in einer als negativ erlebten, habsburgisch-deutsch geprägten Umgebung bei nicht bewältigtem Trauerprozess. Heirat (Verheiratung) mit 21 Jahren, Geburt des ersten Sohnes mit 23 Jahren in Verona und ein Jahr später die für sie unabwendbare Übersiedlung nach Mainz. Spätestens ab dem Tod ihrer Mutter erlebte Paola ihr Leben als fremdbestimmt, und es verschlug sie an Orte, an denen sie eigentlich nicht sein wollte (Meran; Mainz).
Der Lebensweg von Romano Guardinis Vater war durch den bestehenden und weiterzuführenden Familienbetrieb vorgegeben. Romano Guardini spricht von dem „Opfer, das er selbst (Romano Tullio, Verf.) um seiner Familie willen hatte bringen müssen.“ (S/B 73) Das Opfer war ein Zweifaches:
1. Romano Tullio musste schon früh in die väterliche Firma einsteigen und damit auf höhere Schulbildung und ein anschließendes Studium verzichten.
2. Er war sehr mit der Nationalbewegung (Risorgimento), die zur Einigung Italiens geführt hatte, identifiziert und musste 1886 seine Heimat in Richtung Deutschland verlassen. Hier fühlte er sich immer nur als Gast. (S/B 57)
Wenn Guardini an seinem 70. Geburtstag in einer Rede davon spricht, dass seine Familie aus beruflichen Gründen nach Deutschland übersiedelte (S/B 295), so erscheint mir das euphemistisch. Es war - so meine These – harte ökonomische Notwendigkeit, die dazu zwang, der Firma in Deutschland einen Standort zu verschaffen, und Romano Tullio Guardini war der Protagonist.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es im neuen Königreich Italien - nach der nationalen Einigung 1861 - zu krisenhaften wirtschaftlichen Entwicklungen. Ab 1871 begab sich Italien durch die Verhängung von Strafzöllen in einen Handelskrieg mit Frankreich und zu Beginn der 1880er Jahre brach eine schwere Agrarkrise aus, in deren Verlauf die Preise verfielen. Ich gehe davon aus, dass die Kaufleute Michele Bernardinelli und Antonio Guardini und dessen Sohn Romano Tullio einen Krisenrat abhielten, der zu dem Entschluss führte, sich in eine deutsche Import-Gesellschaft einzukaufen.
Der jungen Familie Guardini war aufgebürdet, das zukünftige Wohl und den Fortbestand des Familienunternehmens zu gewährleisten, womit eine Emigration nach Deutschland verbunden war. Das Konzept ging ökonomisch voll auf, führte aber für die innere Entwicklung von Romano Guardinis Herkunftsfamilie zu schwerwiegenden Konsequenzen.

Eine italienische Familie in Mainz

Nach der Heirat (1883) und der Geburt des ersten Kindes (1885) zogen der 29-jährige Familienvater Romano Tullio Guardini und seine 24-jährige Frau Paola mit dem einjährigen Romano nach Mainz (1886). Die Aufbauphase der Familie kann man sich – trotz vorhandenem Hauspersonal – als intensiv und strapaziös vorstellen. Auf das Familienoberhaupt war die Verantwortung für das in Italien wurzelnde Familienunternehmen übergegangen, das sich in Deutschland erst noch etablieren musste, und Paola Guardini brachte zwischen 1887 und 1891 drei weitere Söhne zur Welt.
Gemäß der bisherigen Rekonstruktion sahen sich die - sich leidenschaftlich als Italiener verstehenden - Eheleute genötigt, ihr Heimatland zu verlassen. Das hätte zu einem Schulterschluss der Ehepartner, die sich in der Fremde zu behaupten hatten, führen können. Die sehr prägnanten und bezeichnenden Aussagen Romano Guardinis zu seiner Familie lassen jedoch den psychologisch-diagnostischen Schluss zu, dass sich die Eheleute Guardini zunehmend voneinander distanzierten, ja dass das Familiensystem sich in ein Subsystem Mutter-Söhne und einen für sich stehenden Vater aufspaltete.
