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Samstag, 20. Mai 2023

 

Joseph Ratzinger: Gelehrter von Rang und mächtiger Weichensteller in der römisch-katholischen Kirche

Porträt des am 31. Dezember 2022 verstorbenen Papst Benedikt XVI.

I. VOM CHIEMGAUER DORFBUB ZUM PAPA EMERITUS IN ROM

Im Alter von 43 Jahren gab Joseph Ratzinger am 11. Juli 1920 im Altöttinger Liebfrauenboten eine Anzeige auf: „Mittlerer Staatsbeamter, ledig, katholisch … sucht sich mit einem gut katholischen, reinlichen Mädchen, das gut kochen und alle Hausarbeiten kann, … zu verehelichen.“ Auf diesem Weg lernte Gendarmeriemeister Ratzinger die 7Jahre jüngere Köchin Maria Peintner aus Rimsting kennen. Schon vier Monate später war Hochzeit, und es kamen 1921 Maria, drei Jahre später Georg und am 16. April 1927, dem Karsamstag, Joseph Alois, der zukünftige Papst, zur Welt.

Wie bereits die Namensgebung andeutet, war die Familie tief religiös und lebte mit und in dem Kirchenjahr. Die Ratzingers waren eine Familie auf Wanderschaft – so Kardinal Ratzinger in seinen Lebenserinnerungen -, und als Vater Ratzinger nach seiner Pensionierung ein Haus in Hufschlag bei Traunstein kaufte, war das bereits die vierte Adresse des 10-jährigen Sohnes Joseph. Dadurch, dass die Familie keine Wurzeln an einem bestimmten Lebensort schlug, wurde die Katholische Kirche umso mehr zum Kontinuitätsträger.

Diese Katholische Kirche galt es in den letzten Jahren der Weimarer Republik und dann ab 1933 gegen nationalsozialistische Gleichschaltungsbestrebungen zu verteidigen. Josephs Vater machte sich als Polizist und entschiedener Gegner der „Hakenkreuzler“ unbeliebt, und er selbst musste als Grundschüler miterleben, wie der Pfarrer, für den er ministrierte, von Braunhemden verprügelt wurde.

Im Alter von 12 Jahren folgte Joseph seinem Bruder Georg in das auf den Priesterberuf vorbereitende Studienseminar St. Michael in Traunstein. Hier entdeckte er die Welt der Bücher und erhielt den Spitznamen Bücher-Ratz. Aber die Zeiten erlaubten keine ruhige Entwicklung, und so musste Joseph mit 14 Jahren der Hitlerjugend beitreten. Als 17-jähriger Rekrut des Ausbildungsbattaillons 179 in Traunstein wurde er vom Leutnant nach seiner Berufsvorstellung gefragt. Seine Antwort „Priester“. Der überzeugte Nationalsozialist verlor die Contenance: „Da werden Sie sich um etwas anderes umsehen müssen! Priester werden in Zukunft nicht mehr gebraucht.“ (Predigt 1994) Hier liegt die Wurzel eines ihn lebenslang begleitenden Themas: Die Verteidigung der Katholischen Kirche und des Priestertums gegen eine verderbte und gottlose Welt.

Der Senkrechtstarter

Mit dem Ende der Nazi-Herrschaft begann eine steile theologische Karriere. Im Juli 1950 legte Joseph Ratzinger das theologische Examen in München ab und widmete sich anschließend sofort der jährlichen Preisaufgabe der theologischen Fakultät: „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“. Die Arbeit schloss er nach 9 Monaten mit Bravour ab, und der Lohn war die damit verbundene Promotion. Zwei Monate danach erfolgte am Peter- und Paulstag im Freisinger Dom die Priesterweihe. Nur ein Jahr später dozierte der intellektuelle Überflieger an der philosophisch-theologischen Hochschule Freising, wo er zum Wintersemester 1954 im Alter von 27 Jahren den Lehrstuhl für Dogmatik und Fundamentaltheologie übernahm. Dem 1957 habilitierten Professor wurde 1958 von der Universität Bonn seine Traumposition angeboten, und um seinen 32. Geburtstag herum nahm Joseph Ratzinger seine Arbeit als Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologe an der renommierten katholisch-theologischen Fakultät auf.

Dem Neuankömmling eilte ein Ruf als innovativer Denker voraus, was ihm einen großen Zulauf zu seinen Vorlesungen eintrug. Anfang 1959 kündigte Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil an, und der Erzbischof von Köln war in dessen Vorbereitung involviert. Als seinen Berater erwählte sich Kardinal Frings den jungen Professor Ratzinger, der ihm dann während des Konzils (1962 – 65) zur Seite stand und einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Konzilstexte nahm. Dessen damalige progressive Denkungsart kommt gut in einer von ihm in dieser Phase formulierten Position zum Ausdruck: Die Kirche von morgen wird „als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen.“ (Glaube und Zukunft, 1970, 123)

Kipp-Punkt 1968

Während die 1968er Bewegung die Initialzündung für eine Aufbruchsdynamik in der bundesrepublikanischen Gesellschaft war, begab sich die Katholische Kirche mit der Enzyklika „Humanae vitae“ Papst Pauls VI. vom Juli 1968, die der Volksmund „Pillenenzyklika“ nannte, in eine Jahrzehnte währende lehramtliche Sackgasse. Das damalige Auseinanderdriften von Rom und Deutscher Katholischer Kirche – hier bestand man in Sachen Verhütung auf der persönlichen Gewissensentscheidung der Eheleute – war ein Widerstreit, der seinen Höhepunkt Ende der 90er Jahre mit dem von Rom geforderten Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung hatte und mit dem deutschen Synodalen Weg bis heute andauert. Zentraler Akteur des deutsch-römischen Tauziehens war der wirkmächtige spätere römisch-bayerische Glaubenspräfekt und dann ab 2005 deutsche Papst.

Nach den Professuren in Bonn und Münster (1963 - 66) folgte Joseph Ratzinger - auf das Betreiben seines ehemaligen Konzilskollegen und späteren theologischen Widersachers Hans Küng hin – einem Ruf in die theologische Hochburg Tübingen. Symptomatisch für die divergierenden Entwicklungswege von Küng und Ratzinger waren deren unterschiedliche Reaktionen auf die ab 1968 revoltierenden Studenten. Der forsche Hans Küng warf sich mit dem Grundgesetz in der Hand in die Debatte, derweil sein professoraler Kollege Ratzinger in höchstem Maße verschreckt reagierte. Sein Assistent Wolfgang Beinert berichtet, was er damals aus nächster Nähe mitverfolgte: „Ich habe die Wandlung von einem konservativen, gemäßigt liberalen Denker zu einem ganz ängstlichen und pessimistischen Mann erleben müssen.“ (Deutschlandfunk 2023) In vielen Büchern wird das als Folge eines Traumas verortet, aus meiner Sicht handelt es sich um eine Re-Traumatisierung, die mit Ratzingers tiefgreifenden Erlebnissen als Kind und Jugendlicher in der Nazi-Zeit in Verbindung steht. Er erlebte quasi zum zweiten Mal die Gefährdung seines katholisch-traditionalen Fundamentes durch eine innerweltliche Heilsideologie und floh in das - von studentischen Umtrieben verschonte - oberpfälzische Regensburg in die Nähe seiner Geschwister.

Vom Erzbischof zum Präfekten der Glaubenskongregation

Nach dem jähen Tod des Münchner Erzbischofs Julius Kardinal Döpfner im Juli 1976 ernannte Papst Paul VI. im Frühjahr darauf Joseph Ratzinger zu dessen Nachfolger. Der war mit Leib und Seele Professor, und es fiel ihm nicht leicht, dem ihm von Mutter Kirche auferlegten Dienst nachzukommen. Mit der Ernennung zum Kardinal nur drei Monate später signalisierte Rom, dass noch größere Aufgaben warteten. Der im Oktober 1978 zum Papst gewählte Karol Wojtyła hätte gerne von Beginn seines Pontifikates an Joseph Ratzinger an seiner Seite gehabt, musste sich aber gedulden, bis der Erzbischof von München und Freising Anfang 1982 an die Spitze der Glaubenskongregation wechselte.

Die Katholische Kirche hatte nun mit Johannes Paul II. und seinem Glaubenspräfekten ein langjähriges starkes Führungsduo, bei dem nicht zu Unrecht von einem „Doppelpontifikat“ die Rede war. Von ihrer Persönlichkeitsstruktur her war den beiden Männern tiefe Frömmigkeit gemeinsam, aber fatalerweise auch das Motiv des Abwehrkampfes gegen böse Außenmächte. Zu spüren bekamen das zuallererst die Befreiungstheologen Lateinamerikas, die im Verdacht einer zu großen Nähe zum Marxismus standen.

