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Samstag, 20. Mai 2023

 

Joseph Ratzinger: Gelehrter von Rang und mächtiger Weichensteller in der römisch-katholischen Kirche

Porträt des am 31. Dezember 2022 verstorbenen Papst Benedikt XVI.

I. VOM CHIEMGAUER DORFBUB ZUM PAPA EMERITUS IN ROM

Im Alter von 43 Jahren gab Joseph Ratzinger am 11. Juli 1920 im Altöttinger Liebfrauenboten eine Anzeige auf: „Mittlerer Staatsbeamter, ledig, katholisch … sucht sich mit einem gut katholischen, reinlichen Mädchen, das gut kochen und alle Hausarbeiten kann, … zu verehelichen.“ Auf diesem Weg lernte Gendarmeriemeister Ratzinger die 7Jahre jüngere Köchin Maria Peintner aus Rimsting kennen. Schon vier Monate später war Hochzeit, und es kamen 1921 Maria, drei Jahre später Georg und am 16. April 1927, dem Karsamstag, Joseph Alois, der zukünftige Papst, zur Welt.

Wie bereits die Namensgebung andeutet, war die Familie tief religiös und lebte mit und in dem Kirchenjahr. Die Ratzingers waren eine Familie auf Wanderschaft – so Kardinal Ratzinger in seinen Lebenserinnerungen -, und als Vater Ratzinger nach seiner Pensionierung ein Haus in Hufschlag bei Traunstein kaufte, war das bereits die vierte Adresse des 10-jährigen Sohnes Joseph. Dadurch, dass die Familie keine Wurzeln an einem bestimmten Lebensort schlug, wurde die Katholische Kirche umso mehr zum Kontinuitätsträger.

Diese Katholische Kirche galt es in den letzten Jahren der Weimarer Republik und dann ab 1933 gegen nationalsozialistische Gleichschaltungsbestrebungen zu verteidigen. Josephs Vater machte sich als Polizist und entschiedener Gegner der „Hakenkreuzler“ unbeliebt, und er selbst musste als Grundschüler miterleben, wie der Pfarrer, für den er ministrierte, von Braunhemden verprügelt wurde.

Im Alter von 12 Jahren folgte Joseph seinem Bruder Georg in das auf den Priesterberuf vorbereitende Studienseminar St. Michael in Traunstein. Hier entdeckte er die Welt der Bücher und erhielt den Spitznamen Bücher-Ratz. Aber die Zeiten erlaubten keine ruhige Entwicklung, und so musste Joseph mit 14 Jahren der Hitlerjugend beitreten. Als 17-jähriger Rekrut des Ausbildungsbattaillons 179 in Traunstein wurde er vom Leutnant nach seiner Berufsvorstellung gefragt. Seine Antwort „Priester“. Der überzeugte Nationalsozialist verlor die Contenance: „Da werden Sie sich um etwas anderes umsehen müssen! Priester werden in Zukunft nicht mehr gebraucht.“ (Predigt 1994) Hier liegt die Wurzel eines ihn lebenslang begleitenden Themas: Die Verteidigung der Katholischen Kirche und des Priestertums gegen eine verderbte und gottlose Welt.

Der Senkrechtstarter

Mit dem Ende der Nazi-Herrschaft begann eine steile theologische Karriere. Im Juli 1950 legte Joseph Ratzinger das theologische Examen in München ab und widmete sich anschließend sofort der jährlichen Preisaufgabe der theologischen Fakultät: „Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“. Die Arbeit schloss er nach 9 Monaten mit Bravour ab, und der Lohn war die damit verbundene Promotion. Zwei Monate danach erfolgte am Peter- und Paulstag im Freisinger Dom die Priesterweihe. Nur ein Jahr später dozierte der intellektuelle Überflieger an der philosophisch-theologischen Hochschule Freising, wo er zum Wintersemester 1954 im Alter von 27 Jahren den Lehrstuhl für Dogmatik und Fundamentaltheologie übernahm. Dem 1957 habilitierten Professor wurde 1958 von der Universität Bonn seine Traumposition angeboten, und um seinen 32. Geburtstag herum nahm Joseph Ratzinger seine Arbeit als Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologe an der renommierten katholisch-theologischen Fakultät auf.

Dem Neuankömmling eilte ein Ruf als innovativer Denker voraus, was ihm einen großen Zulauf zu seinen Vorlesungen eintrug. Anfang 1959 kündigte Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil an, und der Erzbischof von Köln war in dessen Vorbereitung involviert. Als seinen Berater erwählte sich Kardinal Frings den jungen Professor Ratzinger, der ihm dann während des Konzils (1962 – 65) zur Seite stand und einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Konzilstexte nahm. Dessen damalige progressive Denkungsart kommt gut in einer von ihm in dieser Phase formulierten Position zum Ausdruck: Die Kirche von morgen wird „als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. Sie wird auch gewiss neue Formen des Amtes kennen und bewährte Christen, die im Beruf stehen, zu Priestern weihen.“ (Glaube und Zukunft, 1970, 123)

Kipp-Punkt 1968

Während die 1968er Bewegung die Initialzündung für eine Aufbruchsdynamik in der bundesrepublikanischen Gesellschaft war, begab sich die Katholische Kirche mit der Enzyklika „Humanae vitae“ Papst Pauls VI. vom Juli 1968, die der Volksmund „Pillenenzyklika“ nannte, in eine Jahrzehnte währende lehramtliche Sackgasse. Das damalige Auseinanderdriften von Rom und Deutscher Katholischer Kirche – hier bestand man in Sachen Verhütung auf der persönlichen Gewissensentscheidung der Eheleute – war ein Widerstreit, der seinen Höhepunkt Ende der 90er Jahre mit dem von Rom geforderten Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung hatte und mit dem deutschen Synodalen Weg bis heute andauert. Zentraler Akteur des deutsch-römischen Tauziehens war der wirkmächtige spätere römisch-bayerische Glaubenspräfekt und dann ab 2005 deutsche Papst.

