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Dienstag, 14. August 2012

Kirchlicher Aufbruch als erzwungene Neustrukturierung

Die Zahl der Priester in Deutschland ging in dem Zeitraum von 1990 bis 2010 um 25 Prozent zurück. Will die katholische Kirche nicht eine Gemeinde nach der anderen aufgeben und hält man an den bisherigen Prinzipien fest, so bleiben nur drei Möglichkeiten. Entweder werden ausländische Priester nach Deutschland geholt, oder man koppelt die Gemeindeleitung vom Priestertum ab, oder ein Priester ist für mehrere Pfarrgemeinden zuständig.


Die katholische Landschaft in der Bundesrepublik Deutschland verändert sich rasant. Das lässt sich bereits anhand weniger Zahlen illustrieren. Waren es im Jahr 1990 noch knapp 20.000 Priester, die in der Pfarrseelsorge tätig waren, so schrumpfte deren Zahl bis zum Jahr 2010 auf gut 15.000. Noch stärker ging in diesem Zeitraum die Anzahl der Katholiken, die den Sonntagsgottesdienst besuchen zurück, nämlich von 21,9% auf 12,6% (Quelle: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz). Der exemplarisch aufgezeigte Abwärtstrend ist ungebremst und die Kirche muss darauf reagieren.

Will man nicht eine Pfarrei nach der anderen abwickeln, braucht man entweder mehr Priester, oder man koppelt die Gemeindeleitung vom Priestertum ab, oder ein Priester ist für mehrere Pfarrgemeinden zuständig.

In Anbetracht der sich zuspitzenden seelsorglichen Unterversorgung und der Unbeweglichkeit Roms hinsichtlich Frauenordination und Zölibat unterbreitete eine Gruppe prominenter CDU-Politiker im Januar 2011 der Deutschen Bischofskonferenz einen pragmatischen Vorschlag. Es könnten doch so genannte "viri probati" ("bewährte verheiratete Männer"), die als geweihte Diakone der Kirche bereits dienen, zu Priestern ordiniert werden. Für Rom antwortete Kardinal Brandmüller in schroffer Attitüde: „Was legitimiert Sie als Politiker, zu einem innerkirchlichen Thema Stellung zu beziehen, das Sie weder von Amts wegen noch persönlich betrifft?“ (kath.net 25.01.2011) So bleibt zur Verstärkung der hiesigen Priesterschaft nurmehr das Einfliegen von osteuropäischen, afrikanischen oder asiatischen Priestern, was sowohl für diese als auch für die neu übernommenen Gemeinden eine Herausforderung darstellt.  

Die zweite Variante bestünde darin, gewachsene lebendige Gemeinden, die als solche erhalten bleiben sollen, von einem Laientheologen, sprich Pastoralreferenten, führen zu lassen. In den 90er Jahren gingen das Bistum Limburg und die Diözese Aachen gemeinsam diesen neuen Weg, priesterlose Gemeinden von nicht geweihten Pfarrbeauftragten in Kooperation mit einem die Seelsorge Leitenden Priester verwalten zu lassen und übernahmen damit eine Vorreiterrolle in der Weltkirche. Im Bistum Limburg gab es in der Amtszeit des engagierten Bischofs Franz Kamphaus zwischen 1995 und 2008 in der Spitze 65 Pfarrbeauftragte, die als Laientheologen Gemeinden leiteten. Diese Praxis beendete der neue Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst in seinem zweiten Amtsjahr und setze das um, was er bereits 2008 in seinem Hirtenbrief zu Pfingsten postuliert hatte:
„In der Frage, wie es mit unseren Gemeinden weitergeht, helfen auf Dauer keine pragmatischen Lösungen, die zu wenig berücksichtigen, dass Glaube und Kirche aus den Sakramenten leben.“
Was damit gemeint ist, verdeutlicht der Kirchenrechtler Gero P. Weishaupt:
„Die sogenannte kooperative Pastoral stößt da auf Grenzen, wo Aufgaben strikt an die Priesterweihe gebunden sind. Die Gemeindeleitung gehört wesentlich zum Profil des Priesters und kann darum nicht Laien übertragen werden. Das ministerielle Priestertum unterscheidet sich nicht nur dem Grade nach vom allgemeinen Priestertum der Getauften, sondern auch dem Wesen nach.“ (kath.net 13.06.2009) Nimmt man die hier beanspruchte klerikale Hegemonialstellung als Ausgangspunkt, so käme man nur durch einen ambitionierten Aufbruch weiter, den der Dogmatiker Peter Neuner programmatisch artikuliert hat: „Die Tatsache, dass das sakramentale Amt seit alters her gestuft übertragen wird, dass es nur die Bischöfe in voller Weise innehaben, die Priester und Diakone dagegen abgestuft, sollte es möglich machen, auch die Pastoralreferenten ... in diese amtliche Struktur einzugliedern.“ (Neuner: Die heilige Kirche der sündigen Christen, 2002, S.164) Überraschenderweise denkt auch - noch über die Weihe von Laientheologen hinausgehend - der Joseph Ratzinger des Jahres 1970 in diese Richtung: Die Kirche der Zukunft,  „wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiativen ihrer einzelnen Mitglieder beanspruchen. Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen.“ (Glaube und Zukunft, 1970, S.123)