In seinen Lebenserinnerungen nahm Joseph Ratzinger daran Anstoß, dass - aufgrund der vom II. Vatikanum ausgelösten Reformen - die Gläubigen nun alles in der Kirche für veränderbar hielten. „Immer mehr bildete sich offenbar der Eindruck, dass eigentlich nichts fest sei in der Kirche, dass alles zur Revision stehe.“ (Aus meinem Leben, 134)

Der oberste Glaubenswächter war sich mit Johannes Paul II. darin einig, dieser Veränderungsdrift entschieden entgegenzusteuern. Das fing bei der Neubesetzung von Bischofsstühlen an, für die nur noch dezidiert linientreue Kandidaten in Frage kamen. Mit dieser Engführung kam es allerdings zu Fehlbesetzungen: In Deutschland waren dies Walter Mixa und Franz-Peter Tebartz-van Elst. Theologen mit akademischen Ambitionen hatten fortan genau darauf zu achten, welche Inhalte sie publizierten, wollten sie die Option auf einen späteren Lehrstuhl aufrechterhalten. Etablierte Theologen, die sich erlaubten, von Rom nicht abgesegnete Positionen zu vertreten, liefen Gefahr, mit Bußschweigen oder Lehrverbot belegt zu werden. Die prominentesten deutschsprachigen Theologen, denen die Lehrbefugnis entzogen wurde, waren Hans Küng und Eugen Drewermann. Weltweit wurden - so Leonardo Boff - etwa hundert Berufskolleg:innen sanktioniert.

1989 protestierten am Dreikönigstag 220 deutsche Theologie-Professor:innen mit der „Kölner Erklärung: Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“. Darauf reagierend führte das römische Lehramt überhastet einen Treueeid ein, der fortan von Priestern und anderen Amtsträgern zu leisten war.

Im Jahr 1995 wurde von Österreich aus ein Kirchenvolks-Begehren gestartet, das in der BRD von mehr als 1,8 Millionen Gläubigen unterschrieben wurde. Die damaligen Forderungen spiegeln weitgehend das Konfliktfeld wider, auf dem bis heute zwischen deutschem Synodalen Weg und römischem Lehramt gerungen wird. 
     1.     Aufbau einer geschwisterlichen Kirche

2.   Volle Gleichberechtigung der Frauen

3.   Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform

4.   Positive Bewertung der Sexualität

5.   Frohbotschaft statt Drohbotschaft

Der letzte Punkt ist erfreulicherweise mit dem Pontifikat von Franziskus inzwischen eingelöst. Man muss Joseph Ratzinger zugutehalten, dass es ihm nie um Machtausübung per se ging. Er sah sich als Verteidiger göttlicher Wahrheit, war allerdings nicht bereit, den eigenen Wahrheitsanspruch zu hinterfragen.

Ein deutscher Papst in schwierigen Zeiten

Im hohen Alter von 78 Jahren wurde Joseph Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 vom Konklave zum 265. Papst der katholischen Kirche gewählt, ein Amt, das er bis zum Februar 2013 innehatte. Es war anrührend mitzuerleben, wie er – der Last des Glaubenswächters ledig – als scheu lächelnder Papst Benedikt XVI. zum Sympathieträger wurde.

Die anfängliche Hochstimmung endete allerdings abrupt am 12. September 2006 mit der Regensburger Rede. Der Pontifex begab sich noch einmal an „seiner Uni“ in die Rolle des Professors am Vorlesepult, ohne sich ausreichend bewusst zu sein, dass jede Äußerung eines Papstes politische Implikationen hat. Er zitierte aus einem Gespräch, das der byzantinische Herrscher Manuel II. Palaiologos im Jahr 1391 mit einem persischen Gelehrten geführt hatte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Benedikts Aussage löste in der islamischen Welt eine Welle des Protestes aus, führte aber auch dazu, dass sich 138 muslimische Gelehrte unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammentaten, um einen gemeinsamen offenen Brief zu formulieren, in dem sie zum Dialog über Gemeinsamkeiten der beiden Religionen aufforderten. Dieses Angebot nahm das Oberhaupt der Katholischen Kirche im November 2007 an.

Zu einem weiteren Aufsehen erregenden Vorfall kam es Anfang 2009, als der Pontifex die Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft aufhob und sich herausstellte, dass seit Tagen öffentlich bekannt war, dass einer von ihnen, Bischof Richard Williamson, Holocaust-Leugner war. Nach wochenlangem Schweigen nahm Benedikt XVI. in einem persönlich gehaltenen Brief an die Bischöfe Stellung zu seiner umstrittenen Entscheidung. In seiner Erklärung kommt auch eine, kaum für möglich gehaltene Weltfremdheit des Vatikans zum Ausdruck: „Ich höre, dass aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten.“ (Brief an die Bischöfe. 10.03.2009)

Schwerer noch als die obigen Vorkommnisse wiegt die von Benedikt bewusst gesetzte Distanzierung von Protestantismus und Judentum. In einem vatikanischen Dokument von 2007 ließ Benedikt bekräftigen, dass protestantische Kirchen – anders als die Orthodoxie - keine Kirchen im eigentlichen Sinn seien. Und 2008 führte er folgende Karfreitagsfürbitte für die Juden neu ein:

„Wir wollen auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen.“ Der hier zum Ausdruck kommende Bekehrungsimpetus löste internationalen jüdischen Protest aus.

Was Joseph Ratzinger am stärksten ins Schlingern brachte, ist das Öffentlich-werden von verbrecherischem Verhalten von Priestern und gravierendem Amtsversagen von Bischöfen gegenüber einer großen Zahl an Opfern klerikalen sexuellen Missbrauchs. Als Glaubenspräfekt war er von Anfang an mit einzelnen solcher Fälle befasst, in den 90er Jahren landete dann eine Vielzahl von Missbrauchsakten aus Australien, Irland und Kanada auf seinem Schreibtisch. Die Enthüllungen des Boston Globe 2002 in den USA führte zu einer Flut weiterer Fälle, die in Rom eingingen. Für Joseph Ratzinger, der ein Leben lang das Sehnsuchtsbild einer heilen Kirche hochhielt, die den reinen Glauben unversehrt durch die Jahrhunderte trägt, war die dunkle Realität klerikalen Missbrauchs schwer zu ertragen. Es mutet wie ein Akt der Verzweiflung an, dass er als Papst im Jahr 2009 überraschend ein „Jahr des Priesters“ ausrief. Kaum zu fassen ist, dass er vor dem Hintergrund der ihm bekannten Sexualdelikte vieler Priester im Auftaktschreiben des Priesterjahres seine Mitgeistlichen auffordert, sich „innerlich angerührt und dankbar bewusst zu werden, welch unermessliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind.“  Diese Romantisierung des Priesterstandes paart sich bei ihm mit einer Verantwortungsverschiebung für das Missbrauchsdesaster: “Man könnte nun meinen, der Teufel konnte das Priesterjahr nicht leiden und hat uns daher den Schmutz ins Gesicht geworfen” (Licht der Welt, 52). In Joseph Ratzingers idealisiertem Kirchenkonstrukt war ein Schuldig-werden von Bischöfen an erster Stelle ein vor der Öffentlichkeit zu verbergendes Internum und das Versagen von Päpsten ein Widerspruch in sich. Denn der Mensch ist fehlbar, das Papstamt aber nicht. Insofern hat er als Papst emeritus für sein Fehlverhalten als Erzbischof von München – klerikalen Missbrauch betreffend - nie persönliche Verantwortung übernommen.

Eine Dekade lang Papa emeritus

Am 11. Februar 2013 betritt Benedikt XVI., dessen Lebenswerk bisher dem Hochhalten und der Absicherung der katholischen Überlieferung galt, Neuland. Mit seiner wohlüberlegten Ankündigung seines Rücktritts vom Papstamt bricht er mit der bisherigen Tradition und schreibt damit Kirchengeschichte. Freilich tut er dies zu seinen Bedingungen und tritt nicht zurück ins Glied als emeritierter Bischof von Rom, sondern bleibt Papst, indem er sich weiterhin weiß gewandet und sich fortan Papa emeritus nennt.

Kritischer noch als die Parallelität zweier Päpste war die Scharnierposition des im Dezember 2012 zum Erzbischof erhobenen Georg Gänswein, der in seiner Funktion als Präfekt des Päpstlichen Haushaltes auch für Franziskus tätig wurde, aber ungeachtet dessen weiterhin als Privatsekretär an Benedikts Seite blieb.

Anfang Februar 2020 kam es zum Eklat. Franziskus war gerade dabei, das nachsynodale Schreiben zur Amazonas-Synode des vergangenen Herbstes zu schreiben. Die dortige Versammlung hatte vorgeschlagen, dem gravierenden Priestermangel durch die Weihe von sogenannten „viri probati“ – also im Glauben und Leben bewährten verheirateten Männern – zu Diakonen zu begegnen. Konservative Kreise in Rom waren alarmiert, und einer ihrer Protagonisten, der guineische Kardinalpräfekt Robert Sarah, veröffentlichte am 15. Januar ein Buch, das inhaltlich gegen die Aufweichung des zölibatären Priestertums Front machte. Joseph Ratzinger hatte einen Text beigesteuert - „Le sacerdoce catholique“. Das katholische Priestertum - und firmierte in der französischen Ausgabe als Co-Autor. Das bedeutete gegenüber dem amtierenden Papst einen Affront. Erzbischof Gänswein beeilte sich zwar klarzustellen, dass Benedikt nicht der Co-Autor des Buches sei, aber das Kind war bereits in den Brunnen gefallen, und Gänswein wurde von Franziskus auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Am Ende stand eine Entpflichtung vom Dienst als Präfekt des Päpstlichen Haushaltes.