Über seinen Vater sagt Guardini, dass sich dieser für die Familie aufopferte und in der Familie kaum anwesend war. Er wäre von seinem Geschäft völlig in Anspruch genommen gewesen, war viel auf Reisen und war bei Ferienaufenthalten nie dabei. „Sein Leben muss furchtbar einsam gewesen sein. Für ihn gab es im Grunde nur die Arbeit.“ (S/B 58)
Seine Mutter – so Guardini - wäre nur sehr widerstrebend nach Deutschland gegangen. „In Mainz verkehrte sie … mit Niemandem. Sie liebte ihre Kinder leidenschaftlich und wendete sich so ganz ins Haus hinein. … In diesem geschlossenen Bereich hat sie, soviel an ihr lag, auch uns gehalten. … Praktisch gingen wir zu niemandem, und niemand kam zu uns.“ (S/B 57)
Paola Guardini igelte sich mit ihren Söhnen in scharfer Abgrenzung von der deutschen Umgebung in einer Art italienischer Enklave ein. In psychoanalytischer Perspektive könnte man die fachliche Kategorie der „Familie als Festung“ heranziehen. (Richter, 1970)
Aus der Art und Weise, wie Frau Guardini ihr Familienleben gestaltete, lässt sich schließen, dass sie ihren Aufenthalt in Deutschland, der über dreißig Jahre andauerte, als ein „Überwintern“ definierte. Hermeneutisch lassen sich vier mögliche Motive rekonstruieren: 
1. Wenn die Ehe von Romano Tullio und Paola Guardini eine arrangierte war, so fehlte möglicherweise die tiefe Bindung einer Liebesbeziehung, die ein Zusammenstehen auch in schwierigen Lebensumständen bewirken kann.
2. Die folgenreiche Entscheidung der männlichen Protagonisten ihres familiären Umfelds, die Firmenzentrale nach Deutschland zu verlegen, in die sie als junge Frau vermutlich nicht eingebunden war, könnte bei ihr zu einer inneren Protesthaltung geführt haben.
3. Der Zwang, ihrem Ehemann nach Deutschland folgen zu müssen, hat möglicherweise eine Retraumatisierung ihrer Meran-Verschickung als Kind/Jugendliche ausgelöst.
4. Ihre durchgehaltene Bezugsgröße „Italien“ veranlasste sie, eine „Verdeutschung“ ihrer Söhne so weit als möglich zu verhindern und das in ihrer Macht stehende zu tun, um die Herzen ihrer Söhne an Italien zu binden und die Option einer gemeinsamen Rückkehr offen zu halten.
Dass Romano Guardinis Vater in der Familie ein Fremdkörper war, zeigt eine kleine Familienszene. „Wenn der Vater zu seinen drei (sic!) Söhnen ins Kinderzimmer kam, um nach dem Rechten zu sehen und sie an die Hausaufgaben zu treiben, sprachen sie, um ihn zu necken, im Mainzer Dialekt; diesen verstand er nicht, und trat unverzüglich den Rückzug an.“ (Gerl-Falkovitz, 1985, S. 26)
Psychologisch ist davon auszugehen, dass Paola Guardini ihre Söhne stark an sich gebunden und auf das Subsystem „Mutterfamilie“ eingeschworen hat. In ihrer auf Haus und Familie zurückgeworfenen Isoliertheit und ihrer inneren Einsamkeit, waren ihre Söhne für ihre Identitätsgewinnung und zur Aufrechterhaltung ihres seelischen Gleichgewichts wichtig. Die Familientherapeutin Thea Bauriedl zeigt auf, dass es bei Elternteilen, denen es an befriedigenden Erwachsenenbeziehungen mangelt, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu - ihnen selbst nicht bewussten – Grenzüberschreitungen ihren Kindern gegenüber kommt. Es kann dann passieren, dass seelisch bedürftige Bezugspersonen „das zunächst noch ungeschützte und zu hohen Anpassungsleistungen fähige Kind zum Ausbalancieren des eigenen psychischen Gleichgewichts (verwenden), indem sie projektiv eigene Bedürfnisse oder andere Inhalte bei ihm wahrnehmen und dort mit ihnen umgehen.“ (Bauriedl,1980,S. 108)
Tiefenpsychologisch würde man im Fall von Paola Guardini und ihren Söhnen von verschmolzenen bzw. verklammerten Beziehungen sprechen, die sich auf die weitere Entwicklung massiv auswirken und insbesondere die Ablösung als zentraler Entwicklungsaufgabe des Jugendalters erschweren.

