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Freitag, 18. Juli 2014

Das Papsttum im Wandel

Mit den durch das I. Vatikanische Konzil im Jahr 1870 definierten Dogmen des Jurisdiktionsprimates und der Unfehlbarkeit des Papstes wurde die katholische Kirche zur absolutistischen Papalmonarchie. Es bedurfte des II. Vatikanischen Konzils (1962 – 1965), um das Verhältnis von Papst und Episkopat wieder in die richtige Balance zu bringen. Die durch Konzilsformulierungen grundgelegte Vision eines päpstlichen Communio-Primats rückte infolge der kirchenpolitischen Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in weite Ferne. Mit Papst Franziskus befindet sich die katholische Kirche im Aufbruch und hat die Chance, die in den Konzilsbeschlüssen enthaltenen Potentiale in einer sich als Communio verstehenden Kirche zur Geltung zu bringen.


„Wer deshalb sagt, der Römische Bischof besitze lediglich das Amt der Aufsicht bzw. Leitung und nicht die volle und höchste Jurisdiktionsvollmacht über die gesamte Kirche,  nicht nur in Angelegenheiten, die den Glauben und die Sitten, sondern auch in solchen, die die Disziplin und Leitung der auf dem ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche betreffen; oder er habe nur einen größeren Anteil, nicht aber die ganze Fülle dieser höchsten Vollmacht, oder diese seine Vollmacht sei nicht ordentlich und unmittelbar, sowohl über alle und die einzelnen Kirchen als über alle und die einzelnen Hirten und Gläubigen, der sei mit dem Anathema belegt.“
Denzinger-Hünermann 3064

Diese dogmatische Definition des I. Vatikanischen Konzils wurde am 18. Juli 1870 von einer Versammlung verabschiedet, der fast 20 Prozent der Konzilsväter bewusst fern geblieben waren. Sie stellt den Endpunkt einer jahrhundertelangen Auseinandersetzung um die Ausformung des päpstlichen Primats (Vorrangstellung) dar, die entwicklungsgeschichtlich nach der Trennung der griechischen von der lateinischen Kirche im Jahr 1054 einsetzte. Nach dem Befund des Fundamentaltheologen Hermann Josef Pottmeyer kam es nach der Jahrtausendwende im Selbstverständnis der Kirche zu einem Paradigmenwechsel: „Aus der Gemeinschaft von Zeugen wurde immer mehr eine Monarchie des Papstes, der die Kirche gestaltet, indem er ihre Tradition verbindlich feststellt und ihr Leben durch Gesetze ordnet.“ (Pottmeyer 1999, S. 22)

Reichkanzler Otto von Bismarck äußerte sich 1872 in einer Circular-Depesche an die europäischen Regierungen zu den Lehrdokumenten des I. Vatikanums:
„Vor allem aber hat das vatikanische Konzil und seine beiden wichtigsten Bestimmungen - über die Unfehlbarkeit und über die Jurisdiktion des Papstes - die Stellung des letzteren … gänzlich verändert. … Denn durch diese Beschlüsse ist der Papst in die Lage gekommen, in jeder einzelnen Diözese die bischöflichen Rechte in die Hand zu nehmen und die päpstliche Gewalt der landesbischöflichen zu substituieren. Die Bischöfe sind nur noch seine Werkzeuge, seine Beamten ohne eigene Verantwortlichkeit; sie sind den Regierungen gegenüber Beamte eines fremden Souveräns geworden, und zwar eines Souveräns, der vermöge seiner Unfehlbarkeit ein vollkommen absoluter ist – mehr als irgend ein absoluter Monarch in der Welt.“

Bismarcks Vorlage bot den deutschen Bischöfen die Gelegenheit, ein Antwortschreiben (Februar 1875) zu verfassen, das ein Gegengewicht zur Hochstilisierung des Papstes durch das Konzil von 1870 darstellt und insofern Maxime ist, als es von Papst Pius IX. approbiert (anerkannt) wurde.
„Kraft derselben göttlichen Einsetzung, worauf das Papsttum beruht, besteht auch der Episkopat; auch er hat seine Rechte und Pflichten vermöge der von Gott selbst getroffenen Anordnung, welche zu ändern der Papst weder das Recht noch die Macht hat. Es ist also ein völliges Missverständnis der vatikanischen Beschlüsse, wenn man glaubt, durch dieselben sei ‚die bischöfliche Jurisdiktion in der päpstlichen aufgegangen’, der Papst sei ‚im Prinzip an die Stelle jedes einzelnen Bischofs getreten’, die Bischöfe seien nur noch ‚Werkzeuge des Papstes, seine Beamten ohne eigene Verantwortlichkeit’.“
Denzinger-Hünermann 3115