Dem eskalierenden Konflikt liegt eine von Haus aus schwierige Gemengelage zugrunde. Zwei Wochen vor seinem terminierten Rücktritt verkündete Benedikt XVI. vor dem versammelten römischen Klerus, dass er sich zurückziehen und für die Welt verborgen bleiben werde. Als weltabgewandten zukünftigen Lebensort wählte er das vatikanische Kloster Mater Ecclesiae. Doch wollte weder die Welt – insbesondere die Benedikt verbundenen traditionalistischen Katholiken – den Papa emeritus in Ruhe lassen, noch wollte er selbst darauf verzichten, zu schreiben, sich ab und an zu Wort zu melden, Interviews zu geben, Besuch zu empfangen und sich fotografieren zu lassen.

Von Anfang an bestand die ambivalente Konstellation, dass bei Äußerungen und Stellungnahmen Benedikts nie so ganz klar war, wo er authentisch für sich sprach, und wo er unter dem interessengeleiteten Einfluss seines Umfelds stand. Diese Problematik verstärkte sich mit fortschreitendem Alter und wurde besonders 2021 und 2022 virulent, als sich das Münchner Missbrauchsgutachten mit dem Verhalten des Erzbischofs Ratzinger in den Jahren 1977 bis 82 befasste.

Das Phänomen eines Papa emeritus wird wohl ein singuläres Geschehnis bleiben. Denn im Falle eines Rücktritts von Papst Franziskus wird erwartet, dass sich dieser an den Empfehlungen von Experten orientieren wird. Das jetzige Oberhaupt der Kirche würde demzufolge ins Glied zurücktreten, wäre vom Status her emeritierter Erzbischof von Rom und würde das papale weiße Gewand ablegen. Ein solches Prozedere würde insbesondere in einer denkbaren Konstellation Eineindeutigkeit herstellen, wo mehrere ehemalige Päpste sich zeitgleich im Vatikan aufhalten würden. Es würde dadurch insbesondere eine Verunklarung der pyramidal-hierarchischen Verfasstheit der Kirche vermieden, an deren Spitze ein im Konklave gewählter Stellvertreter Jesu Christi steht.

II. JOSEPH RATZINGER / PAPST BENEDIKT ALS STRATEGE UND ENTSCHEIDER DER NACHKONZILIAREN KIRCHE

Wer hätte von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an bis heute mehr Einfluss auf die Katholische Kirche genommen als Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Er war Konzilstheologe, Professor an bedeutenden deutschen Fakultäten, Erzbischof einer großen Diözese, war 23 Jahre lang der Präfekt der vielerorts gefürchteten Glaubenskongregation, lenkte 8 Jahre lang als Papst die Geschicke der Weltkirche und war auch in den 10 Jahren als Papa emeritus vernehmbar.

Als mächtiger Präfekt der Glaubenskongregation, und auch dank seiner theologischen Expertise, konnte er der Gegenwartskirche seinen Stempel aufdrücken, indem er die nach-konziliare Veränderungsdynamik außer Kraft setzte und die hierarchische Papstkirche per Top-down-Entscheidungen zementierte. Bei der von ihm als Papst verfolgten Agenda ging es ihm vor allem darum, das Profil der Katholischen Kirche in Abgrenzung zu anderen Glaubensgemeinschaften und Religionen zu schärfen. Die von Ratzinger/Benedikt jahrzehntelang betriebene Kirchenpolitik kann man mit drei Leitbegriffen kennzeichnen: Entweltlichung, Gefahrenabwehr und Identitätssicherung.

ENTWELTLICHUNG

Das Motiv der Entweltlichung taucht bei Joseph Ratzinger schon 1958 auf, als er noch den progressiven Kräften der Kirche zugerechnet wurde. In seinem Aufsatz „Die neuen Heiden und die Kirche“ problematisiert er ein neues Heidentum, „das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.“ In der Kirche würden angebliche Christen überhandnehmen, die in Wirklichkeit Heiden sind. „Der Mensch von heute kann also als Normalfall den Unglauben seines Nachbarn voraussetzen.“ Ratzinger sieht die Notwendigkeit, noch vorhandene weltliche Positionen rigoros abzubauen, um die Kirche als Überzeugungsgemeinschaft hervortreten zu lassen, als Gemeinschaft der Glaubenden. Er sieht einen unaufhaltsamen Wandel voraus, der von der Weltkirche, die mit der Zivilgesellschaft verflochten ist, hinführt zur Kirche der „kleinen Herde“ der dezidiert Entschiedenen.

Mehr als 50 Jahre später rückt Joseph Ratzinger als Papst Benedikt bei seiner Deutschlandreise 2011 wiederum die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche in den Vordergrund. Seine Diagnose lautet: „Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen.“ Und als Therapie empfiehlt er: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Speziell an die Präsidiumsmitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken adressiert, kritisiert er, dass es in der in Deutschland bestens organisierten Kirche „einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt.“ Und am Tag darauf nimmt er sich beim Abschlussgottesdienst mit fast 100.000 Teilnehmern heraus, engagierte Laien und professionell in der Kirche Tätige zu beargwöhnen: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden…sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz vom Glauben berührt wäre.“

Benedikt weiß, welche umfangreiche und wertvolle Arbeit die Katholische Kirche in der BRD im Bereich des Sozial- und Gesundheitssystems leistet, und dass diese tätige Nächstenliebe nur auf einer ausreichenden materiellen Basis erbracht werden kann, und empfiehlt dennoch, „die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.“ In seiner Kritik am „etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken“ in Deutschland schwingt m. E. mit, dass ihm eine ärmere deutsche Kirche überhaupt zupasskäme. Es wäre durchaus in seinem Sinne, die weltweit angesehene, profilierte und tendenziell romkritische deutsche Theologie zu schrumpfen und die Mittelzuflüsse an selbstbewusste katholische Laienorganisationen auszutrocknen.

Das Resümee der papalen Deutschlandvisite brachte Hans Küng präzise auf den Punkt: „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“ - „Wo dieser Papst ist, da ist Vergangenheit.“ (Freie Presse, Chemnitz)

GEFAHRENABWEHR

Joseph Ratzinger neigte aufgrund seiner mentalen und biografischen Dispositionen eher zu Pessimismus und düsterer Zukunftserwartung. Eine mehrfach von ihm verwendete Metapher für den Niedergang der Kirche ist die des untergehenden Bootes.

„Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist.“ (Karfreitags-Kreuzweg, 25. März 2005)

„Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt … Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden.“ (Predigt vor dem Beginn des Konklaves, 18. April 2005)

„… hat es mich bewegt, dass er … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“ (Grußwort von Benedikt XVI. zum Requiem von Kardinal Meisner 2017)

Dem Kontext des ersten Zitates lässt sich entnehmen, dass Kardinaldekan Ratzinger, der Papst Johannes Paul II. kurz vor dessen Tod beim Karfreitags-Kreuzweg vertrat, unter dem ihn aufwühlenden Eindruck der zahlreichen – klerikalen sexuellen Missbrauch dokumentierenden - Akten aus dem angelsächsischen Raum stand, die in den letzten Jahren auf seinem Schreibtisch gelandet waren. „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?“ (Karfreitags-Kreuzweg 2005)

Das zweite Zitat beinhaltet eine Kritik an jenen Theologen, die Glaubensmeinungen vertreten, die mit dem römischen Lehramt nicht übereinstimmen und aus kurialer Sicht die Gläubigen in Verwirrung stürzen.

Im Kontrast zum kenternden Boot des dritten Zitates hat Benedikt vorausgehend den verstorbenen Kölner Erzbischof Joachim Meisner als standfeste Persönlichkeit gekennzeichnet, der sich als überzeugender Hirte der „Diktatur des Zeitgeistes“ entgegenstellte.

Nimmt man die drei Boots-Metaphern zusammen, so spiegeln diese das Spektrum des Benedikt’schen Abwehrkampfes adäquat wider.

- Der äußere Feind ist die moderne hedonistische Gesellschaft, der nichts heilig ist, und die mit ihren Verlockungen verhindert, dass die Menschen zu ihrem eigentlichen Wesen finden können. Deren „Diktatur des Relativismus“ lässt den wahren Glauben des römischen Katholizismus als nur eine Option innerhalb der gesamten religiösen Angebotspalette erscheinen.

- Die inneren Feinde sind zum einen die lauen service-orientierten Christen und zum anderen die engagierten kritischen Gläubigen, die lehramtliche Vorgaben in Frage stellen und sich auf ihr eigenes Denken und Gewissen verlassen. Schlimmer noch sind jene Theologen, die eigene Einsichten über die des Lehramtes stellen und auch noch Anklang beim Gottesvolk finden. Am verheerendsten sind klerikale Missbrauchstäter, deren Verbrechen die Kirche allerdings – zu Lasten der Opfer – bagatellisierte.

Aus Sicht Benedikts befinden sich die gegenwärtige Zivilisation wie auch die Kirche in einer fundamentalen Krise, und er antwortet darauf mit einer Doppelstrategie. Zum einen muss sich die Kirche von der modernistischen Welt zurückziehen, die Reihen schließen und den Schatz des Glaubens und der katholischen Tradition bewahren. Das wäre das Kirchenschiff, das sich zur Arche Noah umrüstet, um dort bis zu besseren Zeiten auszuharren. Im Kontrast dazu inszeniert Benedikt sich und die Papstkirche als römisches Leuchtfeuer, deren zeremonielle Pracht die graue, gottlose Zivilgesellschaft überstrahlt und den Glanz der Ewigkeit aufscheinen lässt.

IDENTITÄTSSICHERUNG

Nach innen ging es Joseph Ratzinger um eine Definition und Festigung dessen, was er als Fundament des Katholischen ansah. Nach außen war für ihn die Katholische Kirche die Messlatte, anhand derer sich der Stellenwert aller anderen Glaubensgemeinschaften und Religionen bestimmen ließ.