Nach den Professuren in Bonn und Münster (1963 - 66) folgte Joseph Ratzinger - auf das Betreiben seines ehemaligen Konzilskollegen und späteren theologischen Widersachers Hans Küng hin – einem Ruf in die theologische Hochburg Tübingen. Symptomatisch für die divergierenden Entwicklungswege von Küng und Ratzinger waren deren unterschiedliche Reaktionen auf die ab 1968 revoltierenden Studenten. Der forsche Hans Küng warf sich mit dem Grundgesetz in der Hand in die Debatte, derweil sein professoraler Kollege Ratzinger in höchstem Maße verschreckt reagierte. Sein Assistent Wolfgang Beinert berichtet, was er damals aus nächster Nähe mitverfolgte: „Ich habe die Wandlung von einem konservativen, gemäßigt liberalen Denker zu einem ganz ängstlichen und pessimistischen Mann erleben müssen.“ (Deutschlandfunk 2023) In vielen Büchern wird das als Folge eines Traumas verortet, aus meiner Sicht handelt es sich um eine Re-Traumatisierung, die mit Ratzingers tiefgreifenden Erlebnissen als Kind und Jugendlicher in der Nazi-Zeit in Verbindung steht. Er erlebte quasi zum zweiten Mal die Gefährdung seines katholisch-traditionalen Fundamentes durch eine innerweltliche Heilsideologie und floh in das - von studentischen Umtrieben verschonte - oberpfälzische Regensburg in die Nähe seiner Geschwister.

Vom Erzbischof zum Präfekten der Glaubenskongregation

Nach dem jähen Tod des Münchner Erzbischofs Julius Kardinal Döpfner im Juli 1976 ernannte Papst Paul VI. im Frühjahr darauf Joseph Ratzinger zu dessen Nachfolger. Der war mit Leib und Seele Professor, und es fiel ihm nicht leicht, dem ihm von Mutter Kirche auferlegten Dienst nachzukommen. Mit der Ernennung zum Kardinal nur drei Monate später signalisierte Rom, dass noch größere Aufgaben warteten. Der im Oktober 1978 zum Papst gewählte Karol Wojtyła hätte gerne von Beginn seines Pontifikates an Joseph Ratzinger an seiner Seite gehabt, musste sich aber gedulden, bis der Erzbischof von München und Freising Anfang 1982 an die Spitze der Glaubenskongregation wechselte.

Die Katholische Kirche hatte nun mit Johannes Paul II. und seinem Glaubenspräfekten ein langjähriges starkes Führungsduo, bei dem nicht zu Unrecht von einem „Doppelpontifikat“ die Rede war. Von ihrer Persönlichkeitsstruktur her war den beiden Männern tiefe Frömmigkeit gemeinsam, aber fatalerweise auch das Motiv des Abwehrkampfes gegen böse Außenmächte. Zu spüren bekamen das zuallererst die Befreiungstheologen Lateinamerikas, die im Verdacht einer zu großen Nähe zum Marxismus standen.

In seinen Lebenserinnerungen nahm Joseph Ratzinger daran Anstoß, dass - aufgrund der vom II. Vatikanum ausgelösten Reformen - die Gläubigen nun alles in der Kirche für veränderbar hielten. „Immer mehr bildete sich offenbar der Eindruck, dass eigentlich nichts fest sei in der Kirche, dass alles zur Revision stehe.“ (Aus meinem Leben, 134)

Der oberste Glaubenswächter war sich mit Johannes Paul II. darin einig, dieser Veränderungsdrift entschieden entgegenzusteuern. Das fing bei der Neubesetzung von Bischofsstühlen an, für die nur noch dezidiert linientreue Kandidaten in Frage kamen. Mit dieser Engführung kam es allerdings zu Fehlbesetzungen: In Deutschland waren dies Walter Mixa und Franz-Peter Tebartz-van Elst. Theologen mit akademischen Ambitionen hatten fortan genau darauf zu achten, welche Inhalte sie publizierten, wollten sie die Option auf einen späteren Lehrstuhl aufrechterhalten. Etablierte Theologen, die sich erlaubten, von Rom nicht abgesegnete Positionen zu vertreten, liefen Gefahr, mit Bußschweigen oder Lehrverbot belegt zu werden. Die prominentesten deutschsprachigen Theologen, denen die Lehrbefugnis entzogen wurde, waren Hans Küng und Eugen Drewermann. Weltweit wurden - so Leonardo Boff - etwa hundert Berufskolleg:innen sanktioniert.

1989 protestierten am Dreikönigstag 220 deutsche Theologie-Professor:innen mit der „Kölner Erklärung: Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“. Darauf reagierend führte das römische Lehramt überhastet einen Treueeid ein, der fortan von Priestern und anderen Amtsträgern zu leisten war.

Im Jahr 1995 wurde von Österreich aus ein Kirchenvolks-Begehren gestartet, das in der BRD von mehr als 1,8 Millionen Gläubigen unterschrieben wurde. Die damaligen Forderungen spiegeln weitgehend das Konfliktfeld wider, auf dem bis heute zwischen deutschem Synodalen Weg und römischem Lehramt gerungen wird. 
     1.     Aufbau einer geschwisterlichen Kirche

2.   Volle Gleichberechtigung der Frauen

3.   Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform

4.   Positive Bewertung der Sexualität

5.   Frohbotschaft statt Drohbotschaft

Der letzte Punkt ist erfreulicherweise mit dem Pontifikat von Franziskus inzwischen eingelöst. Man muss Joseph Ratzinger zugutehalten, dass es ihm nie um Machtausübung per se ging. Er sah sich als Verteidiger göttlicher Wahrheit, war allerdings nicht bereit, den eigenen Wahrheitsanspruch zu hinterfragen.

Ein deutscher Papst in schwierigen Zeiten

Im hohen Alter von 78 Jahren wurde Joseph Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 vom Konklave zum 265. Papst der katholischen Kirche gewählt, ein Amt, das er bis zum Februar 2013 innehatte. Es war anrührend mitzuerleben, wie er – der Last des Glaubenswächters ledig – als scheu lächelnder Papst Benedikt XVI. zum Sympathieträger wurde.