Die familiäre Prägung

In dem 1945 geschriebenen „Bericht über mein Leben“ blickt Romano Guardini auf sein Aufwachsen in der Familie zurück. Seine Welt und die Welt seiner Brüder bezeichnet er als geschlossen, und die ganze Zeit bis zur Reifeprüfung mit 18einhalb Jahren erscheint ihm „wie zugedeckt“ (S/B 59), „alles liegt wie unter Wasser“. (S/B 60)
Zur Charakterisierung dieser Zeit verwendet er die Metapher der Verhüllung, „von der ein Element durch mein ganzes Leben geblieben ist“ (S/B 59) und merkt sehr treffend an, dass das mit Sicherheit „psychologisch allerlei zu bedeuten“ hat. (ebd.) Wir wissen bereits, dass Paola Guardini ihre Söhne stark an sich gebunden hat. Hinzu kommt, dass die Mutter das - die Ablösung befördernde - Hineinwachsen der Söhne in außerfamiliäre Bereiche unterband. 
Normalerweise ist die Sozialisationsinstanz Schule für Heranwachsende ein wichtiges zweites Standbein neben dem der Familie; nicht so für Romano. „Wohl war noch die Schule da. Was diese aber für den Jungen wichtig macht, ist nicht so sehr der Unterricht, als die Welt der Beziehungen mit Gleichaltrigen, welche sich ins Leben hinaus fortsetzen. Davon fiel bei uns das Meiste weg, so war die Schule ein isolierter Bereich, in den ich hineinging und den ich wieder verließ.“ (S/B 57) Diese Wahrnehmung deckt sich mit der Außenperspektive eines Mitschülers: Romano „kam jeden Morgen pünktlich, kurz vor Schulanfang von der Insel (Platz in Mainz, Verf.) her. Ich erinnere mich noch an ihn als eine ruhige Erscheinung, meist dunkel angezogen. Er hatte zu uns sehr wenig Beziehung, war aber dabei nicht unfreundlich. Wir mochten ihn und betrachteten ihn trotz seines andersartigen Benehmens als uns zugehörig.“ (Volbach, 1979, S. 74)
Die Gefühle, die Guardini der Schule gegenüber hatte, benennt er als „Fremdheit, die sich oft genug zur Furcht steigerte.“ (S/B 57) Den eigentlichen Grund für sein Fremdheitsempfinden sieht er in der „Atmosphäre des Hauses, das uns nie ins Freie entließ.“ (S/B 58) Diese Formulierung spiegelt aus meiner Sicht die reale Familiendynamik angemessen wider. Der nicht verbalisierte „Auftrag“ der Mutter an ihre Söhne, „Italien und ihr treu zu bleiben“ und sich nicht auf die deutsche Mitwelt einzulassen, ist mit dem Begriff des Atmosphärischen eingefangen und das Vorenthalten von Freiheit lässt das italienische Elternhaus als eine Art goldener Käfig erscheinen.