1. Die Durchsetzung der Alleinstellungsposition der römisch-katholischen Kirche

Eine Kernaussage der Kirchenkonstitution des II. Vatikanums, die von einer breiten Öffentlichkeit als bedeutsamer Fortschritt angesehen wurde, passte ganz und gar nicht in das Konzept des Präfekten der Glaubenskongregation. Das ursprüngliche, von der Kurie vorbereitete Schema der Pastoralkonstitution „Über die Kirche“ – das den Konzilsvätern 1962 vorgelegt wurde - wäre ganz im Sinne von Joseph Ratzinger gewesen und lautete an der entscheidenden Stelle:

„So lehrt also die heilige Versammlung …, dass es nur die eine wahre Kirche Jesu Christi gebe, diejenige nämlich, … die der Erlöser … dem heiligen Petrus und seinen Nachfolgern … zur Leitung übergeben hat; und deshalb wird einzig die katholische römische mit Recht Kirche genannt.“ (Zit. nach Knauer, 154)

Im Verlauf der konziliaren Beratungen einigten sich die Bischöfe 1964 allerdings auf eine textliche Endfassung, die eine markante Bedeutungsverschiebung beinhaltet:

„Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ (Lumen gentium, Nr. 8)

Die universale Kirche des Glaubensbekenntnisses ist demzufolge nicht identisch (lat. est) mit der römisch-katholischen Kirche als Einzelkirche, sondern ist in dieser verwirklicht (lat. subsistit in). Das Konzil räumt also ein, dass die eine universale Kirche auch in anderen christlichen Kirchen subsistieren könnte, in denen an Jesus Christus und seine Gottessohnschaft geglaubt wird. In dieser Perspektive hätte das Konzil einen Durchbruch im Hinblick auf eine Ökumene auf Augenhöhe erzielt. 

Was im konfessionell geteilten Deutschland als hoffnungsvolle Weichenstellung in Richtung versöhnter Verschiedenheit von Katholiken und Protestanten wahrgenommen wurde, wertete Joseph Ratzinger als Ausverkauf der römisch-katholischen Vorrangstellung. Als Theologe stellte er heraus, dass die Formel ‚Die universale Kirche des Glaubensbekenntnisses ist in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht‘ „widersprüchlichste Deutungen gefunden hat“ (Ratzinger 2002), und als Glaubenspräfekt gab er mit seinem Schreiben „Dominus Iesus“ (2000) als lehramtlich verbindliche Lesart vor, „dass die Kirche Christi trotz der Spaltungen der Christen voll nur in der katholischen Kirche weiterbesteht.“ (Nr. 16) Sowie: „Wenn es auch wahr ist, dass die Nichtchristen die göttliche Gnade empfangen können, so ist doch gewiss, dass sie sich objektiv in einer schwer defizitären Situation befinden.“ (Nr. 22)

Mit der von ihm geltend gemachten katholischen Hegemonialstellung nimmt Joseph Ratzinger für sich die Definitionsmacht in Anspruch, beispielsweise der Orthodoxie zuzugestehen, sich als Kirche zu bezeichnen, während sich die protestantischen Kirchen mit dem Status „Kirchliche Gemeinschaft“ abzufinden haben. Konstruktivem ökumenischem Dialog ist damit jeder Boden entzogen.

2. Die Verteidigung der vorkonziliaren Tradition gegen Neuerer und Reformer

Worum es Joseph Ratzinger letztlich geht, wird an einer Stelle seines Buches „Einführung in das Christentum“ (Erstausgabe 1968) augenfällig, wo er auf das Märchen vom „Hans im Glück“ zurückgreift, um den von ihm wahrgenommenen Verfall zeitgenössischen Katholizismus‘ zu illustrieren.

Hat unsere Theologie „nicht den Anspruch des Glaubens … stufenweise herunterinterpretiert? … Und wird der arme Hans, der Christ, der vertrauensvoll sich von Tausch zu Tausch, von Interpretation zu Interpretation führen ließ, nicht wirklich bald statt des Goldes, mit dem er begann, nur noch einen Schleifstein in Händen halten, den wegzuwerfen man ihm getrost zuraten darf?“ (Lizenzausgabe 2005, 27)

Von diesem Bild her lässt sich die Lebensaufgabe, die Joseph Ratzinger als seine Bestimmung begreift, klar benennen: Es gilt den Goldschatz des Glaubens, der von den Kirchenvätern grundgelegt wurde, und der seine Kindheit geprägt hatte, gegen jegliches Relativierungsansinnen zu verteidigen. Das schließt für den Glaubenshüter mit ein, von ihm konstatierte Fehlentwicklungen, deren Ausgangspunkt er im II. Vatikanum sieht, zu korrigieren.

Im Rückblick wird erkennbar, dass sich Papst Johannes Paul II. und sein ab 1982 amtierender Glaubenspräfekt darauf verständigt haben, der nach-konziliaren Vielstimmigkeit innerhalb der Kirche und den öffentlich ausgetragenen Kontroversen ein Ende zu bereiten. Die Enzyklika Pauls VI. von 1968, Humanae vitae, hatte bei Gläubigen, Theologen, Priestern und auch Bischöfen Empörung und Widerspruch ausgelöst und dazu geführt, dass nicht wenige den - der römischen Lehrautorität geschuldeten - Glaubensgehorsam aufkündigten. Für das katholische Führungsduo kam alles darauf an, die Wortführer in der Kirche wieder auf Linie zu bringen und die Gläubigen darauf zu verpflichten, sich dem hierarchischen Lehramt unterzuordnen.

Im Lauf der Jahre wurden mit den Instrumenten Professio fidei und Treueid erst die Bischöfe (1987), dann die innerkirchlichen Multiplikatoren (1990) und am Ende alle Gläubigen (1998) eingenordet. Werner Böckenförde führt folgendes, absurd anmutendes Szenario vor Augen: „Wer also für die Priesterweihe für Frauen eintritt, kann seit Inkrafttreten des Schreibens am 1. Oktober 1998 von seinem Diözesanbischof zum Widerruf ermahnt, ggf. bestraft, aber auch direkt von Rom zur Verantwortung gezogen werden.“ (1998, 7)

Diejenigen Hauptamtlichen, die sich quer stellten, kamen entweder für bestimmte berufliche Positionen nicht mehr in Frage oder wurden ihres Dienstes enthoben. In der Folge reagierten bezahlte kirchliche Mitarbeiter mit Angst und Selbstzensur, es entstand ein denunziatorisches Milieu und über die Kirche legte sich Mehltau.

Neben der präventiven Stärkung der formalen Lehrautorität ging es Papst und Glaubenspräfekt auch um die inhaltliche Ausweitung des lehramtlichen Definitionsbereiches. 

Im Codex Iuris Canonici (CIC), dem Gesetzbuch der Kirche, das – ausgehend vom Konzil - neu konzipiert wurde und 1983 in Kraft trat heißt es: 

„Kraft göttlichen und katholischen Glaubens ist all das zu glauben, was im geschriebenen oder im überlieferten Wort Gottes als dem einen der Kirche anvertrauten Glaubensgut enthalten ist und zugleich als von Gott geoffenbart vorgelegt wird, sei es vom feierlichen Lehramt der Kirche, sei es von ihrem ordentlichen und allgemeinen Lehramt.“ (Can. 750)

Das war bereits vor 1983 sittlich geboten, „wurde jetzt (aber) zusätzlich zu einer Rechtspflicht, deren Verletzung strafbar ist.“ (Böckenförde, 1998, 4) Um den zahlreichen lehramtlichen Verfügungen des „Doppelpontifikats“ auch ein rechtlich stärkeres Gewicht zukommen zu lassen, führte Papst Johannes Paul II. „zum Schutz des Glaubens der katholischen Kirche gegenüber den Irrtümern, die bei einigen Gläubigen auftreten“ (Apostolisches Schreiben ‚Ad tuendam fidem‘) 1998 eine zusätzliche Rechtsnorm ein. Der neu zum Kanon 750 hinzugefügte §2 deckt sich inhaltlich mit dem zweiten Zusatz der 1990 angeordneten Professio fidei:
„Fest anzuerkennen und zu halten ist auch alles und jedes, was vom Lehramt der Kirche bezüglich des Glaubens und der Sitten endgültig vorgelegt wird … daher widersetzt sich der Lehre der katholischen Kirche, wer diese als endgültig zu haltenden Sätze ablehnt.“. (Can. 750 -§ 2)

Ich nenne nur zwei Beispiele von zahlreichen vom damaligen Lehramt als endgültig und verbindlich erklärten Sätzen:

- „Die Kirche hat stets gelehrt, dass die Empfängnisverhütung, das heißt jeder vorsätzlich unfruchtbar gemachte Akt, eine in sich sündhafte Handlung ist.“ (Römisches Beichtväter-Vademecum, 1997, Nr. 4)

- „… erkläre ich kraft meines Amtes …, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Ordinatio sacerdotalis, 1994, Nr. 4)

3. Vom Normen-Regiment zur kirchenpolitischen Offensive

Joseph Ratzinger war nicht bereit, sich von auf Erneuerung drängenden Reformkatholiken und einer kirchenkritischen Medienöffentlichkeit in die Rolle des Verhinderers und Ewig-Gestrigen drängen zu lassen. Er war ja von der genuinen Wahrheit seines Welt- und Kirchenbildes überzeugt und sah die sich als aufgeklärt gerierenden, modernistischen Gesellschaften auf dem Holzweg. Also drehte er den Spieß um und schaltete von Verteidigungshaltung auf Angriff. Er maßte sich an, Werte wie Toleranz und Kompromissbereitschaft, individuelle Selbstverwirklichung, Pluralismus und partizipative Teilhabe unter das von ihm kreierte Narrativ einer „Diktatur des Relativismus“ zu subsumieren. In der von ihm geleiteten Messe vor der Papstwahl 2005 predigte er diese, seine Programmatik den versammelten Kardinälen:

„Wie viele Doktrinen haben wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkmoden … Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden … Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“ (St. Peter, 18. April 2005)

Mehrere Kardinäle applaudierten, und man kann davon ausgehen, dass dieser Auftritt mit ausschlagend dafür war, dass aus Joseph Ratzinger Benedikt XVI. wurde.