Die dritte Option, die derzeitig primär verwaltungstechnisch umgesetzt wird, läuft auf die Maxime hinaus, dass es so viele Pfarrgemeinden geben kann, wie Priester zu deren Leitung zur Verfügung stehen. Es entstehen dann ausgedehnte Pfarrverbände oder Pastoralräume mit einer Zentrale, von der aus ein Seelsorgeteam mit einem Leitenden Pfarrer an der Spitze ein bestimmtes Gebiet abdeckt. Dazu zwei Praxisbeispiele:
Zwischen 2004 und 2011 wurden 50 Pfarrgemeinden der Stadt Frankfurt in 15 Pastorale Räume umgewandelt. „In wenigen Jahren werden daraus 6 bis 7 Großpfarreien im Stadtgebiet von Frankfurt entstehen.“ (Jörg Dantscher SJ: Zur Versteppung pfarrgemeindlicher Kirche, Mai 2011)
Seit dem 01.01.2012 gibt es in unserer Diözese den neuen Pfarrverband „Vier Brunnen“, bestehend aus St. Magdalena (Ottobrunn), St. Stephanus (Hohenbrunn), St. Stephan (Putzbrunn) und St. Ulrich (Grasbrunn). Der diesen Verband koordinierende Ottobrunner Pfarrer Christoph Nobs zelebriert am Wochenende zwei Vorabendmessen und drei Sonntagsmessen (ARD: Das Fenster zur Welt, 28.05.2012).
Was es für einen Priester bedeuten kann, sich auf ausgeweitete Seelsorgeeinheiten einzustellen, hat stellvertretend für viele andere Erich Guntli, Dekan im Bistum St. Gallen, in der Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" im Juni 2008 zum Ausdruck gebracht. Aus seiner Sicht werden die neuen pastoralen Gebilde kreiert, „um die priesterlichen Dienste noch möglichst vielen zugänglich zu machen. Servicekirche für jene, die es brauchen. Für den Priester bedeutet dies institutionalisierte Beziehungslosigkeit. Es fühlt sich alles andere als gut an, sich ins Auto setzen zu müssen, um in die nächste Kirche zu fahren. Besser wäre es, vor der Kirche noch Zeit für einen Schwatz zu haben. Nahe beim Volk zu sein, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst mit den Menschen zu teilen, verunmöglicht der Arbeitsablauf. Die Spendung der Sakramente, Zeichen der heilsamen Nähe Gottes, verkommt zum Ritual.“
Guntli zitiert die Anfangsworte des Konzilserlasses „Gaudium et Spes“ und lässt damit anklingen, dass die neuen kirchlichen Großstrukturen dem Kirchenverständnis entgegenstehen könnten, das das Konzil auf den Weg gebracht hat: Kirche als „Volk Gottes“, ein Begriff, der sich bewährt hat; „um die Gemeinschaft aller in der Kirche und ihre fundamentale Gleichheit vor Gott zum Ausdruck zu bringen.“ (Neuner 2002, S.116) Der Priester in seiner neuen Rolle als Inspirator, Kommunikator, Manager und Koordinator steht mehr denn je in Gefahr, in eine abgehobene Position zu geraten und sich den Gläubigen und deren Lebensalltag zu entfremden.

Ich habe versucht, verschiedene Szenarien des Aufbruchs - im doppelten Sinn des Wortes - zu skizzieren, und es zeigt sich, dass es einen Königsweg nicht gibt. Eigentlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für ein III. Vatikanisches Konzil, das dem pilgernden Volk Gottes den Weg in die Zukunft weisen könnte. 

Stefan Schopf für die Ausgabe 27 der Jugendstil, 14.08.2012

Freitag, 20. April 2012

Pfiat di God, Frau Pfarrer!

Benedikt spricht bewusst in seiner Gründonnerstagspredigt das Thema Gehorsam an und kommt auf die österreichische Pfarrer-Initiative zu sprechen, die sich pro Frauenordination ausspricht, obwohl diese doch von Papst Johannes Paul II. unwiderruflich ausgeschlossen worden sei. Den Autoren des Aufrufs stellt er jene lebendigen Bewegungen gegenüber, die der Kirche in radikalem Gehorsam ergeben sind. Den Priestern anempfiehlt er, sich an den großen Gestalten der Kirche zu orientieren, deren Aufreihung er mit Papst Johannes Paul II. beschließt.