Das von den Bischöfen dingfest gemachte „völlige Missverständnis“ ist allerdings ein sehr nahe liegendes, denn die oben zitierte kirchenrechtliche Norm spricht von der Fülle der päpstlichen Vollmacht, sprich Herrschaftsgewalt, sowohl über die einzelnen Kirchen – das bezieht sich vor allem auf die Ortskirchen - als über alle und die einzelnen Hirten – also über den hohen und niederen Klerus - sowie über alle und jeden einzelnen Gläubigen.

Es vergingen fast 100 Jahre bis die Engführung der Katholischen Kirche zur monarchischen Papstkirche durch das von Papst Johannes XXIII. einberufene II. Vatikanum (1962 – 1965) aufgebrochen wurde. Den Konzilsvätern war es ein Anliegen, „die Struktur der Kirche als Gemeinschaft von Kirchen wiederherzustellen“ (Pottmeyer 1999, S. 7) und die Kollegialität der Bischöfe herauszustellen. In der Kirchenkonstitution "Lumen Gentium" wird auf die Praxis der communio in der alten Kirche verwiesen: „Schon die uralte Disziplin, dass die auf dem ganzen Erdkreis bestellten Bischöfe untereinander und mit dem Bischof von Rom  … Gemeinschaft hielten, desgleichen das Zusammentreten von Konzilien zur gemeinsamen Regelung gerade der wichtigeren Angelegenheiten in einem durch die Überlegung vieler abgewogenen Spruch weisen auf die kollegiale Natur und Beschaffenheit des Episkopates hin.“ (LG 22) Die Grundlage für das kollegiale Zusammenwirken der Bischöfe besteht darin, dass die Gesamtkirche als eine Gemeinschaft von Kirchen (communio ecclesiarum) begriffen wird. Festgehalten ist das in LG 23: „Die Einzelbischöfe … sind sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit in ihren Teilkirchen, die nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet sind. In ihnen und aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche.“

Mit dieser Ausrichtung zeichnet sich ab die Ablösung der Konzeption des päpstlichen Primates als Souveränität des Papstes zugunsten einer Ausübung des Petrusdienstes als Communio-Primat. Ein solcher Communio-Primat beinhaltet „nicht nur das Hören auf Schrift und Tradition und nicht nur die kollegiale Beiziehung des Episkopats, sondern auch das aufmerksame Hören auf das vielstimmige Zeugnis der ganzen communio des Volkes Gottes, in dem sich das Wirken des Geistes bezeugt.“ (Pottmeyer 1999, S. 114)

Blickt man auf fast 50 Jahre nachkonziliarer Entwicklung der real existierenden katholischen Kirche zurück, klingt die Rede vom Communio-Primat verwegen utopisch. Prägend war für diesen Zeitraum insbesondere das Pontifikat Johannes Pauls II. (1978 -2005), der nach außen ein begnadeter Kommunikator war und vielerlei Initiativen ergriff. Nach innen steht er allerdings für eine Kirche der Restauration, die er autokratisch lenkte. Er bevorzugte es, mit ausgewählten Mitstreitern das umzusetzen, was er für richtig hielt. Beispiele sind das neu gefasste Kirchenrecht (CIC) 1983 und die unvermittelte Einführung einer neu konzipierten Professio fidei mit inhaltlich gravierendem Anhang sowie einem neuen Treueid 1989. Johannes Paul II. fuhr nicht nur eine harte Linie gegenüber missliebigen Theologen und Klerikern, sondern das Verhältnis von Heiligem Stuhl und akademischer Theologie war insgesamt auf einem Tiefpunkt. Die lehramtliche Entscheidungsfindung vollzog sich in kleinem Kreis, der Weltepiskopat blieb außen vor. Mit Benedikt XVI. als seinem Nachfolger wurde 2005 ein Papst erkoren, der die Fortführung der eingeschlagenen kirchenpolitischen Linie garantieren sollte.