Zusätzlich zu dem wirkmächtigen Konstrukt „Diktatur des Relativismus“ gelang es ihm mit seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang der römischen Kurie 2005 ein weiteres, in der theologischen Debatte vielfach aufgegriffenes Narrativ zu setzen. Er erinnerte an den 40. Jahrestag des II. Vatikanums und sprach die – aus seiner Sicht – problematische Rezeption des Konzils an. Alles hinge ab „von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik.“ Von diesem Ausgangspunkt aus postuliert Benedikt eine Dichotomie zweier unvereinbarer Hermeneutiken, zum einen die »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« und zum anderen die »Hermeneutik der Reform«. Erstere hätte Verwirrung gestiftet, die zweitgenannte hätte Früchte getragen. Hier spaltet der streitlustige Polarisierer Joseph Ratzinger, demgegenüber der von der Wortbedeutung her brückenbauende Pontifex das Nachsehen hat.

Dass der »Hermeneutik der Diskontinuität« progressive Katholik:innen und die moderne Theologie zuzurechnen sind, versteht sich von selbst, aber wie erklärt sich, dass er die konservativ-traditionalistische Sichtweise, die insbesondere er selbst repräsentiert, als »Hermeneutik der Reform« labelt? Benedikt XVI. versteht unter Reform nicht die Umgestaltung des Bestehenden zum Besseren hin, sondern für ihn zielt Reform auf die Wiederherstellung eines früheren Zustands. Er hat also den Kirchenreformern den Begriff der „Reform“ stibitzt und sich dadurch aus der Defensive in die Offensive katapultiert.

III. WER WAR JOSEPH RATZINGER?

Die Frage lässt sich bei der Vielschichtigkeit des Protagonisten sicher nur perspektivisch und auch nur subjektiv getönt beantworten.

Man kann Joseph Ratzingers Leben in drei Phasen Einteilen:

1. Kindheit und Jugend von 1927 bis 1945

2. Studium bis zur Niederlegung der Professur in Regensburg

3. Hoher Amtsträger ab der sechsten Lebensdekade

Joseph Ratzinger wuchs mit zwei Geschwistern in sehr bescheidenen Verhältnissen in einer liebevollen Familie auf, die tief in der bayerisch-katholischen Lebenswelt verwurzelt war. Die innerfamiliäre Stimmigkeit kontrastierte allerdings mit dem äußeren nationalsozialistischen Terror, mit dem der Vater als Polizist gezwungenermaßen in Berührung kam. Mit seiner Einberufung im August 1943 machte Joseph hautnahe Erfahrungen mit dem Hass und den Gewaltexzessen des gottlosen Nazi-Regimes. Die zwei Jahre als Flakhelfer und Wehrmachtssoldat ließen ihn früh erwachsen werden und beförderten die klare Entscheidung, Priester werden zu wollen.

Nach dem Kriegsende erlebte Joseph nicht nur die Freiheit des Aufbruchs in eine lebenswerte Zukunft, sondern auch die Freiheit akademischen Nachdenkens und Forschens. Nicht unbedingt erwartbar machte er sich als Seminarist die Romkritik innerhalb der Münchner theologischen Fakultät zu eigen und entwickelte sich in nur wenigen Jahren zu einem Gelehrten, der nicht nur in Bonn als aufgehender Stern am Theologenhimmel gesehen wurde.

Der akademische Freiheitsweg des jungen Theologen Ratzinger kreuzte sich mit dem konziliaren Aufbruch der 60er Jahre. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Frings, kürte den 34-jährigen zu seinem Redenschreiber, und als Konzils-Peritus (theologischer Berater) ab 1962 zählte Ratzinger zu den fortschrittlichen Kräften, die die von einer verknöcherten Kurialbürokratie vorbereiteten Schemata vom Tisch fegten und den Raum für Ideenentwicklung und neue Konzepte frei machten.

Zu welch pointierter Kritik an einer selbstreferenziellen Kirche der brillante Theologe damals in der Lage war, kommt in einer Rede beim Bamberger Katholikentag 1966 zum Ausdruck, einer zeitgeschichtlich signifikanten Positionierung, die auch die Tragik von Ratzingers Biografie aufscheinen lässt:

„Schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird: nicht der Glaube selbst, der längst vor jenem Gestern und seinen Formen war, sondern eben die Form, die er sich einmal aus dem berechtigten Versuch heraus verschafft hat, in seiner Zeit zeitgemäß zu sein, aber nun gestrig geworden ist und keinerlei Ewigkeitsanspruch erheben darf. … Schuldhafter Skandal ist es auch, wenn unter dem Vorwand, die Ganzheit der Wahrheit zu sichern, Schulmeinungen verewigt werden, die sich einer Zeit als selbstverständlich aufgedrängt haben, aber längst der Revision und der neuen Rückfrage auf die eigentliche Forderung des Ursprünglichen bedürfen.“ (Ratzinger 1966)

Genau diese Sätze hätten Kritiker Jahre später dem medial als Großinquisitor oder Rottweiler Gottes gebrandmarkten Kardinalspräfekten der 80er und 90er Jahre entgegenschleudern können.

Der einschneidende Wendepunkt in Joseph Ratzingers Leben war seine Berufung im März 1977 als Nachfolger des Münchner Erzbischofs Kardinal Döpfner. Der Ausnahmetheologe war mit Leib und Seele Gelehrter, mit einem großen Zulauf an Studierenden, internationalen Einladungen als Vortragsredner und Büchern mit hoher Auflage. Sein Ziel war es „im großen geistigen Gespräch unserer Zeit wesentlich mitzudenken und mitzureden, ein eigenes Opus zu entwickeln.“ (Salz der Erde, 1996, 124) Diese seine Lebenserfüllung hatte er aufzugeben, um „in das Kleine und Vielfältige der faktischen Konflikte und Ereignisse hinuntersteigen“ und sich „einfach in den Dienst hineinstellen und ihn als meine Aufgabe an(zu)nehmen.“ (ebd.) Das hatte allerdings einen hohen Preis, den der Universitätsprediger der Münchner St. Ludwig Kirche, Eugen Biser, wahrnahm. Er erkannte, dass bei Ratzinger „die Differenz zwischen Amt und Person etwas sehr Leidvolles, Leben zerstörendes ist.“ (Zit. nach Seewald 2020, 705)

Von seinem Selbstverständnis her war und blieb Joseph Ratzinger an erster Stelle Gelehrter, dem auferlegt war, die Funktion eines hochgestellten katholischen Hierarchen auszuüben, die mit seinen persönlichen Neigungen und Dispositionen wenig kompatibel war. Deutlich wird das 1982, als er die Position des Leiters der Glaubenskongregation übernahm und bei seiner Ankunft in Rom seinem Sekretär Bruno Fink offenbarte, dass er sich spätestens nach der Ableistung von zwei Fünfjahresperioden von seiner Amtspflicht als Glaubenspräfekt entbinden lassen würde, um als 65-jähriger Pensionär in sein Haus in Pentling zurückzukehren. Dort würde er dann wichtige Bücher schreiben. (vgl. Seewald, 704) Dieses Wunschszenario betreffend machte ihm Johannes Paul II. einen Strich durch die Rechnung. Aber noch als Papst Benedikt publizierte er seine Jesus-Bücher unter dem Namen Joseph Ratzinger und legte Wert darauf, dass er als Autor kritisierbar war. Mit seinen zwei Schülerkreisen traf er sich regelmäßig zu theologischen Tagungen und hielt auch hier das wissenschaftliche Ethos hoch. Sein ehemaliger Tübinger Assistent, Wolfgang Beinert, berichtete, dass er einmal zu Papst Benedikt gesagt hätte: „Mit dieser meiner Meinung wirst du nicht einverstanden sein“. Dieser hätte ihn daraufhin angeherrscht: „Als Wissenschaftler wird man doch verschiedene Meinungen haben dürfen.“ (Deutschlandfunk 2023)

Die Rolle des Glaubenspräfekten forderte Joseph Ratzinger in hohem Maße. Von Georg Ratzinger wissen wir, dass sich sein Bruder Härte abringen musste, und Kardinal Koch ist überzeugt, der oberste Glaubenshüter habe sich „sehr schwer getan mit den Verurteilungen, das ging ganz gegen sein Naturell.“ (Seewald, 704f) Insbesondere setzte ihm schwer zu, dass er als einer, der ein verklärtes Sehnsuchtsbild einer heiligmäßigen Kirche in sich trug, über 23 Jahre hinweg ständig nicht nur mit Angriffen auf diese Kirche konfrontiert war, sondern auch mit Korruption und Geldwäsche im Vatikan und strafbaren Vergehen und Fehltritten von Kirchenangehörigen weltweit. Tiefpunkt war der sich permanent ausweitende Skandal klerikalen sexuellen Missbrauchs.