Die anfängliche Hochstimmung endete allerdings abrupt am 12. September 2006 mit der Regensburger Rede. Der Pontifex begab sich noch einmal an „seiner Uni“ in die Rolle des Professors am Vorlesepult, ohne sich ausreichend bewusst zu sein, dass jede Äußerung eines Papstes politische Implikationen hat. Er zitierte aus einem Gespräch, das der byzantinische Herrscher Manuel II. Palaiologos im Jahr 1391 mit einem persischen Gelehrten geführt hatte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“ Benedikts Aussage löste in der islamischen Welt eine Welle des Protestes aus, führte aber auch dazu, dass sich 138 muslimische Gelehrte unterschiedlicher Glaubensrichtungen zusammentaten, um einen gemeinsamen offenen Brief zu formulieren, in dem sie zum Dialog über Gemeinsamkeiten der beiden Religionen aufforderten. Dieses Angebot nahm das Oberhaupt der Katholischen Kirche im November 2007 an.

Zu einem weiteren Aufsehen erregenden Vorfall kam es Anfang 2009, als der Pontifex die Exkommunikation von vier Bischöfen der traditionalistischen Piusbruderschaft aufhob und sich herausstellte, dass seit Tagen öffentlich bekannt war, dass einer von ihnen, Bischof Richard Williamson, Holocaust-Leugner war. Nach wochenlangem Schweigen nahm Benedikt XVI. in einem persönlich gehaltenen Brief an die Bischöfe Stellung zu seiner umstrittenen Entscheidung. In seiner Erklärung kommt auch eine, kaum für möglich gehaltene Weltfremdheit des Vatikans zum Ausdruck: „Ich höre, dass aufmerksames Verfolgen der im Internet zugänglichen Nachrichten es ermöglicht hätte, rechtzeitig von dem Problem Kenntnis zu erhalten.“ (Brief an die Bischöfe. 10.03.2009)

Schwerer noch als die obigen Vorkommnisse wiegt die von Benedikt bewusst gesetzte Distanzierung von Protestantismus und Judentum. In einem vatikanischen Dokument von 2007 ließ Benedikt bekräftigen, dass protestantische Kirchen – anders als die Orthodoxie - keine Kirchen im eigentlichen Sinn seien. Und 2008 führte er folgende Karfreitagsfürbitte für die Juden neu ein:

„Wir wollen auch beten für die Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, den Heiland aller Menschen.“ Der hier zum Ausdruck kommende Bekehrungsimpetus löste internationalen jüdischen Protest aus.

Was Joseph Ratzinger am stärksten ins Schlingern brachte, ist das Öffentlich-werden von verbrecherischem Verhalten von Priestern und gravierendem Amtsversagen von Bischöfen gegenüber einer großen Zahl an Opfern klerikalen sexuellen Missbrauchs. Als Glaubenspräfekt war er von Anfang an mit einzelnen solcher Fälle befasst, in den 90er Jahren landete dann eine Vielzahl von Missbrauchsakten aus Australien, Irland und Kanada auf seinem Schreibtisch. Die Enthüllungen des Boston Globe 2002 in den USA führte zu einer Flut weiterer Fälle, die in Rom eingingen. Für Joseph Ratzinger, der ein Leben lang das Sehnsuchtsbild einer heilen Kirche hochhielt, die den reinen Glauben unversehrt durch die Jahrhunderte trägt, war die dunkle Realität klerikalen Missbrauchs schwer zu ertragen. Es mutet wie ein Akt der Verzweiflung an, dass er als Papst im Jahr 2009 überraschend ein „Jahr des Priesters“ ausrief. Kaum zu fassen ist, dass er vor dem Hintergrund der ihm bekannten Sexualdelikte vieler Priester im Auftaktschreiben des Priesterjahres seine Mitgeistlichen auffordert, sich „innerlich angerührt und dankbar bewusst zu werden, welch unermessliches Geschenk die Priester nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Menschheit überhaupt sind.“  Diese Romantisierung des Priesterstandes paart sich bei ihm mit einer Verantwortungsverschiebung für das Missbrauchsdesaster: “Man könnte nun meinen, der Teufel konnte das Priesterjahr nicht leiden und hat uns daher den Schmutz ins Gesicht geworfen” (Licht der Welt, 52). In Joseph Ratzingers idealisiertem Kirchenkonstrukt war ein Schuldig-werden von Bischöfen an erster Stelle ein vor der Öffentlichkeit zu verbergendes Internum und das Versagen von Päpsten ein Widerspruch in sich. Denn der Mensch ist fehlbar, das Papstamt aber nicht. Insofern hat er als Papst emeritus für sein Fehlverhalten als Erzbischof von München – klerikalen Missbrauch betreffend - nie persönliche Verantwortung übernommen.

Eine Dekade lang Papa emeritus

Am 11. Februar 2013 betritt Benedikt XVI., dessen Lebenswerk bisher dem Hochhalten und der Absicherung der katholischen Überlieferung galt, Neuland. Mit seiner wohlüberlegten Ankündigung seines Rücktritts vom Papstamt bricht er mit der bisherigen Tradition und schreibt damit Kirchengeschichte. Freilich tut er dies zu seinen Bedingungen und tritt nicht zurück ins Glied als emeritierter Bischof von Rom, sondern bleibt Papst, indem er sich weiterhin weiß gewandet und sich fortan Papa emeritus nennt.

Kritischer noch als die Parallelität zweier Päpste war die Scharnierposition des im Dezember 2012 zum Erzbischof erhobenen Georg Gänswein, der in seiner Funktion als Präfekt des Päpstlichen Haushaltes auch für Franziskus tätig wurde, aber ungeachtet dessen weiterhin als Privatsekretär an Benedikts Seite blieb.