Seit dem 13. März 2013 steht jetzt Papst Franziskus an der Spitze der Katholischen Kirche. Er verhält sich erfrischend unkonventionell und steht für einen Neuaufbruch des Volkes Gottes. Einem Interview, das der Pontifex der italienischen Tageszeitung „La Repubblika“ im September 2013 gab, lässt sich entnehmen, dass er bewusst an das II. Vatikanum anknüpft: „Das Zweite Vatikanische Konzil beschloss, die Zukunft mit einem modernen Geist anzusehen und sich der modernen Kultur zu öffnen. Die Väter des Konzils wussten, dass das Ökumene und Glaubensdialog bedeutete. Seitdem ist in dieser Richtung wenig geschehen. Ich bin so bescheiden und so ehrgeizig, das wieder zu tun.“
Mittlerweile zeigt sich, dass Franziskus seinen Worten Taten folgen lässt. Ein Jahr vor der Sonderbischofssynode zum Thema Familie im Oktober 2014 in Rom hat der Papst allen Ortsbischöfen an Gläubige und Gemeinden weiterzureichende Fragebögen zugesandt, um zu erfahren, was die Katholiken in aller Welt von der Lehre der Bibel und der Kirche über Ehe, Familie und Sexualität halten. 
Der Fragebogen des Vatikans an die Gläubigen
Am 26. Juni veröffentlichte der Heilige Stuhl das sogenannte „Instrumentum Laboris“, ein 90-seitiges Arbeitspapier, das der Sonderbischofssynode im Oktober als Diskussionsgrundlage dient. 
Arbeitspapier des Vatikans zur Bischofssynode zur Familienseelsorge
Nach Einschätzung der Schweizer Bischofskonferenz ist das Papier "gekennzeichnet durch das Bemühen um eine nüchterne Bestandsaufnahme. Die unterschiedlichen Problemkreise der Ehe- und Familienpastoral werden klar benannt und den verschiedenen Weltregionen zugeordnet. Die Autoren des Arbeitspapiers konzentrieren sich in ihrem Text darauf, Schwierigkeiten und Perspektiven aufzuzeigen. Konkrete Lösungsansätze werden im Text bewusst nicht vorweggenommen."
Das von Papst Franziskus eingeschlagene Procedere lässt sich als Weichenstellung in Richtung Communio-Primat deuten, denn es beabsichtigt, das vielstimmige Zeugnis der ganzen Kirche aufzunehmen, zu dokumentieren und zu diskutiertieren. Unter der - hoffentlich zutreffenden -Voraussetzung, dass auf der Bischofssynode offen debattiert wird, darf man auf die Ergebnisse gespannt sein.

Neben weiteren vom Pontifex eingeleiteten Maßnahmen, die eine Neustrukturierung der Kirche herbeiführen sollen, wendet sich Franziskus auch einer Neuausrichtung des Papsttums zu: „Meine Aufgabe als Bischof von Rom ist es, offen zu bleiben für die Vorschläge, die darauf ausgerichtet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Jesus Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht.“ (Evangelii gaudium, Nr. 32) Hier klingt an, dass es hinsichtlich des Petrusdienstes ein Auseinanderklaffen zwischen den Intentionen von Jesus Christus und der gegenwärtigen Ausformung des Papstamtes gibt. Jesus von Nazareth war den Menschen nah und ist mit ihnen in Dialog getreten. Es wäre für ihn vermutlich nicht vorstellbar, dass die doktrinale und zentralistische Papstkirche – wie sie sich in den letzten Jahrzehnten dargestellt hat – etwas mit ihm zu tun haben könnte.

Das Papsttum befindet sich im Veränderungsprozess. Wenn die pilgernde Kirche das Glück hat, noch einige Jahre von einem handlungsfähigen gesunden Papst  Franziskus geleitet zu werden, wird sie sich grundlegend verändern. Möge der Heilige Geist mit Franziskus und unserer Kirche sein.