So sehr Joseph Ratzinger seine Wahl zum Papst auch als Bürde empfand, so war es für ihn doch befreiend, das Amt des Glaubenswächters hinter sich lassen zu können, und so war insbesondere in der Anfangszeit ein lächelnder und menschenzugewandter Papst Benedikt zu erleben.

Ab 1982 hatte Joseph Ratzinger quasi zwei Gesichter und bildete eine Doppelidentität als theologischer Gelehrter und als rigoroser Inhaber des Amtes des Glaubenspräfekten aus. Dieser intrapsychische Spagat war kräftezehrend, wobei dem Bayern in Rom zugutekam, dass er auf gewachsene Ressourcen zurückgreifen konnte. Mit seiner Schwester Maria lebte er ab 1969 – als er Professor in Regensburg wurde – bis zu deren Tod 1992 zusammen und auch mit seinem Bruder Georg hatte er häufig sowohl in Rom als auch in Bayern Kontakt. Wie sehr der Rückbezug auf das innige Glaubensleben seiner Kindheit ein tragendes Fundament war, kommt in einer von Peter Seewald geschilderten täglichen Routine zum Ausdruck: „Jeden Morgen um 7 Uhr – außer donnerstags – war Maria „quasi Mesnerin, die dem Priester in die Gewänder hilft, Ministrantin und ‚Volk‘ zugleich. Der Kardinal sucht vor dem Gottesdienst die Lieder aus und schreibt die entsprechenden Nummern in der richtigen Reihenfolge auf einen Zettel. An Sonn- und Feiertagen gibt es eine ‚Prozession‘.“ (Seewald, 701) Diese familiäre Glaubensidylle war für Joseph Ratzinger sicher ein Gegengewicht zu all dem „Schmutz“, dem er tagtäglich in der Glaubensbehörde begegnete.

Als Kardinal mit direktem Zugang zum Papst war Joseph Ratzinger nicht darauf angewiesen, innerhalb der Kurie zu netzwerken und eine Seilschaft aufzubauen – was ihm von Haus aus zuwider gewesen wäre. Indem er das Prinzip Familie ausdehnte und seine Mitarbeiter, Schüler und ihn verehrende bayerische Landsleute miteinbezog, machte er sich vom Vatikan und der Kurie auch emotional unabhängig. Sowohl Freunde wie auch Gegner nahmen ihn als eine Art vatikanischen Solitär wahr, der sich von seinem Umfeld durch Bescheidenheit, Integrität und Unabhängigkeit abhob.

In höherem Alter setzte sich der Mensch und Gelehrte Joseph Ratzinger von der Kompromisslosigkeit und Starrheit des gestrengen Glaubenshüters ab. Beim Requiem für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. spendete er 2005 als Kardinaldekan dem evangelischen Prior der Communauté de Taizé, Roger Schutz, die heilige Kommunion. Und als Horst Seehofer mit einer bayerischen Delegation zur Feier des 85sten Geburtstages von Papst Benedikt in Rom weilte, reichte dieser ihm in der Cappella Paolina des Vatikans - entgegen lehramtlicher Vorgabe - die konsekrierte Hostie. Von Seehofer war bekannt, dass er wiederverheiratet geschieden und zudem Vater einer unehelichen Tochter war.

Die geistige Weite des Gelehrten obsiegte auch gegenüber dem bornierten Glaubenspräfekten, als er im Interview mit Peter Seewald kundtat: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. … Jeder, der zu Gott unterwegs ist, ist damit auf irgendeine Weise auch auf dem Weg Jesu Christi.“ (Salz der Erde, 35)

Am 11. Februar 2013 – einem Rosenmontag - gab er den Kardinälen in lateinischer Sprache seinen Rücktritt bekannt. Er, der restaurative Bewahrer des Depositum fidei (das hinterlegte Glaubensgut) durchbrach nicht nur eine 2000-jährige Tradition, sondern bat darüber hinaus „um Verzeihung für alle meine Fehler.“ Mit diesem Eingeständnis relativierte er auch die Doktrin der Unfehlbarkeit des Papstes.

Mit den von mir angeführten Tathandlungen des altersweisen Joseph Ratzinger setzte sich schlussendlich dessen Gelehrtenidentität gegen den amtskirchlichen Konservator durch. Paradoxerweise bahnte ausgerechnet der Oberhirte, der die Zukunft der Kirche in einer dezidierten Rückbindung an die Tradition sah, mit seinem Rücktritt einem moderneren Verständnis des Papstamtes den Weg. Wer hätte für möglich gehalten, dass sich Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. am Ende seiner langen beispiellosen Karriere als Gewährsmann eines unhintergehbaren Prinzips der Katholischen Kirche erweisen würde: ECCLESIA SEMPER REFORMANDA (Kirche ist immer reformbedürftig).

Stefan Schopf, 1. Mai 2023 


Literatur

 

Benedikt XVI.: Ansprache anlässlich des Weihnachtsempfangs 2005 

Benedikt XVI.: Brief an die Bischöfe. 10.03.2009  

Benedikt XVI.: Schreiben zum Beginn des Priesterjahres. 10. Juni 2010

Benedikt XVI.: Licht der Welt: Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald. Herder 2010

Benedikt XVI.: Regensburger Rede. 12.09.2012

Benoît XVI / Robert Sarah: Des profondeurs de nos coeurs. Editeur Fayard. Paru le 15 janvier 2020

Böckenförde, Werner: Kirchenrechtliche Anmerkungen zur gegenwärtigen Lage in der römisch-katholischen Kirche 1998

Deutsche Bischofskonferenz, Sekretariat (Hg.): Apostolische Reise Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. nach Berlin, Erfurt und Freiburg, 22.–25. September 2011. Predigten, Ansprachen und Grußworte. Bonn 2011

Deutschlandfunk: Tag für Tag. O2.01.2023

Karfreitagsfürbitte vom 05.02.2008

KirchenVolksBegehren 1995. Ziele und Forderungen. 

 Knauer, Peter SJ: Die »Katholische Kirche« subsistiert in der »Katholischen Kirche«. Zur ökumenischen Tragweite von Lumen gentium 8,2. In: Hainz / Jüngling / Sebott (Hg.) »Den Armen eine frohe Botschaft«. Festschrift für Bischof Franz Kamphaus zum 65. Geburtstag. Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1997, 153 ­ 167

„Kölner Erklärung: Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“. 06.01.1989

Kongregation für die Glaubenslehre: Erklärung Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche. 06.08.2000

Ratzinger, Joseph: Die neuen Heiden und die Kirche. In: Hochland 51 (1958/1959). 1–11.

Ratzinger, Joseph: Der Katholizismus nach dem Konzil – Katholische Sicht. In: ZdK (Hg.) Auf Dein Wort hin. 81. Deutscher Katholikentag vom 13. Juli bis 17. Juli in Bamberg. Paderborn 1966, 245-264

Ratzinger, Joseph: Glaube und Zukunft. Kösel 1970

Ratzinger, Joseph: Die Liebe Gottes lehren und lernen. Predigt zum 40. Priesterjubiläum von Msgr. Pfarrer Franz Niegel, Unterwössen 1994. In: JRGS 12, 768

Ratzinger, Joseph Kardinal: Salz der Erde: Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Gespräch mit Peter Seewald. DVA 1996

Ratzinger, Joseph: Aus meinem Leben: Erinnerungen (1927-1977) 1998

Ratzinger, Joseph Cardinal: Die Ekklesiologie der Konstitution Lumen gentium. In ders.: Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio. Herausgegeben im Auftrag des Schülerkreises; Redaktion: Stephan Otto Horn / Vinzenz Pfnür, Augsburg 2002, 107–131

Ratzinger, Joseph: Predigt 18. April 2005

Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. Weltbild 2005

Sarah, Robert: Aus der Tiefe des Herzens. Priestertum, Zölibat und die Krise der katholischen Kirche. Mit einem Beitrag von Papst Benedikt XVI.. FE-Medienverlag Kisslegg, 14. Februar 2020

Seewald, Peter: Benedikt XVI. Ein Leben. Droemer Verlag, München 2020. 1150 Seiten 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 23. April 2013

Papable Kandidatenkür. Teil1: Kardinaldekan Joseph Ratzinger



Wer Papst werden will, muss beizeiten seinen Ring in den Hut werfen. Joseph Kardinal Ratzinger tat dies, indem er am 18.04.2005 als Dekan des Kardinalskollegiums unmittelbar vor dem Konklave während der „Missa pro eligendo Romano Pontifice“ (Messe für den zu wählenden römischen Papst) eine programmatische Predigt hielt. Kardinal Jorge Mario Bergoglio machte während des Vorkonklaves ab dem 04.03.2013 durch eine kurze, aber sehr substanzielle Ansprache auf sich aufmerksam.

Meine Idee war, diese beiden für die Verläufe der Konklaven bedeutsamen Texte vergleichend nebeneinander zu stellen und auf mögliche Grundlinien der zukünftigen Pontifikate hin zu lesen. Doch während sich Bergoglio in einfacher und eindringlicher Sprache ausdrückt, spricht Ratzinger zwar gern von der Einfachheit des Glaubens, bevorzugt es aber, rhetorisch verschlungene Elaborate vorzulegen. Insofern stelle ich mir in einem ersten Schritt zunächst die Aufgabe, aus dem hochkomplexen, kunstvoll arrangierten Predigtgebilde des Kardinaldekans die Kernaussagen herauszudestillieren.