Anfang Februar 2020 kam es zum Eklat. Franziskus war gerade dabei, das nachsynodale Schreiben zur Amazonas-Synode des vergangenen Herbstes zu schreiben. Die dortige Versammlung hatte vorgeschlagen, dem gravierenden Priestermangel durch die Weihe von sogenannten „viri probati“ – also im Glauben und Leben bewährten verheirateten Männern – zu Diakonen zu begegnen. Konservative Kreise in Rom waren alarmiert, und einer ihrer Protagonisten, der guineische Kardinalpräfekt Robert Sarah, veröffentlichte am 15. Januar ein Buch, das inhaltlich gegen die Aufweichung des zölibatären Priestertums Front machte. Joseph Ratzinger hatte einen Text beigesteuert - „Le sacerdoce catholique“. Das katholische Priestertum - und firmierte in der französischen Ausgabe als Co-Autor. Das bedeutete gegenüber dem amtierenden Papst einen Affront. Erzbischof Gänswein beeilte sich zwar klarzustellen, dass Benedikt nicht der Co-Autor des Buches sei, aber das Kind war bereits in den Brunnen gefallen, und Gänswein wurde von Franziskus auf unbestimmte Zeit beurlaubt. Am Ende stand eine Entpflichtung vom Dienst als Präfekt des Päpstlichen Haushaltes.

Dem eskalierenden Konflikt liegt eine von Haus aus schwierige Gemengelage zugrunde. Zwei Wochen vor seinem terminierten Rücktritt verkündete Benedikt XVI. vor dem versammelten römischen Klerus, dass er sich zurückziehen und für die Welt verborgen bleiben werde. Als weltabgewandten zukünftigen Lebensort wählte er das vatikanische Kloster Mater Ecclesiae. Doch wollte weder die Welt – insbesondere die Benedikt verbundenen traditionalistischen Katholiken – den Papa emeritus in Ruhe lassen, noch wollte er selbst darauf verzichten, zu schreiben, sich ab und an zu Wort zu melden, Interviews zu geben, Besuch zu empfangen und sich fotografieren zu lassen.

Von Anfang an bestand die ambivalente Konstellation, dass bei Äußerungen und Stellungnahmen Benedikts nie so ganz klar war, wo er authentisch für sich sprach, und wo er unter dem interessengeleiteten Einfluss seines Umfelds stand. Diese Problematik verstärkte sich mit fortschreitendem Alter und wurde besonders 2021 und 2022 virulent, als sich das Münchner Missbrauchsgutachten mit dem Verhalten des Erzbischofs Ratzinger in den Jahren 1977 bis 82 befasste.

Das Phänomen eines Papa emeritus wird wohl ein singuläres Geschehnis bleiben. Denn im Falle eines Rücktritts von Papst Franziskus wird erwartet, dass sich dieser an den Empfehlungen von Experten orientieren wird. Das jetzige Oberhaupt der Kirche würde demzufolge ins Glied zurücktreten, wäre vom Status her emeritierter Erzbischof von Rom und würde das papale weiße Gewand ablegen. Ein solches Prozedere würde insbesondere in einer denkbaren Konstellation Eineindeutigkeit herstellen, wo mehrere ehemalige Päpste sich zeitgleich im Vatikan aufhalten würden. Es würde dadurch insbesondere eine Verunklarung der pyramidal-hierarchischen Verfasstheit der Kirche vermieden, an deren Spitze ein im Konklave gewählter Stellvertreter Jesu Christi steht.

II. JOSEPH RATZINGER / PAPST BENEDIKT ALS STRATEGE UND ENTSCHEIDER DER NACHKONZILIAREN KIRCHE

Wer hätte von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an bis heute mehr Einfluss auf die Katholische Kirche genommen als Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Er war Konzilstheologe, Professor an bedeutenden deutschen Fakultäten, Erzbischof einer großen Diözese, war 23 Jahre lang der Präfekt der vielerorts gefürchteten Glaubenskongregation, lenkte 8 Jahre lang als Papst die Geschicke der Weltkirche und war auch in den 10 Jahren als Papa emeritus vernehmbar.

Als mächtiger Präfekt der Glaubenskongregation, und auch dank seiner theologischen Expertise, konnte er der Gegenwartskirche seinen Stempel aufdrücken, indem er die nach-konziliare Veränderungsdynamik außer Kraft setzte und die hierarchische Papstkirche per Top-down-Entscheidungen zementierte. Bei der von ihm als Papst verfolgten Agenda ging es ihm vor allem darum, das Profil der Katholischen Kirche in Abgrenzung zu anderen Glaubensgemeinschaften und Religionen zu schärfen. Die von Ratzinger/Benedikt jahrzehntelang betriebene Kirchenpolitik kann man mit drei Leitbegriffen kennzeichnen: Entweltlichung, Gefahrenabwehr und Identitätssicherung.

ENTWELTLICHUNG

Das Motiv der Entweltlichung taucht bei Joseph Ratzinger schon 1958 auf, als er noch den progressiven Kräften der Kirche zugerechnet wurde. In seinem Aufsatz „Die neuen Heiden und die Kirche“ problematisiert er ein neues Heidentum, „das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.“ In der Kirche würden angebliche Christen überhandnehmen, die in Wirklichkeit Heiden sind. „Der Mensch von heute kann also als Normalfall den Unglauben seines Nachbarn voraussetzen.“ Ratzinger sieht die Notwendigkeit, noch vorhandene weltliche Positionen rigoros abzubauen, um die Kirche als Überzeugungsgemeinschaft hervortreten zu lassen, als Gemeinschaft der Glaubenden. Er sieht einen unaufhaltsamen Wandel voraus, der von der Weltkirche, die mit der Zivilgesellschaft verflochten ist, hinführt zur Kirche der „kleinen Herde“ der dezidiert Entschiedenen.