Wenn eine Mutter ihre Kinder zu eng an sich kettet und ein Hineinwachsen der Kinder ins gesellschaftliche Umfeld verhindert, wäre an dieser Stelle der Vater als derjenige, der Brücken zur Welt schlägt, gefragt. Im Rückblick bedauert Guardini, dass sein Vater nicht nur äußerlich kaum präsent, sondern auch innerlich in sich zurückgezogen war. Nach seiner Einschätzung hatte er bis zum Tod seines Vaters „nicht mehr als zehn oder fünfzehn tiefer gehende persönliche oder sachliche Gespräche gehabt.“ (S/B 58) Sein Resümee: „So hat auch er die geschlossene Welt unserer Kindheit und Jugend nicht ausgeweitet.“
Dennoch spielt der Vater für Romanos Entwicklung eine größere Rolle, als prima facie erkennbar ist. Rebellion gegen die Mutter war sicher nicht Romanos Sache. Umso wichtiger war es für den Jungen, Nischen in seiner Lebenswelt aufzutun, die nicht durch seine Mutter dominiert waren. Trotz eingeschränkter Kontaktmöglichkeiten schaffte es Romano, einige Beziehungen zu gleichaltrigen Jungen zu pflegen. So kannte er seinen besten Freund, Karl Neundörfer, mit dem zusammen er das zweite Studienjahr in München verbrachte, bereits seit der ersten Klasse. Als 15-jähriger bekam er in seinem Dachgiebelzimmer öfter Besuch von dem mit ihm schon seit Kindertagen bekannten Philipp Harth, der von diesen Begegnungen berichtet: „Als ich ihn zum ersten Mal besuchte, war ich überrascht, Abbildungen nach Kunstwerken an die Wand geheftet zu sehen, wie ich sie selbst ausgewählt hätte. Romano besaß ein Büchergestell mit vielen Büchern. … Voller Bewunderung hörte ich zu, wenn Romano den Inhalt von Büchern schilderte, die er gelesen hatte. … Das größte und schönste Buch, das Romano besaß war Dantes Göttliche Komödie mit den Illustrationen von Dore. Diese Bilder betrachteten wir oft, Romano wusste sie mir zu erklären, da er dieses Buch gelesen hatte.“ (Zit. nach: Gerl-Falkovitz, 1985, S. 40)
Bücher waren für Romano offensichtlich ein Mittel, aus der verengten mütterlichen Lebenswelt in die Weite der Geisteswelt hinauszutreten. Dante Alighieri, über den Guardini in Fühlung mit dem italienischen Kulturraum blieb, sollte für ihn zum lebenslangen Begleiter werden. Und vor allem: Es war sein Vater, der ihm Dante nahegebracht hat. Guardinis Studie von 1937 Der Engel in Dantes Göttlicher Komödie ist in italienischer Sprache eine Widmung vorangestellt: „Dem Andenken meines Vaters, von dessen Lippen das Kind die ersten Verse Dantes pflückte.“
Gerade wegen der schmerzhaft vermissten familiären Präsenz des Vaters war für den Sohn die von geistiger Affinität getragene innere Beziehung zum Vater umso wichtiger. Diese Beziehung nahm nach dem Abitur, als der Vater für den Unterhalt seines Sohnes zuständig war, konkrete Form an und hatte sich in Romanos Desorientierungsphase der ersten Studienjahre zu bewähren.

Romanos Krise und deren Ursache

Biographischer Ausgangspunkt meiner Familienrekonstruktion war der 18-jährige Adoleszent Romano an der Schwelle zwischen Schule und Universität. Nach dem bisher Erörterten ist es nicht mehr ganz so rätselhaft, wieso es Romano nicht möglich war, mit Entschlossenheit einen selbst gewählten universitären Ausbildungsweg zu beschreiten.
Im Rückblick konstatiert der 60-Jährige: „Die Autorität der Eltern galt absolut und in allem. Man hatte ein guter, artiger, wohlerzogener Junge zu sein. Von Selbstständigkeit war keine Rede.“ (S/B 56) Dieser - als autoritär zu bezeichnende - Erziehungsstil wirkte sich auf die Autonomieentwicklung Romanos behindernd aus. Hinzu kamen auf der emotionalen Ebene Ängstlichkeit, „grenzenlose Schüchternheit“ (S/B 61), Skrupulosität und die Neigung zur Schwermut. Die Skrupulosität beschreibt Guardini als sinnlose Selbstverzehrung, die mit der schwermütigen Veranlagung zusammenhängt. In ihrer schädigenden Wirkung „zerstört sie nur Urteil und Kraft, ganz abgesehen von der Gefahr eines inneren Kurzschlusses, der den Ängstlichen ins Gegenteil treibt, so dass er alle Hemmungen abwirft …“ (S/B 79) 
Guardini weiß, wovon er spricht. Nach zwei Semestern Chemie in Tübingen und zwei Semestern Staatswissenschaft in München erreichte er im Wintersemester 1905/06 in Berlin den Tiefpunkt einer Abwärtsspirale. Er fühlte sich grenzenlos verloren, wusste nicht, wie es mit ihm weitergehen sollte, und geriet in einen Zustand tiefster Verzweiflung. 