Literatur

Bismarck, Otto von: Cirkulardepesche. In: Reichs- und Staats-Anzeiger, 14. Mai 1872

Denzinger, Heinrich: Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, Hg. Peter Hünermann. Freiburg 2010

Lumen gentium (LG) ([Christus ist das] Licht der Völker). Dogmatische Konstitution über die Kirche, formuliert vom II. Vatikanischen Konzil.

Pottmeyer, Hermann Josef: Die Rolle des Papsttums im Dritten Jahrtausend. Quaestiones disputatae 179, Freiburg 1999

Dienstag, 19. November 2013

Und sie bewegt sich doch ...

Mit Papst Franziskus zeigt sich für alle Welt wahrnehmbar ein neuer Stil päpstlichen Auftretens. Wie ist es aber mit den Inhalten? Bleibt alles beim Alten oder bringt Franziskus Neues auf den Weg? Stellt man die Kirchenbilder von Benedikt und Franziskus nebeneinander, so zeigen sich markante Unterschiede. Das von Franziskus artikulierte Kirchenverständnis ist als jesuanisch zu kennzeichnen.


Mit der Amtsniederlegung Benedikts XVI. im Februar 2013 endete eine lange kirchliche Ära – beginnend mit der Wahl des polnischen Kardinals Karol Wojtyla zum Papst im Jahr 1978 -, die vor allem durch das Zusammenwirken von Johannes Paul II. mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, ab dem Jahr 1982 gekennzeichnet war. In diesem Zeitraum zog Rom die Entscheidungsmacht in der katholischen Kirche an sich, unterband jeglichen Diskurs über zentrale Inhalte der kirchlichen Lehre und setzte seine apodiktisch von oben vorgegebene Linie rigoros durch. Insbesondere steuerten Johannes Paul II.  und Joseph Ratzinger  - später Benedikt XVI. - durch machtbewusste Personalpolitik die Neubesetzung sämtlicher höherer kirchlicher Ämter und formten auf diese Weise die Kirche nach ihrem Bilde.

Wenn Jorge Mario Bergoglio SJ in seiner Ansprache im März 2013 während des Vorkonklaves die auf sich selbst bezogene Kirche kritisiert und von Missständen spricht, die sich in den kirchlichen Institutionen entwickelt haben, so kann man davon ausgehen, dass er an erster Stelle die vatikanische Kurie mit ihrer unzeitgemäßen Struktur und ihren selbstreferenziellen Prozeduren meint, aber sicher auch jene Ortskirchen für die die Selbstherrlichkeit des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst ein Paradebeispiel ist.

Franziskus’ Kritik bleibt allerdings nicht auf der Ebene von Strukturen und Organisationsformen stehen, sondern zielt tiefer auf den Kern des Verkündigungsauftrages der Kirchen. Um was es hier geht, wird am deutlichsten, wenn man die Leitbilder von Benedikt und Franziskus kontrastierend nebeneinander stellt. Beiden Päpsten geht es um eine Differenz zur Welt, wofür der plakative Begriff der „Entweltlichung“ steht, und beide predigen „Gott ist die Liebe“. Allerdings entspringen aus dem gemeinsamen Ausgangspunkt völlig unterschiedliche Handlungsstrategien.

Benedikt XVI. versteht sich als Bewahrer und Sicherer des „depositum fidei“, des Schatzes des Glaubens und der katholischen Tradition. Die katholischen Glaubenswahrheiten sieht er von innen durch Relativierer bedroht, die „sich vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen“ (18.04.2005) und von außen durch die hedonistische Gesellschaft, der nichts heilig ist, und deren Gottvergessenheit gewaltinduzierendes Potential aufbaut. Bleibt man im - vom Dekan des Kardinalkollegiums, Joseph Ratzinger, in seiner Predigt kurz vor dem Konklave 2005 gezeichneten - Bild von Kirche als Schifflein, das in stürmischer See von den Wogen des Zeitgeistes zum Schwanken gebracht wird, so liegen die von der Kirchenführung zu ziehenden Konsequenzen auf der Hand: Die „Segel reffen, die Luken schließen, die Bordwände erhöhen, sich abschließen gegen die Gefahr von draußen.“ (Drobinski, SZ 28.03.2013) Phantasiert man entlang der nautischen Metapher weiter, so taucht als archetypisches Bild die Arche Noah auf, die sich der Sintflut der feindseligen Moderne entzieht und bekanntlich nur ein einziges Fenster hat, das nach oben gerichtet ist. Die von Benedikt repräsentierte Kirche ist allerdings nur zur einen Hälfte hermetische Kirche, die nach außen abgeschottet und auf sich selbst bezogen ist, zur anderen Hälfte ist sie „ecclesia triumphans“, triumphierende Kirche, die „mit zeremonieller Pracht, mit Goldbrokat, Edelsteinen, viel Purpur in byzantinischem Ornat, mit Heerscharen fein herausgeputzter Messdiener und lateinischer Messe“ (Thomas Assheuer, in: Die Zeit, Nr.44) sich glanzvoll inszeniert. Rom ist gemäß diesem Selbstverständnis der Leuchtturm, der wider alle Finsternis der Welt sein nie erlöschendes Licht ausstrahlt.