In seine Predigt während des Eröffnungsgottesdienstes des Konklaves bezieht Joseph Kardinal Ratzinger alle drei Lesungen des Tages mit ein. Aus dem ersten Text (Jesaja 61.1-9) greift er eine auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Stelle heraus - „er hat mich gesandt ..., damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes“ -, um von hier aus die Grundsäulen der in der Tradition verankerten katholischen Kirche vor Augen zu führen. Er beginnt beim Heiligen Vater, der ein Jahr der Barmherzigkeit angekündigt hat, wendet sich zurück zu den Urgesteinen Petrus und Paulus, um dann zu unserer Glaubensmitte, Jesus Christus, vorzustoßen. Als Schlussakt dieses Predigtabschnitts wählt Ratzinger eine signifikante Aussage aus Paulus’ Brief an die Kolosser, wo dieser seinen Dienst an der Kirche charakterisiert: „Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt.“ (Kolosser 1.24)

Im Mittelteil der Predigt (zu Epheser 4.11-16) findet sich Joseph Ratzingers markante Positionierung, die medial um die Welt ging: „Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, ... als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus.“  Diese Kritik zielte insbesondere auf die innerhalb der katholischen Kirche von Theologen in den letzten Jahrzehnten entwickelten neuen oder neu akzentuierten Denk- und Glaubensansätze. „Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden.“ Der ‚Tyrannei der Beliebigkeit’ stellt der Kardinaldekan sein Leitbild des „wahren Humanismus“ gegenüber. Dessen Maß ist Jesus, der wahre Mensch. Je mehr wir uns Christus nähern, umso mehr gelingt christliche Existenz als das tun der Wahrheit in der Liebe. (vgl. Paulus, 1 Korinther 13.1)
Im dritten Teil seiner Ansprache greift Joseph Ratzinger zwei Worte des Evangeliums (Johannes 15.9-17) auf. „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; ... vielmehr habe ich euch Freunde genannt.“ (Johannes 15.15) Hier akzentuiert der Prediger mit Lukas 17.10, „dass wir - wie es ja zutrifft - nur unnütze Knechte sind.“ Trotzdem würde der Herr uns - und damit meint er die Kleriker - seine Freundschaft schenken. „Er verleiht uns die Vollmacht, durch sein Ich zu sprechen. ... Er vertraut uns seinen Leib, die Kirche, an.“ Letztlich ist es die Wahrheit des Herrn, die zu hüten dem „schwachen Geist“ und den „schwachen Händen“ seiner Priester aufgetragen ist.
Dem Begriff der Freundschaft nähert sich Ratzinger mit Sallust: „Dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen, das erst ist feste Freundschaft.“ Was sich bei dem römischen Geschichtsschreiber als Freundschaft auf Augenhöhe darstellt, vereinnahmt der Kardinalsdekan unter der Hand für seine Freundschaftsdefinition als Herr-Knecht-Beziehung: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Johannes 15.14). Und er geht noch weiter, indem er postuliert, dass „Jesus in der Stunde von Getsemani unseren widerspenstigen menschlichen Willen in einen Willen verwandelt (hat), der dem göttlichen Willen entspricht.“ Der Abschnitt gipfelt in einer für Joseph Ratzinger typischen Polarisierung, nämlich zwischen dem „Drama unserer Autonomie“ und der uns von Gott geschenkten „wahren Freiheit“ der Willenskonformität, die er mit Matthäus 26.39 illustriert: „Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Das zweite herangezogene Johanneswort lautet: „Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt“ (Johannes 15,16). Wozu hat Gott uns - dem Klerus - seine Freundschaft geschenkt? Ratzingers Antwort: Damit wir den Glauben an die anderen weitergeben. Zu dessen Ausgangssituation gehört, dass irdische Dinge keinen Bestand haben. „Das einzige, was ewig bleibt, ist die menschliche Seele, der von Gott für die Ewigkeit erschaffene Mensch.“ Es ist Aufgabe der Priester, die Frucht der immer währenden Freude des Herrn in die menschlichen Seelen zu säen. „Nur so wird die Erde vom Tal der Tränen in einen Garten Gottes verwandelt.“

Der Kardinal beschließt seine Predigt mit einer weiteren Stelle aus dem Epheserbrief: „Er gab den Menschen Geschenke.“ (Epheser 4.8) Auch dieser Bibelstelle drückt er seinen eigenen Stempel auf: „Der Sieger verteilt Geschenke.“ Was sind die Geschenke Christi an die Menschen? Nach Joseph Ratzinger sind es „Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer.“

Eine Bewertung der Kernaussagen Joseph Ratzingers und ein Vergleich mit den Leitvorstellungen des Papstes Franziskus ist Thema meines nächsten Jugendstilbeitrages. Dennoch möchte ich die Schlusspointe der Kardinalspredigt nicht unkommentiert lassen. Ich spitze zu: Christus wird vom Kardinalsdekan zum Sieger hochstilisiert, und die siegreichen Heerscharen - oder sollte man sagen Herrscharen - seines Gefolges sind die eingeweihten Träger der Offenbarung sowie vermutlich der höhere Klerus. Der nicht in die Hierarchie eingebundene Theologe und der mündige Gläubige haben fortan die Wahl, sich entweder mit dem Sieger zu identifizieren oder Gefahr zu laufen, sich im Lager der Verlierer wiederzufinden. Im ersten Falle ließe man sich von den kirchlichen Amtsträgern beglücken und würde der hierarchischen Autorität freudigen Herzens Gehorsam leisten. Im zweiten Falle wäre der normale Gläubige von seiner Bedeutung her vernachlässigbar. Der eigenständig denkende Theologe oder der kritische Kleriker oder der zum Wohl von Menschen kirchliche Normen missachtende Ordensangehörige aber würde mit der Institution zu tun bekommen, der Joseph Ratzinger von 1982 bis 2005 vorstand und die bis 1908 als Inquisition, dann als Heiliges Offizium und seit 1965 als Kongregation für die Glaubenslehre bezeichnet wird. Wie viele Akten die geheim arbeitende Behörde im Lauf der letzten Jahrzehnte angelegt hat, weiß niemand, aber es ist sind nicht wenige und oft besonders profilierte Mitchristen, die mit disziplinären Maßnahmen traktiert wurden. Das Spektrum reicht hier von «Bußschweigen», Lehr- und Publikationsverbot, dem Entzug der Predigterlaubnis, der Suspension vom priesterlichen Dienst bis hin zur Exkommunikation. Das Gegenstück zur Diktatur des Relativismus ist die Diktatur der Wahrheit, und wie jeder Diktatur fallen auch dieser Menschen zum Opfer.

Stefan Schopf für die Ausgabe 30 der Jugendstil, 23.04.2013

Dienstag, 19. Februar 2013

Professio fidei und die katholische Wahrheit der sündhaften Empfängnisverhütung

Im Jahr 1989 dekretierte die römische Glaubenskongregation, dass bei der Übernahme eines kirchlichen Amtes fortan eine drastisch veränderte Professio fidei und ein sich daran anschließender Treueid zu leisten ist. Der Beitrag erläutert die drei neuen, sich an das Große Glaubensbekenntnis anschließenden Zusätze. Sodann wird aufgezeigt, wie sich durch päpstliche Verfügungen die Verbindlichkeit des kirchlichen Verbotes der Empfängnisverhütung bis hin zur Unfehlbarkeit steigert. Zwischen 1987 und 1998 werden dann nacheinander Bischöfe, Priester und Gläubige kirchenrechtlich in den Griff genommen und auf Linie gebracht.


In der Jugendstil #28 habe ich die Vorgeschichte der von der römischen Glaubenskongregation neu konzipierten Professio fidei (Glaubensbekenntnis) skizziert, die von kirchlichen Amtsträgern vom 01.03.1989 an abzulegen ist. Von der vorgeschriebenen Formel zitiere ich den aus der Professio fidei von 1967 übernommenen Einleitungssatz, Anfang und Ende des auf das vierte Jahrhundert zurückgehende Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnisses, das auch Großes Glaubensbekenntnis genannt wird, sowie die drei nahtlos angefügten, einem völlig anderen Texttyp zugehörenden Zusätze:

„Ich, N. N., glaube fest und bekenne alles und jedes, was im Glaubensbekenntnis enthalten ist:
Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt. ..........................................
Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Ich erwarte die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.
Amen.
(1) Fest glaube ich auch alles, was im geschriebenen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche als von Gott geoffenbart zu glauben vorgelegt wird, sei es durch feierliches Urteil, sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt.
(2) Mit Festigkeit erkenne ich auch an und halte an allem und jedem fest, was bezüglich der Lehre des Glaubens und der Sitten von der Kirche endgültig vorgelegt wird.
(3) Außerdem hange ich mit religiösem Gehorsam des Willens und des Verstandes den Lehren an, die der Papst oder das Bischofskollegium vorlegen, wenn sie ihr authentisches Lehramt ausüben, auch wenn sie nicht beabsichtigen, diese in einem endgültigen Akt zu verkünden.“