Die sich über mehr als zwei Jahre hinziehende negative Verlaufskurve beruhte auf einer innerpsychischen Blockade. Romano wollte sowohl den Erwartungen seiner Eltern als auch sich selbst gerecht werden und suchte nach einem für ihn lebbaren Kompromiss, den es offensichtlich nicht gab.
Die Familie, in der er aufwuchs, war – so meine These - auseinanderdividiert. Der Vater reibt sich als Ernährer im Geschäftsleben auf, die Mutter versucht mitten in Deutschland, ihre Söhne italienisch zu sozialisieren. Vermutlich erlangte - gerade auf dem Hintergrund von faktischer Vereinzelung - das von beiden Elternteilen geteilte und sie verbindende Ideal der Liebe und Treue zu Italien besondere Bedeutung. Gemessen an dieser Norm musste sich der älteste Sohn als Verräter empfinden. Bei seiner Dankesrede im Rahmen der Feier seines 70. Geburtstages kommt Guardini auf die Kluft zu sprechen, die in seiner Jugendzeit dadurch entstand, dass man zuhause italienisch sprach und dachte, er aber geistig in die deutsche Sprache und Kultur hineinwuchs. „Ich fühlte mich innerlich dem deutschen Wesen zugehörig“ (S/B 295) und „Ich habe … Anlass, hervorzuheben, dass ich schon sehr früh den Drang nach dem Norden empfunden habe.“ (S/B 297)
Wäre es nach Romanos ureigenem Interesse gegangen, hätte er „vermutlich Philologie und Literaturwissenschaft studiert.“ (S/B 63). Aber das hätte er seinen Eltern nicht antun wollen. Auch eine Beamtenlaufbahn und die Jurisprudenz waren quasi ausgeschlossen, denn der Vater war leidenschaftlicher italienischer Patriot, dem es arg zugesetzt hätte, wenn sein ältester Sohn die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hätte. (Vgl. S/B 295)
So wird erklärlich, dass Romano im Hinblick auf seine berufliche Orientierung paralysiert war und seine Studienwahlen aufgrund äußerer Zufallskonstellationen zustande kamen.

Guardinis Fähigkeit zur Selbstsorge

Romano Guardini stand als Adoleszent vor der Aufgabe, sich aus der verklammerten Beziehung zu seiner Mutter zu lösen und einen beruflich gangbaren Weg zu finden. Ich denke, dass er instinktiv erkannt hat, dass er dem Sog der Familie nur entkommen kann, wenn er sich außerfamiliäre Ankerungspunkte verschafft. Was ihm dabei zugute kam, war seine Fähigkeit, Freundschaften einzugehen und aufrechtzuerhalten. Außerdem hatte er sich schon zu Schulzeiten auf einen geistig-spirituellen Weg begeben, der alles andere als geradlinig war, aber dessen Herausforderungen er sich mit großer Ernsthaftigkeit stellte.