Mehr als 50 Jahre später rückt Joseph Ratzinger als Papst Benedikt bei seiner Deutschlandreise 2011 wiederum die Forderung nach einer Entweltlichung der Kirche in den Vordergrund. Seine Diagnose lautet: „Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen.“ Und als Therapie empfiehlt er: „Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Speziell an die Präsidiumsmitglieder des Zentralkomitees der deutschen Katholiken adressiert, kritisiert er, dass es in der in Deutschland bestens organisierten Kirche „einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt.“ Und am Tag darauf nimmt er sich beim Abschlussgottesdienst mit fast 100.000 Teilnehmern heraus, engagierte Laien und professionell in der Kirche Tätige zu beargwöhnen: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden…sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz vom Glauben berührt wäre.“

Benedikt weiß, welche umfangreiche und wertvolle Arbeit die Katholische Kirche in der BRD im Bereich des Sozial- und Gesundheitssystems leistet, und dass diese tätige Nächstenliebe nur auf einer ausreichenden materiellen Basis erbracht werden kann, und empfiehlt dennoch, „die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.“ In seiner Kritik am „etablierten und hochbezahlten Katholizismus, vielfach mit angestellten Katholiken“ in Deutschland schwingt m. E. mit, dass ihm eine ärmere deutsche Kirche überhaupt zupasskäme. Es wäre durchaus in seinem Sinne, die weltweit angesehene, profilierte und tendenziell romkritische deutsche Theologie zu schrumpfen und die Mittelzuflüsse an selbstbewusste katholische Laienorganisationen auszutrocknen.

Das Resümee der papalen Deutschlandvisite brachte Hans Küng präzise auf den Punkt: „Wo Gott ist, da ist Zukunft.“ - „Wo dieser Papst ist, da ist Vergangenheit.“ (Freie Presse, Chemnitz)

GEFAHRENABWEHR

Joseph Ratzinger neigte aufgrund seiner mentalen und biografischen Dispositionen eher zu Pessimismus und düsterer Zukunftserwartung. Eine mehrfach von ihm verwendete Metapher für den Niedergang der Kirche ist die des untergehenden Bootes.

„Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist.“ (Karfreitags-Kreuzweg, 25. März 2005)

„Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt … Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden.“ (Predigt vor dem Beginn des Konklaves, 18. April 2005)

„… hat es mich bewegt, dass er … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“ (Grußwort von Benedikt XVI. zum Requiem von Kardinal Meisner 2017)

Dem Kontext des ersten Zitates lässt sich entnehmen, dass Kardinaldekan Ratzinger, der Papst Johannes Paul II. kurz vor dessen Tod beim Karfreitags-Kreuzweg vertrat, unter dem ihn aufwühlenden Eindruck der zahlreichen – klerikalen sexuellen Missbrauch dokumentierenden - Akten aus dem angelsächsischen Raum stand, die in den letzten Jahren auf seinem Schreibtisch gelandet waren. „Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?“ (Karfreitags-Kreuzweg 2005)

Das zweite Zitat beinhaltet eine Kritik an jenen Theologen, die Glaubensmeinungen vertreten, die mit dem römischen Lehramt nicht übereinstimmen und aus kurialer Sicht die Gläubigen in Verwirrung stürzen.

Im Kontrast zum kenternden Boot des dritten Zitates hat Benedikt vorausgehend den verstorbenen Kölner Erzbischof Joachim Meisner als standfeste Persönlichkeit gekennzeichnet, der sich als überzeugender Hirte der „Diktatur des Zeitgeistes“ entgegenstellte.

Nimmt man die drei Boots-Metaphern zusammen, so spiegeln diese das Spektrum des Benedikt’schen Abwehrkampfes adäquat wider.

- Der äußere Feind ist die moderne hedonistische Gesellschaft, der nichts heilig ist, und die mit ihren Verlockungen verhindert, dass die Menschen zu ihrem eigentlichen Wesen finden können. Deren „Diktatur des Relativismus“ lässt den wahren Glauben des römischen Katholizismus als nur eine Option innerhalb der gesamten religiösen Angebotspalette erscheinen.

- Die inneren Feinde sind zum einen die lauen service-orientierten Christen und zum anderen die engagierten kritischen Gläubigen, die lehramtliche Vorgaben in Frage stellen und sich auf ihr eigenes Denken und Gewissen verlassen. Schlimmer noch sind jene Theologen, die eigene Einsichten über die des Lehramtes stellen und auch noch Anklang beim Gottesvolk finden. Am verheerendsten sind klerikale Missbrauchstäter, deren Verbrechen die Kirche allerdings – zu Lasten der Opfer – bagatellisierte.

Aus Sicht Benedikts befinden sich die gegenwärtige Zivilisation wie auch die Kirche in einer fundamentalen Krise, und er antwortet darauf mit einer Doppelstrategie. Zum einen muss sich die Kirche von der modernistischen Welt zurückziehen, die Reihen schließen und den Schatz des Glaubens und der katholischen Tradition bewahren. Das wäre das Kirchenschiff, das sich zur Arche Noah umrüstet, um dort bis zu besseren Zeiten auszuharren. Im Kontrast dazu inszeniert Benedikt sich und die Papstkirche als römisches Leuchtfeuer, deren zeremonielle Pracht die graue, gottlose Zivilgesellschaft überstrahlt und den Glanz der Ewigkeit aufscheinen lässt.

IDENTITÄTSSICHERUNG

Nach innen ging es Joseph Ratzinger um eine Definition und Festigung dessen, was er als Fundament des Katholischen ansah. Nach außen war für ihn die Katholische Kirche die Messlatte, anhand derer sich der Stellenwert aller anderen Glaubensgemeinschaften und Religionen bestimmen ließ.