Während wir bei Benedikt auf eine jahrzehntelange kirchenpolitische Entwicklung zurückschauen können, ist Papst Franziskus noch kein Jahr im Amt. Es sind aber bereits markante Eckpunkte erkennbar. Kardinal Jorge Mario Bergoglio sprach im Vorkonklave Anfang März 2013 weniger als fünf Minuten, aber diese Zeit genügte, um der Generalkongregation einen Gegenentwurf zu Benedikts Kirchenverständnis vor Augen zu führen. Er kritisiert die um sich selbst kreisende Kirche, die die Form heiligt (M. Drobinski) und in der „die einen die anderen beweihräuchern“ (Bergoglio). Und der Kardinal scheut sich nicht, Jesus ins Spiel zu bringen, und kommt auf Kapitel 3 Vers 20 der Offenbarung des Johannes zu sprechen: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten.“ Dieser Jesus wäre von der mondänen Kirche für sich vereinnahmt worden, so dass es zu der pervertierten Situation kommt, dass „Jesus von innen klopft, damit wir (die egozentrische Kirche, Verf.) ihn herauskommen lassen.“ Dieser Verkehrung müsse entgegengetreten werden, indem die Kirche aus sich selbst heraus und an die Ränder geht, „an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, … die jeglichen Elends.“
Im August bringt dann Bergoglio – jetzt als Papst Franziskus - im Interview mit Antonio Spadaro SJ dezidiert zum Ausdruck, dass es unzureichend ist, wenn die Kirche die Menschen nur einlädt: „Statt nur eine Kirche zu sein, die mit offenen Türen aufnimmt und empfängt, versuchen wir, eine Kirche zu sein, die neue Wege findet, die fähig ist, aus sich heraus und zu denen zu gehen, die nicht zu ihr kommen, die ganz weggegangen oder die gleichgültig sind.“

Am 13. März 2013 wurde der bisherige Erzbischof von Buenos Aires und Primas von Argentinien zum Papst gewählt und machte bereits durch sein allererstes Erscheinen auf der Loggia des Petersdomes in schlichter weißer Soutane und mit seiner Wahl des Papstnamens Franziskus deutlich, in welche Richtung er die Kirche führen wird. Konkreter wird das vier Tage später, als Franziskus vor Journalisten zum einen äußert „Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen!“ und zum zweiten, dass er bei seiner Namenswahl daran gedacht habe, „dass Franziskus ein Mann des Friedens ist, der uns den Geist des Friedens gibt, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt.“ Der 85-jährige Hans Küng benennt in seiner Abschiedsrede im April 2013 anlässlich einer Preisübergabe der Herbert-Haag-Stiftung neben der Armut und Schlichtheit die Demut (Humilitas) als drittes franziskanisches Kernanliegen. Eine demütige, von franziskanischem Geist geprägte Kirche ist „eine Kirche der Menschenfreundlichkeit, des Dialogs, der Geschwisterlichkeit und Gastlichkeit auch für Nonkonformisten.“(Küng) Papst Franziskus erträumt sich im schon erwähnten Interview eine menschenfreundliche Kirche „als Mutter und als Hirtin. Die Diener der Kirche müssen barmherzig sein, sich der Menschen annehmen, sie begleiten - wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt, aufhebt. … Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, in der Nacht mit ihnen zu gehen. Sie müssen ein Gespräch führen und in die Nacht hinabsteigen können, in ihr Dunkel, ohne sich zu verlieren.“