Romanos engster Freund war Karl Neundörfer. Die beiden Jungen waren von der ersten Klasse bis zum Abitur Schulfreunde, aber eine intensive Freundschaftsbeziehung konnte sich bezeichnenderweise erst nach dem Abitur entwickeln. Beide waren katholisch sozialisiert, gerieten in der Auseinandersetzung mit Kant in eine Glaubenskrise und schafften es im dialogischen Zwiegespräch, zu einem neuen Fundament ihres Glaubens zu finden. Nach der juristischen Promotion Neundörfers studierten die beiden Freunde ab dem WS 1906/07 zusammen in Tübingen Theologie. Gemeinsam entwickelten sie die Grundgedanken zu der später von Guardini publizierten Gegensatzlehre. In der Zeit, die auf die 1910 in Mainz gefeierte Primiz folgte, kreuzten sich die Wege der Jungpriester in der Quickbornbewegung. Quickborn war ein katholischer Zweig der im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entstandenen Jugendbewegung. Mit dem frühen tragischen Tod Neundörfers, der 1926 im Engadin bei einer Bergbesteigung ums Leben kam, widerfuhr Romano Guardini der „bitterste Verlust“ seines Lebens. (S/B 68)
Der andere gute Freund Guardinis war Josef Weiger. Sie lernten sich in Tübingen bei einer Vorlesung im Herbst 1906 kennen und waren über sechzig Jahre hinweg in enger freundschaftlicher Beziehung. Weiger begann seinen Berufungsweg als Novize der benediktinischen Erzabtei Beuron, wurde dann aber Diözesanpriester und war vierzig Jahre lang Pfarrer im oberschwäbischen Mooshausen. Über Weiger fand Guardini nicht nur Zugang zum liturgisch bedeutsamen Beuron, sondern Mooshausen – in dem Guardini die Kriegsjahre 1943 bis 45 verbrachte – wurde für Guardini zur häufig besuchten „inneren Heimat.“ (Gerl-Falkovitz 2008, Brief 138, 30.09.1930)
Mit dem Theologiestudium in Tübingen begann der sozial-emotionale Befreiungsweg Guardinis. Ihm tat nicht nur die lebendige Gemeinschaft mit seinen beiden Freunden und anderen Mitstudenten gut, sondern es wurde auch der Dogmatikprofessor Wilhelm Koch wichtig, der den jungen Leuten wegen seiner couragierten Opposition gegen die damals anti-modernistisch agierende katholische Kirche imponierte. Die durch Eigeninitiative zustande gekommenen psychotherapienahen Beichtgespräche bei Professor Koch halfen Guardini, über seine Ängstlichkeit und Skrupulosität hinweg zu kommen. Schon in den Jahren zuvor hatte der Adoleszent Kontakte zu älteren Persönlichkeiten geknüpft, die in der Lage waren, seine Entwicklung positiv zu beeinflussen. So stand er während des Berlinsemesters in Kontakt mit dem Mainzer Diözesanpriester Dr. Johannes Moser, einem „etwas schrulligen Genie.“ (S/B 72) Am bedeutsamsten für Romanos Emanzipationsweg wurde aber das Mainzer Ehepaar Wilhelm und Josefine Schleußner. 
Die Schleußners waren kinderlos und luden einmal in der Woche einen Kreis junger Leute zum Fünf-Uhr-Tee ein. Die Freunde Romano und Karl verkehrten in diesem Hause zwischen 1903 und 1913 und besprachen dort anstehende Entscheidungen und insbesondere auch die sie bedrängenden religiösen Fragen. Guardini suchte im Lauf der Zeit die Schleußners immer häufiger auf und wunderte sich im Rückblick, „wie die beiden, die doch ihre Arbeit hatten, (so viel) Zeit mit mir verlieren mochten.“ (S/B 66)
Der Gymnasiallehrer Wilhelm Schleußner war Konvertit, hatte intensive religiöse Interessen und galt seinen Freunden als „kleine Universität“ und „lebendige Bibliothek.“ Von der sehr gebildeten und caritativ tätigen Josefine Schleußner war Romano in besonderer Weise angetan. „So habe ich ihr denn auch die Verehrung entgegengebracht, die ein junger Mensch für eine viel ältere, geistig bedeutende und menschlich sehr feine Frau empfindet … In ihrer Nähe fühlte man etwas Ungewöhnliches, aber in der Form einer Güte und Zurückhaltung, die nie verwirrte oder bedrückte, sondern immer half. Mit Schleußners diskutierte ich meine religiösen Fragen, wurde mir aber bald bewusst, dass hauptsächlich sie es war, derentwegen ich kam. So war es denn auch am Schönsten, wenn ich sie allein traf, und ihr erzählen konnte, was ich auf dem Herzen habe.“ (ebd.)
Psychoanalytisch würde man von Mutter-Übertragung sprechen, in dem Sinn, dass Romano bei Josefine Schleußner mit den Gefühlen, Wünschen und Erwartungen zum Zuge kam, die in der Beziehung zu seiner Mutter in hohem Maße unerfüllt geblieben sind. Diese Interpretation bestätigt sich an einer späteren Textstelle, als Guardini im Zusammenhang mit seiner Primiz davon spricht, dass ihm Herr und Frau Schleußner „so etwas wie geistige Eltern gewesen waren.“ (S/B 91) 
Hat Romano Guardini nach seiner Schulzeit bereits geahnt, dass ein familiärer Bruch bevorsteht? Er hat mit Sicherheit gespürt, dass auf ihn Herausforderungen zukamen und hat instinktiv bzw. gezielt ein soziales Beziehungsnetz aufgebaut, das freundschaftlich-familiären Charakter hatte und durch das er seiner Herkunftsfamilie eine Art Wahlfamilie zur Seite stellte.