1. Die Durchsetzung der Alleinstellungsposition der römisch-katholischen Kirche

Eine Kernaussage der Kirchenkonstitution des II. Vatikanums, die von einer breiten Öffentlichkeit als bedeutsamer Fortschritt angesehen wurde, passte ganz und gar nicht in das Konzept des Präfekten der Glaubenskongregation. Das ursprüngliche, von der Kurie vorbereitete Schema der Pastoralkonstitution „Über die Kirche“ – das den Konzilsvätern 1962 vorgelegt wurde - wäre ganz im Sinne von Joseph Ratzinger gewesen und lautete an der entscheidenden Stelle:

„So lehrt also die heilige Versammlung …, dass es nur die eine wahre Kirche Jesu Christi gebe, diejenige nämlich, … die der Erlöser … dem heiligen Petrus und seinen Nachfolgern … zur Leitung übergeben hat; und deshalb wird einzig die katholische römische mit Recht Kirche genannt.“ (Zit. nach Knauer, 154)

Im Verlauf der konziliaren Beratungen einigten sich die Bischöfe 1964 allerdings auf eine textliche Endfassung, die eine markante Bedeutungsverschiebung beinhaltet:

„Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. … Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird.“ (Lumen gentium, Nr. 8)

Die universale Kirche des Glaubensbekenntnisses ist demzufolge nicht identisch (lat. est) mit der römisch-katholischen Kirche als Einzelkirche, sondern ist in dieser verwirklicht (lat. subsistit in). Das Konzil räumt also ein, dass die eine universale Kirche auch in anderen christlichen Kirchen subsistieren könnte, in denen an Jesus Christus und seine Gottessohnschaft geglaubt wird. In dieser Perspektive hätte das Konzil einen Durchbruch im Hinblick auf eine Ökumene auf Augenhöhe erzielt. 

Was im konfessionell geteilten Deutschland als hoffnungsvolle Weichenstellung in Richtung versöhnter Verschiedenheit von Katholiken und Protestanten wahrgenommen wurde, wertete Joseph Ratzinger als Ausverkauf der römisch-katholischen Vorrangstellung. Als Theologe stellte er heraus, dass die Formel ‚Die universale Kirche des Glaubensbekenntnisses ist in der römisch-katholischen Kirche verwirklicht‘ „widersprüchlichste Deutungen gefunden hat“ (Ratzinger 2002), und als Glaubenspräfekt gab er mit seinem Schreiben „Dominus Iesus“ (2000) als lehramtlich verbindliche Lesart vor, „dass die Kirche Christi trotz der Spaltungen der Christen voll nur in der katholischen Kirche weiterbesteht.“ (Nr. 16) Sowie: „Wenn es auch wahr ist, dass die Nichtchristen die göttliche Gnade empfangen können, so ist doch gewiss, dass sie sich objektiv in einer schwer defizitären Situation befinden.“ (Nr. 22)

Mit der von ihm geltend gemachten katholischen Hegemonialstellung nimmt Joseph Ratzinger für sich die Definitionsmacht in Anspruch, beispielsweise der Orthodoxie zuzugestehen, sich als Kirche zu bezeichnen, während sich die protestantischen Kirchen mit dem Status „Kirchliche Gemeinschaft“ abzufinden haben. Konstruktivem ökumenischem Dialog ist damit jeder Boden entzogen.

2. Die Verteidigung der vorkonziliaren Tradition gegen Neuerer und Reformer

Worum es Joseph Ratzinger letztlich geht, wird an einer Stelle seines Buches „Einführung in das Christentum“ (Erstausgabe 1968) augenfällig, wo er auf das Märchen vom „Hans im Glück“ zurückgreift, um den von ihm wahrgenommenen Verfall zeitgenössischen Katholizismus‘ zu illustrieren.

Hat unsere Theologie „nicht den Anspruch des Glaubens … stufenweise herunterinterpretiert? … Und wird der arme Hans, der Christ, der vertrauensvoll sich von Tausch zu Tausch, von Interpretation zu Interpretation führen ließ, nicht wirklich bald statt des Goldes, mit dem er begann, nur noch einen Schleifstein in Händen halten, den wegzuwerfen man ihm getrost zuraten darf?“ (Lizenzausgabe 2005, 27)

Von diesem Bild her lässt sich die Lebensaufgabe, die Joseph Ratzinger als seine Bestimmung begreift, klar benennen: Es gilt den Goldschatz des Glaubens, der von den Kirchenvätern grundgelegt wurde, und der seine Kindheit geprägt hatte, gegen jegliches Relativierungsansinnen zu verteidigen. Das schließt für den Glaubenshüter mit ein, von ihm konstatierte Fehlentwicklungen, deren Ausgangspunkt er im II. Vatikanum sieht, zu korrigieren.

Im Rückblick wird erkennbar, dass sich Papst Johannes Paul II. und sein ab 1982 amtierender Glaubenspräfekt darauf verständigt haben, der nach-konziliaren Vielstimmigkeit innerhalb der Kirche und den öffentlich ausgetragenen Kontroversen ein Ende zu bereiten. Die Enzyklika Pauls VI. von 1968, Humanae vitae, hatte bei Gläubigen, Theologen, Priestern und auch Bischöfen Empörung und Widerspruch ausgelöst und dazu geführt, dass nicht wenige den - der römischen Lehrautorität geschuldeten - Glaubensgehorsam aufkündigten. Für das katholische Führungsduo kam alles darauf an, die Wortführer in der Kirche wieder auf Linie zu bringen und die Gläubigen darauf zu verpflichten, sich dem hierarchischen Lehramt unterzuordnen.

Im Lauf der Jahre wurden mit den Instrumenten Professio fidei und Treueid erst die Bischöfe (1987), dann die innerkirchlichen Multiplikatoren (1990) und am Ende alle Gläubigen (1998) eingenordet. Werner Böckenförde führt folgendes, absurd anmutendes Szenario vor Augen: „Wer also für die Priesterweihe für Frauen eintritt, kann seit Inkrafttreten des Schreibens am 1. Oktober 1998 von seinem Diözesanbischof zum Widerruf ermahnt, ggf. bestraft, aber auch direkt von Rom zur Verantwortung gezogen werden.“ (1998, 7)

Diejenigen Hauptamtlichen, die sich quer stellten, kamen entweder für bestimmte berufliche Positionen nicht mehr in Frage oder wurden ihres Dienstes enthoben. In der Folge reagierten bezahlte kirchliche Mitarbeiter mit Angst und Selbstzensur, es entstand ein denunziatorisches Milieu und über die Kirche legte sich Mehltau.