Nachdem sich der von der Glaubenskongregation formulierte Text dem gesunden Menschenverstand nicht ohne weiteres erschließt, bedarf es einiger Erläuterungen.
Die ersten Worte „Fest glaube ich auch alles ...“  sind parallel zum Einleitungssatz des Großen Glaubensbekenntnisses „Ich, N. N., glaube fest...“ und zeigen an, dass das kirchliche Lehramt den in den Zusätzen formulierten Wahrheitskategorien den gleichen hohen Stellenwert zuweist, wie er bei dem Großen Glaubensbekenntnis als Erkennungszeichen der Gemeinschaft der Christgläubigen genuin gegeben ist. Der zweite Satzteil (1) enthält eine weitere Parallelisierung. Hier wird das geschriebene Wort Gottes, also die Heilige Schrift als göttliche Offenbarung,  dem überlieferten Wort Gottes gleichgestellt, also der sich innerweltlich ausbildenden kirchengeschichtlichen Tradition, die vom Lehramt repräsentiert wird. Die Wendung  „von der Kirche“  im ersten Zusatz müsste im Klartext heißen von den Bischöfen, der Glaubenskongregation und dem Papst“ (vgl. Donum veritatis 18). Die Formulierung "durch feierliches Urteil" im zweiten Teil des ersten Zusatzes (1) macht unmissverständlich deutlich, dass von einem unfehlbaren „ex cathedra“- Urteil gemäß der Definition des I. Vatikanum von 1870 die Rede ist. Dessen Unhinterfragbarkeit wird ausgedehnt und übertragen - gemäß canon 212 § 1 CIC - auf Urteile des Papstes im Rahmen seines ordentlichen und allgemeinen Lehramtes. Der Papst muss nun nicht mehr vor aller Öffentlichkeit in bewusster Ausübung seiner höchsten apostolischen Lehrgewalt eine durch das I. Vatikanum legitimierte "ex cathetra"-Entscheidung treffen, sondern räumt sich das Vorrecht ein, nahezu beiläufig Dogmatisierungen vorzunehmen.

Im zweiten Zusatz (2) wird der Gehorsam, den der Gläubige Gott schuldet, umstandslos auf die Kirche ausgeweitet. Jetzt ist das katholische Lehramt nicht mehr nur Treuhänder der göttlichen Offenbarung, sondern maßt sich an, aus eigener Kraft und Vollkommenheit endgültige - sprich unfehlbare - Urteile zu fällen. Joseph Ratzinger (1998) begründet den geforderten Glaubensgehorsam damit, dass diese Glaubenswahrheiten in einem notwendigen geschichtlichen oder logischen Zusammenhang mit der Offenbarung stehen würden. Ein Beispiel für eine solche postulierte Wahrheit ist die Lehrverkündigung,  gemäß der die Priesterweihe nur Männern vorbehalten ist.

Der dritte Zusatz (3) ist fast identisch mit Kanon 752 des Kirchengesetzes (CIC). Es geht um Lehren, die vom Lehramt als wahr oder zumindest als sicher angesehen und vorgetragen werden. Was diesen Lehren nicht entspricht,  haben die Gläubigen sorgsam zu meiden.
   
Vor dem Hintergrund der dargestellten gestuften Wahrheitskategorien  möchte ich mich nun einem Aspekt des Themas LIEBE aus kirchenrechtlicher Sicht zuwenden, nämlich  der Empfängnisverhütung.

Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. (vgl. Gaudium et spes, 1965, Art.48)
Es „ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes ... darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern ...“ (Enzyklika Humanae vitae, 1968, Art.14)
Paul VI. ging es mit dieser seiner Letztentscheidung gegen das Votum der überwiegenden Mehrheit der päpstlichen Kommission für das Studium des Bevölkerungswachstums, der Familie und der Geburtenhäufigkeit vor allem darum, auf der traditionellen Linie des „irrtumslosen“ Lehramts zu bleiben. Zwei solche fundamentale Lehraussagen seien beispielhaft zitiert:

Papst Pius XI., Enzyklika Casti connubii, 1930
„Jeder Gebrauch der Ehe, bei dessen Vollzug der Akt durch die Willkür der Menschen seiner natürlichen Kraft zur Weckung neuen Lebens beraubt wird, verstößt gegen das Gesetz Gottes und der Natur, und die solches tun, beflecken ihr Gewissen mit schwerer Schuld.“

Papst Pius XII., Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, 1951
„Unser Vorgänger Pius XI. seligen Angedenkens verkündete ... das
Grundgesetz des ehelichen Aktes und der ehelichen Beziehungen: dass
nämlich jeder Eingriff der Gatten in den Vollzug des ehelichen Aktes oder in den Ablauf seiner natürlichen Folgen, widersittlich ist, und dass keine „Indikation“, kein Notstand ein innerlich sittenwidriges Tun in ein sittengemäßes und erlaubtes verwandeln kann. Diese Vorschrift hat ihre volle Geltung heute wie gestern, und sie wird sie auch morgen und immer haben, weil sie ... der Ausdruck eines Gesetzes der Natur und Gottes selbst (ist).“

Der letzte Satz paraphrasiert bereits die Endgültigkeit der Lehre, die dann im Jahr 1997 vom Päpstlichen Rat für die Familie explizit proklamiert wird:
„Die Kirche hat stets gelehrt, dass die Empfängnisverhütung, das heißt jeder vorsätzlich unfruchtbar gemachte Akt, eine in sich sündhafte Handlung ist. Diese Lehre ist als definitiv und unabänderlich anzusehen.“  (Vademecum für Beichtväter in einigen Fragen der Ehemoral, 4)

Jetzt kommt zum Tragen, was  Joseph Ratzinger und Papst Johannes Paul II. 1989 - noch über den CIC hinausgehend - als zweiten Zusatz der Professio fidei festgeschrieben haben. Denn der Gläubige hat seit 1989 nicht mehr nur Offenbarungslehren fest zu glauben, sondern zusätzlich Glaubens- und Sittenlehren, die nicht in der Offenbarung enthalten sind und vom Lehramt als endgültig deklariert wurden. Zu einer solchen endgültigen Sittenlehre avancierte im Rahmen des "Leitfadens für Beichtväter"  von 1997 das Verbot der Empfängnisverhütung. Zitatausschnitt: „... ist als definitiv und unabänderlich anzusehen.“ (vergl. Bockenförde 1998, S. 5)

Nachdem das Verbot künstlicher Empfängnisverhütung als apodiktische lehramtliche Wahrheit zur Geltung gebracht worden ist, geht es - in der Absicht umfassender Prävention - in der Folge darum, Klerus und Laien auf diese Wahrheit zu verpflichten.
Bischöfe beeiden seit 1987,
„dass das von den Aposteln her überlieferte Glaubensgut rein und unversehrt bewahrt wird und dass die Wahrheiten, an denen festzuhalten ist und die auf das sittliche Leben anzuwenden sind, so wie sie vom Lehramt der Kirche vorgelegt werden, allen weitergegeben und aufgezeigt werden. Den im Glauben Irrenden aber werde ich mich väterlich zuwenden und mich mit aller Kraft einsetzen, dass sie zur Fülle der katholischen Wahrheit gelangen.“ (Kreusch 2005, S. 316f.)

Seit 1989 haben die Priester und andere Amtsträger nicht nur die Professio fidei, wie sie von mir näher beleuchtet wurde, abzulegen, sondern darüber hinaus im Rahmen eines Treueides zu versprechen:
„Bei der Ausübung meines Amtes ... werde ich das Glaubensgut unversehrt bewahren und treu weitergeben und auslegen; deshalb werde ich alle Lehren meiden, die dem Glaubensgut widersprechen.“ (Ratzinger 1998)

1998 nahm dann Johannes Paul II. kraft seines Apostolischen Schreibens Ad tuendam fidem alle Gläubigen in die Pflicht, indem er dem Kanon 750 des Kirchenrechts einen § 2 hinzufügte:
 „Fest anzuerkennen und zu halten ist auch alles und jedes, was vom Lehramt der Kirche bezüglich des Glaubens und der Sitten endgültig vorgelegt wird, das also, was zur unversehrten Bewahrung und zur getreuen Darlegung des Glaubensgutes erforderlich ist; daher widersetzt sich der Lehre der katholischen Kirche, wer diese als endgültig zu haltenden Sätze ablehnt.“
Diese Rechtspflicht für alle Gläubigen ist strafbewehrt. Wer also in Sachen Empfängnisverhütung andere Auffassungen vertritt als das kirchliche Lehramt, „kann seit Inkrafttreten des Schreibens am 1. Oktober 1998 von seinem Diözesanbischof zum Widerruf ermahnt, gegebenenfalls bestraft, aber auch direkt von Rom zur Verantwortung gezogen werden.“
(Böckenförde 1998, S. 7)

Wenn der Papst und die römische Kurie geglaubt haben, durch ein derart geschlossenes System und durch strenge hierarchische Kontrolle ein für alle mal angeblich endgültige Wahrheiten in Stein gemeißelt zu haben, so werden sie über die an vielen Orten aus dem Boden schießenden Priesterinitiativen eines besseren belehrt. Rom hat überzogen, hat katholische Weite in amtskirchliche Enge überführt, und wird miterleben müssen, dass ein starres, entwicklungsunfähiges Dogmengebäude im weiteren evolutiven Verlauf nicht überlebensfähig sein wird. Der neue Papst steht vor großen Aufgaben.

Ursprungsfassung für die Ausgabe 29 der Jugendstil, 19.02.2013