Am Abend seiner Wahl wandte sich Franziskus von der Loggia aus als Bischof von Rom an die auf dem Petersplatz versammelte Diözesangemeinschaft: „Beginnen wir mit diesem gemeinsamen Weg … in Brüderlichkeit, Liebe und Vertrauen zwischen uns allen.“  Wenn der Pontifex anschließend von „großer Brüderlichkeit“ spricht, so ist das alles andere als ein Lippenbekenntnis, denn wenige Momente später sagt er: „Zuerst bitte ich Euch aber um einen Gefallen. Bevor der Bischof das Volk segnet, bitte ich Euch, dass Ihr zum Herrn betet, dass er mich segne, dass der Herr seinen Bischof segnet.“ Durch diesen Akt vermittelt Franziskus sein Verständnis von Kirche als Volk Gottes, wonach alle Getauften am Priestertum Christi teilhaben und füreinander Segen sein können. In der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ des II. Vaticanums wurde Kirche auch als pilgerndes Volk Gottes verstanden, wodurch insbesondere die Gemeinschaft aller in der Kirche und ihre fundamentale Gleichheit vor Gott zum Ausdruck gebracht wird. Wie wichtig Papst Franziskus das Konzil der 1960er Jahre ist, lässt sich dem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Repubblika“ entnehmen. „ Das Zweite Vatikanische Konzil beschloss, die Zukunft mit einem modernen Geist anzusehen und sich der modernen Kultur zu öffnen. Die Väter des Konzils wussten, dass das Ökumene und Glaubensdialog bedeutete. Seitdem ist in dieser Richtung wenig geschehen. Ich bin so bescheiden und so ehrgeizig, das wieder zu tun.“

In einer weiteren Perspektive des Kirchenverständnisses von Franziskus erscheint Kirche als Therapeutikum. Er skizziert dies im Interview mit Antonio Spadaro SJ. „Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen - Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen.“ Wie das geht, führt Franziskus aller Welt vor Augen. Er wäscht am Gründonnerstag jungen Strafgefangenen die Füße, darunter eine Muslima. Er begibt sich im Juli nach Lampedusa, an den Ort, der paradigmatisch für Europas Umgang mit Flüchtlingen steht, bekundet seine Solidarität mit den Migranten und prangert die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ an.  Am 6. November umarmt und streichelt er einen entstellten Mann, dessen Haut von Beulen und Warzen übersäht war.

Ich fasse zusammen: Kirche ist für Franziskus die „Gemeinschaft des Gottesvolks …, der Priester, der Gemeinden, der Bischöfe.“ (Interview, La Repubblika) Diese Communio ist geschwisterlich in dialogischem Austausch auf dem Weg und ist als Gesamtheit der „Gläubigen … unfehlbar im Glauben.“ (Interview, Spadaro) Sie orientiert sich am franziskanischen Leitbild von Armut, Schlichtheit und Demut. Sie ist nicht selbstreferenziell, sondern sucht diejenigen auf, die am Rande stehen und hilfs-, schutz- und trostbedürftig sind. Aus meiner Sicht ist die Kirche des Franziskus jesuanisch, denn sie stellt „die Verkündigung der  heilbringenden Liebe Gottes“ über alles andere. Diese „muss der moralischen und religiösen Verpflichtung vorausgehen. Heute scheint oft die umgekehrte Ordnung vorzuherrschen.“ (Interview, Spadaro)


Stefan Schopf für die Ausgabe 33 der Jugendstil, 19.11.2013

Dienstag, 14. August 2012

Kirchlicher Aufbruch als erzwungene Neustrukturierung

Die Zahl der Priester in Deutschland ging in dem Zeitraum von 1990 bis 2010 um 25 Prozent zurück. Will die katholische Kirche nicht eine Gemeinde nach der anderen aufgeben und hält man an den bisherigen Prinzipien fest, so bleiben nur drei Möglichkeiten. Entweder werden ausländische Priester nach Deutschland geholt, oder man koppelt die Gemeindeleitung vom Priestertum ab, oder ein Priester ist für mehrere Pfarrgemeinden zuständig.