Neben der präventiven Stärkung der formalen Lehrautorität ging es Papst und Glaubenspräfekt auch um die inhaltliche Ausweitung des lehramtlichen Definitionsbereiches. 

Im Codex Iuris Canonici (CIC), dem Gesetzbuch der Kirche, das – ausgehend vom Konzil - neu konzipiert wurde und 1983 in Kraft trat heißt es: 

„Kraft göttlichen und katholischen Glaubens ist all das zu glauben, was im geschriebenen oder im überlieferten Wort Gottes als dem einen der Kirche anvertrauten Glaubensgut enthalten ist und zugleich als von Gott geoffenbart vorgelegt wird, sei es vom feierlichen Lehramt der Kirche, sei es von ihrem ordentlichen und allgemeinen Lehramt.“ (Can. 750)

Das war bereits vor 1983 sittlich geboten, „wurde jetzt (aber) zusätzlich zu einer Rechtspflicht, deren Verletzung strafbar ist.“ (Böckenförde, 1998, 4) Um den zahlreichen lehramtlichen Verfügungen des „Doppelpontifikats“ auch ein rechtlich stärkeres Gewicht zukommen zu lassen, führte Papst Johannes Paul II. „zum Schutz des Glaubens der katholischen Kirche gegenüber den Irrtümern, die bei einigen Gläubigen auftreten“ (Apostolisches Schreiben ‚Ad tuendam fidem‘) 1998 eine zusätzliche Rechtsnorm ein. Der neu zum Kanon 750 hinzugefügte §2 deckt sich inhaltlich mit dem zweiten Zusatz der 1990 angeordneten Professio fidei:
„Fest anzuerkennen und zu halten ist auch alles und jedes, was vom Lehramt der Kirche bezüglich des Glaubens und der Sitten endgültig vorgelegt wird … daher widersetzt sich der Lehre der katholischen Kirche, wer diese als endgültig zu haltenden Sätze ablehnt.“. (Can. 750 -§ 2)

Ich nenne nur zwei Beispiele von zahlreichen vom damaligen Lehramt als endgültig und verbindlich erklärten Sätzen:

- „Die Kirche hat stets gelehrt, dass die Empfängnisverhütung, das heißt jeder vorsätzlich unfruchtbar gemachte Akt, eine in sich sündhafte Handlung ist.“ (Römisches Beichtväter-Vademecum, 1997, Nr. 4)

- „… erkläre ich kraft meines Amtes …, dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Ordinatio sacerdotalis, 1994, Nr. 4)

3. Vom Normen-Regiment zur kirchenpolitischen Offensive

Joseph Ratzinger war nicht bereit, sich von auf Erneuerung drängenden Reformkatholiken und einer kirchenkritischen Medienöffentlichkeit in die Rolle des Verhinderers und Ewig-Gestrigen drängen zu lassen. Er war ja von der genuinen Wahrheit seines Welt- und Kirchenbildes überzeugt und sah die sich als aufgeklärt gerierenden, modernistischen Gesellschaften auf dem Holzweg. Also drehte er den Spieß um und schaltete von Verteidigungshaltung auf Angriff. Er maßte sich an, Werte wie Toleranz und Kompromissbereitschaft, individuelle Selbstverwirklichung, Pluralismus und partizipative Teilhabe unter das von ihm kreierte Narrativ einer „Diktatur des Relativismus“ zu subsumieren. In der von ihm geleiteten Messe vor der Papstwahl 2005 predigte er diese, seine Programmatik den versammelten Kardinälen:

„Wie viele Doktrinen haben wir in den vergangenen Jahrzehnten erlebt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkmoden … Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden … Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich »vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen«, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“ (St. Peter, 18. April 2005)

Mehrere Kardinäle applaudierten, und man kann davon ausgehen, dass dieser Auftritt mit ausschlagend dafür war, dass aus Joseph Ratzinger Benedikt XVI. wurde.

Zusätzlich zu dem wirkmächtigen Konstrukt „Diktatur des Relativismus“ gelang es ihm mit seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang der römischen Kurie 2005 ein weiteres, in der theologischen Debatte vielfach aufgegriffenes Narrativ zu setzen. Er erinnerte an den 40. Jahrestag des II. Vatikanums und sprach die – aus seiner Sicht – problematische Rezeption des Konzils an. Alles hinge ab „von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik.“ Von diesem Ausgangspunkt aus postuliert Benedikt eine Dichotomie zweier unvereinbarer Hermeneutiken, zum einen die »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« und zum anderen die »Hermeneutik der Reform«. Erstere hätte Verwirrung gestiftet, die zweitgenannte hätte Früchte getragen. Hier spaltet der streitlustige Polarisierer Joseph Ratzinger, demgegenüber der von der Wortbedeutung her brückenbauende Pontifex das Nachsehen hat.

Dass der »Hermeneutik der Diskontinuität« progressive Katholik:innen und die moderne Theologie zuzurechnen sind, versteht sich von selbst, aber wie erklärt sich, dass er die konservativ-traditionalistische Sichtweise, die insbesondere er selbst repräsentiert, als »Hermeneutik der Reform« labelt? Benedikt XVI. versteht unter Reform nicht die Umgestaltung des Bestehenden zum Besseren hin, sondern für ihn zielt Reform auf die Wiederherstellung eines früheren Zustands. Er hat also den Kirchenreformern den Begriff der „Reform“ stibitzt und sich dadurch aus der Defensive in die Offensive katapultiert.

III. WER WAR JOSEPH RATZINGER?

Die Frage lässt sich bei der Vielschichtigkeit des Protagonisten sicher nur perspektivisch und auch nur subjektiv getönt beantworten.