Der steinige Weg zu sich selbst

Die durch sein Elternhaus vereinnahmte Kinder- und Jugendzeit machte es Romano Guardini schwer, seinen eigenen Weg ins Leben zu finden. Der Ausweg aus seiner Orientierungslosigkeit und Verlorenheit fiel ihm unerwartet während jenes Wintersemesters 1905/06 in Berlin zu, das für ihn das Schlimmste seiner ganzen Studienzeit war. Eines Sonntags im Hochamt der Dominikanerkirche sah Romano Guardini einen Laienbruder ruhigen Gesichts mit seinem Klingelbeutel herumgehen und plötzlich kam ihm der Gedanke: „Könntest du nicht das gleiche werden wie er? Dann hättest du Frieden. Dann ging der (Gedanke) aber sofort weiter: Nein, Laienbruder nicht, aber du könntest Priester werden. Und da war es, als ob alles ruhig und klar würde, und ich ging mit einem Glücksgefühl nach Hause.“ (S/B 75)
Jetzt wusste der Student, was er wollte, aber die bevorstehende Auseinandersetzung mit seinen Eltern bereitete ihm Bauchschmerzen. In dieser Situation konnte Romano Guardini auf sein persönliches Beziehungsnetz zurückgreifen. Schon am nächsten Tag suchte er Dr. Moser auf, um mit ihm die Stimmigkeit der getroffenen Entscheidung zu überprüfen. Als das Semester beendet war, und er wieder in Mainz weilte, sprach er zuerst mit den Schleußners (vgl. Gerl-Falkovitz, 1995, S. 62), und man kann davon ausgehen, dass Karl Neundörfer von Anfang an eingeweiht war.
Konfrontiert mit der Neuausrichtung seines Sohnes reagierte Romano Tullio Guardini sehr ungehalten. Aufgrund der bisherigen Erfahrungen hielt er es für gut möglich, dass sein Sohn erneut auf einem Holzweg war und wollte, dass dieser zuerst sein jetziges Studium abschließen solle. Würde er dann noch immer Theologie studieren wollen, so würde er das unterstützen. 
Romano hatte das Glück, dass in dieser Situation – so meine These - der unbewusste psychologische Mechanismus der Delegation (Stierlin 1975) griff. Seinem Vater blieb ein selbstbestimmtes Leben versagt, er konnte aber seine unerfüllten Wünsche auf seinen Sohn projizieren (Delegation). Sein Sohn würde dann für sich selbst und stellvertretend für ihn einen ureigenen Weg gehen. In den Aufzeichnungen Guardinis ist von der Güte des Vaters die Rede, dem die „volle Freiheit“ (S/B 73) des Sohnes ein Anliegen war. Aus dieser Beziehungsdynamik heraus gelang es Romano, seinen Vater auf seine Seite ziehen.
Diesem Vater-Sohn-Konsens stellte sich die Mutter allerdings entschieden entgegen und wollte den Vater dazu bringen, dass dieser dem Sohn die ökonomische Grundlage entzog. Rückblickend vermutet Guardini: „So war ihr, glaube ich, der Gedanke, ihr ältester Sohn wolle Priester werden, einfach genant.“ (S/B 74) Das ist sicher nicht die ganze Wahrheit. Uns ist bekannt, dass sie schon die Entscheidung ihres Sohnes für Deutschland nicht akzeptieren konnte; der Priesterstatus würde ihn noch mehr von ihr entfernen. Dass Guardini das Merkmal „ältester Sohn“ anführt, lässt folgende Spekulation zu. Paola Guardini hat mit 15 Jahren ihre Mutter verloren. Mit der Geburt ihres ersten Sohnes – acht Jahre später – war gleichzeitig auch das Thema des Verlustes ihrer Mutter präsent, woraus eine besonders starke innere Verbindung zu ihrem ältesten Sohn erwuchs. Das würde erklären, warum es ihr so schwerfiel, ihren Erstgeborenen freizugeben. Angesichts der Tatsache, dass Frau Guardini bis zu ihrem Tod mit ihrem drittgeborenen Sohn Mario zusammenlebte, könnte man fantasieren, dass eigentlich Romano ihr „Auserwählter“ und Mario nur stellvertretend an ihrer Seite war. Vor diesem Hintergrund kann man ermessen, wie entscheidend es für Romano war, dass sich der Vater in dieser zugespitzten Konfliktsituation gegenüber seiner Frau durchsetzte.