Die katholische Landschaft in der Bundesrepublik Deutschland verändert sich rasant. Das lässt sich bereits anhand weniger Zahlen illustrieren. Waren es im Jahr 1990 noch knapp 20.000 Priester, die in der Pfarrseelsorge tätig waren, so schrumpfte deren Zahl bis zum Jahr 2010 auf gut 15.000. Noch stärker ging in diesem Zeitraum die Anzahl der Katholiken, die den Sonntagsgottesdienst besuchen zurück, nämlich von 21,9% auf 12,6% (Quelle: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz). Der exemplarisch aufgezeigte Abwärtstrend ist ungebremst und die Kirche muss darauf reagieren.

Will man nicht eine Pfarrei nach der anderen abwickeln, braucht man entweder mehr Priester, oder man koppelt die Gemeindeleitung vom Priestertum ab, oder ein Priester ist für mehrere Pfarrgemeinden zuständig.

In Anbetracht der sich zuspitzenden seelsorglichen Unterversorgung und der Unbeweglichkeit Roms hinsichtlich Frauenordination und Zölibat unterbreitete eine Gruppe prominenter CDU-Politiker im Januar 2011 der Deutschen Bischofskonferenz einen pragmatischen Vorschlag. Es könnten doch so genannte "viri probati" ("bewährte verheiratete Männer"), die als geweihte Diakone der Kirche bereits dienen, zu Priestern ordiniert werden. Für Rom antwortete Kardinal Brandmüller in schroffer Attitüde: „Was legitimiert Sie als Politiker, zu einem innerkirchlichen Thema Stellung zu beziehen, das Sie weder von Amts wegen noch persönlich betrifft?“ (kath.net 25.01.2011) So bleibt zur Verstärkung der hiesigen Priesterschaft nurmehr das Einfliegen von osteuropäischen, afrikanischen oder asiatischen Priestern, was sowohl für diese als auch für die neu übernommenen Gemeinden eine Herausforderung darstellt.  

Die zweite Variante bestünde darin, gewachsene lebendige Gemeinden, die als solche erhalten bleiben sollen, von einem Laientheologen, sprich Pastoralreferenten, führen zu lassen. In den 90er Jahren gingen das Bistum Limburg und die Diözese Aachen gemeinsam diesen neuen Weg, priesterlose Gemeinden von nicht geweihten Pfarrbeauftragten in Kooperation mit einem die Seelsorge Leitenden Priester verwalten zu lassen und übernahmen damit eine Vorreiterrolle in der Weltkirche. Im Bistum Limburg gab es in der Amtszeit des engagierten Bischofs Franz Kamphaus zwischen 1995 und 2008 in der Spitze 65 Pfarrbeauftragte, die als Laientheologen Gemeinden leiteten. Diese Praxis beendete der neue Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in seinem zweiten Amtsjahr und setze das um, was er bereits 2008 in seinem Hirtenbrief zu Pfingsten postuliert hatte:
„In der Frage, wie es mit unseren Gemeinden weitergeht, helfen auf Dauer keine pragmatischen Lösungen, die zu wenig berücksichtigen, dass Glaube und Kirche aus den Sakramenten leben.“
Was damit gemeint ist, verdeutlicht der Kirchenrechtler Gero P. Weishaupt:
„Die sogenannte kooperative Pastoral stößt da auf Grenzen, wo Aufgaben strikt an die Priesterweihe gebunden sind. Die Gemeindeleitung gehört wesentlich zum Profil des Priesters und kann darum nicht Laien übertragen werden. Das ministerielle Priestertum unterscheidet sich nicht nur dem Grade nach vom allgemeinen Priestertum der Getauften, sondern auch dem Wesen nach.“ (kath.net 13.06.2009) Nimmt man die hier beanspruchte klerikale Hegemonialstellung als Ausgangspunkt, so käme man nur durch einen ambitionierten Aufbruch weiter, den der Dogmatiker Peter Neuner programmatisch artikuliert hat: „Die Tatsache, dass das sakramentale Amt seit alters her gestuft übertragen wird, dass es nur die Bischöfe in voller Weise innehaben, die Priester und Diakone dagegen abgestuft, sollte es möglich machen, auch die Pastoralreferenten ... in diese amtliche Struktur einzugliedern.“ (Neuner: Die heilige Kirche der sündigen Christen, 2002, S.164) Überraschenderweise denkt auch - noch über die Weihe von Laientheologen hinausgehend - der Joseph Ratzinger des Jahres 1970 in diese Richtung: Die Kirche der Zukunft,  „wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiativen ihrer einzelnen Mitglieder beanspruchen. Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen.“ (Glaube und Zukunft, 1970, S.123)