Papst Benedikt hat sich am Gründonnerstag während der Chrisammesse zur Ordination von Frauen in der katholischen Kirche geäußert. Die Thematik ist liturgisch bewusst platziert, denn in der Chrisammesse erneuern traditionell die anwesenden Priester ihr Weiheversprechen. Dieses beinhaltete bei der Priesterweihe auch, dass der Kandidat seinem Bischof und dessen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam versprach.

Benedikt: „Vor kurzem hat eine Gruppe von Priestern in einem europäischen Land einen Aufruf zum Ungehorsam veröffentlicht.“ (Predigt im Petersdom, 05.04.2012)
http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/homilies/2012/documents/hf_ben-xvi_hom_20120405_messa-crismale_ge.html
Wiederum bewusst benennt der Papst die österreichische Pfarrer-Initiave - gegenwärtig 317 Priester und 65 Diakone - nicht. Denn in der klerikalen Hierarchie kann es keine gemeinsame Diskurssebene unter Anerkennung eines Diskurspartners geben.

Aus dem „Aufruf zum Ungehorsam“ vom 19.Juni 2011 greift der Papst die Frauenordination als Beispiel heraus, die unter Punkt 7 mit angesprochen ist:
„WIR WERDEN deshalb jede Gelegenheit nützen, uns öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen. Wir sehen in ihnen willkommene Kolleginnen und Kollegen im Amt der Seelsorge.“
http://www.pfarrer-initiative.at/

Benedikts Ablehnung dieses Vorstoßes ist unmissverständlich. Er verweist darauf, dass die Frage der Frauenordination lehramtlich bereits unwiderruflich von Papst Johannes Paul II. entschieden ist.
„Damit also jeder Zweifel ... beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes ..., dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Ordinatio Sacerdotalis 1994)

Benedikt argumentiert aber auch. Er gesteht der Pfarrer-Initiative zu, dass diese „die Sorge um die Kirche umtreibt“, sie Wege heraus aus der Trägheit und Starre der Institution Kirche sucht. Sie würde allerdings nicht wahrnehmen, mit welcher Dynamik sich gegenwärtig die „wahre Erneuerung“ der Kirche durch lebendige Bewegungen vollziehen würde, und dass die Menschen, „von denen diese frischen Ströme des Lebens ausgingen und ausgehen“ erfüllt wären von Glaube, Liebe, Hoffnung und „radikalem Gehorsam“, so seine Formulierung.

Es gibt diese papstidentifizierten Gruppierungen; nur ist es fraglich, inwieweit diese für die katholische Kirche insgesamt repräsentativ sind. Im weiteren Verlauf seiner Gedankenführung postuliert Benedikt, dass uns „manchmal die Gestalt Jesu Christi „zu hoch und zu groß (erscheint), als dass wir wagen könnten, daran Maß zu nehmen.“ Eben nicht. Jesus war und ist greifbar - sozusagen einer von uns -, weder elitär noch intellektuell, in seinem Sprechen und Handeln für jedermann verständlich. Er lebte vor, was es bedeutet, aufrichtig und für den Nächsten da zu sein. Es ist kein Zufall, dass er keine Lehre und kein Regelwerk für seine Kirche hinterlassen hat.

Die von Benedikt vorgenommene Entrückung Jesu’ hat allerdings Methode. Denn wenn dem so wäre, bedürfte es notwendig eines Mittlers zwischen dem Menschen und Gott. Und wer könnte das anderes sein, als die Großen der Kirchengeschichte, insbesondere Kirchenlehrer und höherer Klerus. Benedikt spricht von einer „große(n) Schar heiliger Priester ..., die uns als Wegweiser vorangehen.“ An erster Stelle nennt er Paulus, der „für seine Gläubigen eine Übersetzung von Christi Lebensstil“ (Hervorhebung durch Verfasser) gewesen ist. Als weitere Vorbilder führt er an Polykarp von Smyrna, Ambrosius, Augustinus, Gregor den Großen, Ignatius von Loyola, Johannes Maria Vianney und die zeitnahen Priestermärtyrer des 20.Jahrhunderts, um dann zielgenau bei Johannes Paul II. zu landen. Dieser und die anderen „Heiligen zeigen uns, wie Erneuerung geht und wie wir ihr dienen können.“

Hier schließt sich der Kreis. Jetzt ist es nicht mehr das Unfehlbarkeitsdogma von 1870, dessen sich Päpste bedienen, um autokratisch - und angeblich für alle Zeiten gültig - zu bestimmen, was Wahrheit ist, sondern Benedikt bringt uns den heiligmäßigen „Papst Johannes Paul II. (nahe), der im Tun und Leiden die Gleichgestaltung mit Christus uns als ‚Gabe und Geheimnis’ vorgelebt hat“ und dessen Botschaft wir - so verstehe ich ihn - wegen seiner Christus-Kongruenz unhinterfragt zu übernehmen haben: „Die Kirche (hat) keinerlei Vollmacht ..., Frauen die Priesterweihe zu spenden.“


Stefan Schopf für die Ausgabe 25 der Jugendstil, 20.04.2012