Das war allerdings noch nicht der Durchbruch. Kaum studierte Guardini mit dem Einverständnis des Regens des Mainzer Priesterseminars im Sommersemester 1906 Theologie in Freiburg passierte es paradoxerweise, dass er an seinem Wunsch, Priester zu werden, irre wurde, ja sogar eine unaussprechliche Abneigung gegen das Priester-sein entwickelte. Als er sich an den tiefsten Punkt seiner Krise erinnert, schreibt er: „Die Grundwasser der Schwermut stiegen in mir so hoch, dass ich zu versinken glaubte, und der Gedanke, mit dem Leben Schluss zu machen, mir sehr nahe war.“ (S/B 75) Nur auf eine einzige Art und Weise fand er damals Ruhe, dann wenn er auf den Stufen des Sakramentsaltares des Freiburger Münsters niederkniete.
Wenn wir uns vorstellen, Guardini hätte sich damals in Psychotherapie begeben, so hätte sich möglicherweise herausgestellt, dass ihm die belastete Beziehung zu seiner Mutter zu schaffen machte und er unbewusst eine Wiedergutmachung anstrebte.
Die Lösung der Krise widerfuhr Romano Guardini auf spiritueller Ebene, bei einem Ausflug zum Kloster Hohenburg auf dem Odilienberg im Elsass. „Auf dem Rückweg, der schönen Straße, die an der Karthause vorbeiführt, betete ich den Rosenkranz. Da löste sich die Not, und ich wurde ruhig. Es war meine erste wirkliche Begegnung mit diesem Gebet, das mich später so viel beschäftigen sollte. Von jener Stunde an habe ich an meinem Priesterberuf nie mehr gezweifelt.“ (S/B 75) 
In der Retrospektive ist erkennbar, dass Guardini eine wirkliche Selbstbefreiung glückte. Sein Aufwachsen in familiärer Abhängigkeit hätte auch zur Folge haben können, dass er sich in die Gegenabhängigkeit einer kirchlichen Gehorsamsstruktur flüchtet. Guardini schaffte es aus der Not eine Tugend zu machen und wurde so zum leuchtenden Vorbild eines Kirchenmannes, der in unbedingter Loyalität zu seiner Kirche - allen Widrigkeiten trotzend – einen singulären Freiheitsweg ging.


Literatur

Sigel (S/B) Guardini, Romano: Stationen und Rückblicke / Berichte über mein Leben. Verlage Grünewald und Schöningh 1984. 5. Aufl. 1995
Bauriedl, Thea: Beziehungsanalyse. Das dialektisch-emanzipatorische Prinzip der Psychoanalyse und seine Konsequenzen für die Familientherapie.1980
Gerl-Falkovitz, Hanna-Barbara: Romano Guardini 1885–1968. Leben und Werk. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1985. 4. Aufl. 1995
Gerl-Falkovitz (Hg): „Ich fühle, dass Großes im Kommen ist." Romano Guardinis Briefe an Josef Weiger 1908-1962, Grünewald 2008
Richter, Horst-Eberhard: Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie, 1970
Stierlin, Helm: Eltern und Kinder im Prozess der Ablösung. Suhrkamp: 1975
Volbach, Wolfgang Fritz. Mein Mitschüler Romano Guardini. In: Heist, Walter (Hg.). Romano Guardini. Der Mensch. Die Wirkung. Begegnung. Mainz 1979




























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