Die dritte Option, die derzeitig primär verwaltungstechnisch umgesetzt wird, läuft auf die Maxime hinaus, dass es so viele Pfarrgemeinden geben kann, wie Priester zu deren Leitung zur Verfügung stehen. Es entstehen dann ausgedehnte Pfarrverbände oder Pastoralräume mit einer Zentrale, von der aus ein Seelsorgeteam mit einem Leitenden Pfarrer an der Spitze ein bestimmtes Gebiet abdeckt. Dazu zwei Praxisbeispiele:
Zwischen 2004 und 2011 wurden 50 Pfarrgemeinden der Stadt Frankfurt in 15 Pastorale Räume umgewandelt. „In wenigen Jahren werden daraus 6 bis 7 Großpfarreien im Stadtgebiet von Frankfurt entstehen.“ (Jörg Dantscher SJ: Zur Versteppung pfarrgemeindlicher Kirche, Mai 2011)
Seit dem 01.01.2012 gibt es in unserer Diözese den neuen Pfarrverband „Vier Brunnen“, bestehend aus St. Magdalena (Ottobrunn), St. Stephanus (Hohenbrunn), St. Stephan (Putzbrunn) und St. Ulrich (Grasbrunn). Der diesen Verband koordinierende Ottobrunner Pfarrer Christoph Nobs zelebriert am Wochenende zwei Vorabendmessen und drei Sonntagsmessen (ARD: Das Fenster zur Welt, 28.05.2012).
Was es für einen Priester bedeuten kann, sich auf ausgeweitete Seelsorgeeinheiten einzustellen, hat stellvertretend für viele andere Erich Guntli, Dekan im Bistum St. Gallen, in der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" im Juni 2008 zum Ausdruck gebracht. Aus seiner Sicht werden die neuen pastoralen Gebilde kreiert, „um die priesterlichen Dienste noch möglichst vielen zugänglich zu machen. Servicekirche für jene, die es brauchen. Für den Priester bedeutet dies institutionalisierte Beziehungslosigkeit. Es fühlt sich alles andere als gut an, sich ins Auto setzen zu müssen, um in die nächste Kirche zu fahren. Besser wäre es, vor der Kirche noch Zeit für einen Schwatz zu haben. Nahe beim Volk zu sein, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst mit den Menschen zu teilen, verunmöglicht der Arbeitsablauf. Die Spendung der Sakramente, Zeichen der heilsamen Nähe Gottes, verkommt zum Ritual.“
Guntli zitiert die Anfangsworte des Konzilserlasses „Gaudium et Spes“ und lässt damit anklingen, dass die neuen kirchlichen Großstrukturen dem Kirchenverständnis entgegenstehen könnten, das das Konzil auf den Weg gebracht hat: Kirche als „Volk Gottes“, ein Begriff, der sich bewährt hat; „um die Gemeinschaft aller in der Kirche und ihre fundamentale Gleichheit vor Gott zum Ausdruck zu bringen.“ (Neuner 2002, S.116) Der Priester in seiner neuen Rolle als Inspirator, Kommunikator, Manager und Koordinator steht mehr denn je in Gefahr, in eine abgehobene Position zu geraten und sich den Gläubigen und deren Lebensalltag zu entfremden.

Ich habe versucht, verschiedene Szenarien des Aufbruchs - im doppelten Sinn des Wortes - zu skizzieren, und es zeigt sich, dass es einen Königsweg nicht gibt. Eigentlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für ein III. Vatikanisches Konzil, das dem pilgernden Volk Gottes den Weg in die Zukunft weisen könnte. 

Stefan Schopf für die Ausgabe 27 der Jugendstil, 14.08.2012