Man kann Joseph Ratzingers Leben in drei Phasen Einteilen:

1. Kindheit und Jugend von 1927 bis 1945

2. Studium bis zur Niederlegung der Professur in Regensburg

3. Hoher Amtsträger ab der sechsten Lebensdekade

Joseph Ratzinger wuchs mit zwei Geschwistern in sehr bescheidenen Verhältnissen in einer liebevollen Familie auf, die tief in der bayerisch-katholischen Lebenswelt verwurzelt war. Die innerfamiliäre Stimmigkeit kontrastierte allerdings mit dem äußeren nationalsozialistischen Terror, mit dem der Vater als Polizist gezwungenermaßen in Berührung kam. Mit seiner Einberufung im August 1943 machte Joseph hautnahe Erfahrungen mit dem Hass und den Gewaltexzessen des gottlosen Nazi-Regimes. Die zwei Jahre als Flakhelfer und Wehrmachtssoldat ließen ihn früh erwachsen werden und beförderten die klare Entscheidung, Priester werden zu wollen.

Nach dem Kriegsende erlebte Joseph nicht nur die Freiheit des Aufbruchs in eine lebenswerte Zukunft, sondern auch die Freiheit akademischen Nachdenkens und Forschens. Nicht unbedingt erwartbar machte er sich als Seminarist die Romkritik innerhalb der Münchner theologischen Fakultät zu eigen und entwickelte sich in nur wenigen Jahren zu einem Gelehrten, der nicht nur in Bonn als aufgehender Stern am Theologenhimmel gesehen wurde.

Der akademische Freiheitsweg des jungen Theologen Ratzinger kreuzte sich mit dem konziliaren Aufbruch der 60er Jahre. Der Kölner Erzbischof, Kardinal Frings, kürte den 34-jährigen zu seinem Redenschreiber, und als Konzils-Peritus (theologischer Berater) ab 1962 zählte Ratzinger zu den fortschrittlichen Kräften, die die von einer verknöcherten Kurialbürokratie vorbereiteten Schemata vom Tisch fegten und den Raum für Ideenentwicklung und neue Konzepte frei machten.

Zu welch pointierter Kritik an einer selbstreferenziellen Kirche der brillante Theologe damals in der Lage war, kommt in einer Rede beim Bamberger Katholikentag 1966 zum Ausdruck, einer zeitgeschichtlich signifikanten Positionierung, die auch die Tragik von Ratzingers Biografie aufscheinen lässt:

„Schuldhafter Skandal ist es, wenn unter dem Vorwand, die Unabänderlichkeit des Glaubens zu schützen, nur die eigene Gestrigkeit verteidigt wird: nicht der Glaube selbst, der längst vor jenem Gestern und seinen Formen war, sondern eben die Form, die er sich einmal aus dem berechtigten Versuch heraus verschafft hat, in seiner Zeit zeitgemäß zu sein, aber nun gestrig geworden ist und keinerlei Ewigkeitsanspruch erheben darf. … Schuldhafter Skandal ist es auch, wenn unter dem Vorwand, die Ganzheit der Wahrheit zu sichern, Schulmeinungen verewigt werden, die sich einer Zeit als selbstverständlich aufgedrängt haben, aber längst der Revision und der neuen Rückfrage auf die eigentliche Forderung des Ursprünglichen bedürfen.“ (Ratzinger 1966)

Genau diese Sätze hätten Kritiker Jahre später dem medial als Großinquisitor oder Rottweiler Gottes gebrandmarkten Kardinalspräfekten der 80er und 90er Jahre entgegenschleudern können.

Der einschneidende Wendepunkt in Joseph Ratzingers Leben war seine Berufung im März 1977 als Nachfolger des Münchner Erzbischofs Kardinal Döpfner. Der Ausnahmetheologe war mit Leib und Seele Gelehrter, mit einem großen Zulauf an Studierenden, internationalen Einladungen als Vortragsredner und Büchern mit hoher Auflage. Sein Ziel war es „im großen geistigen Gespräch unserer Zeit wesentlich mitzudenken und mitzureden, ein eigenes Opus zu entwickeln.“ (Salz der Erde, 1996, 124) Diese seine Lebenserfüllung hatte er aufzugeben, um „in das Kleine und Vielfältige der faktischen Konflikte und Ereignisse hinuntersteigen“ und sich „einfach in den Dienst hineinstellen und ihn als meine Aufgabe an(zu)nehmen.“ (ebd.) Das hatte allerdings einen hohen Preis, den der Universitätsprediger der Münchner St. Ludwig Kirche, Eugen Biser, wahrnahm. Er erkannte, dass bei Ratzinger „die Differenz zwischen Amt und Person etwas sehr Leidvolles, Leben zerstörendes ist.“ (Zit. nach Seewald 2020, 705)

Von seinem Selbstverständnis her war und blieb Joseph Ratzinger an erster Stelle Gelehrter, dem auferlegt war, die Funktion eines hochgestellten katholischen Hierarchen auszuüben, die mit seinen persönlichen Neigungen und Dispositionen wenig kompatibel war. Deutlich wird das 1982, als er die Position des Leiters der Glaubenskongregation übernahm und bei seiner Ankunft in Rom seinem Sekretär Bruno Fink offenbarte, dass er sich spätestens nach der Ableistung von zwei Fünfjahresperioden von seiner Amtspflicht als Glaubenspräfekt entbinden lassen würde, um als 65-jähriger Pensionär in sein Haus in Pentling zurückzukehren. Dort würde er dann wichtige Bücher schreiben. (vgl. Seewald, 704) Dieses Wunschszenario betreffend machte ihm Johannes Paul II. einen Strich durch die Rechnung. Aber noch als Papst Benedikt publizierte er seine Jesus-Bücher unter dem Namen Joseph Ratzinger und legte Wert darauf, dass er als Autor kritisierbar war. Mit seinen zwei Schülerkreisen traf er sich regelmäßig zu theologischen Tagungen und hielt auch hier das wissenschaftliche Ethos hoch. Sein ehemaliger Tübinger Assistent, Wolfgang Beinert, berichtete, dass er einmal zu Papst Benedikt gesagt hätte: „Mit dieser meiner Meinung wirst du nicht einverstanden sein“. Dieser hätte ihn daraufhin angeherrscht: „Als Wissenschaftler wird man doch verschiedene Meinungen haben dürfen.“ (Deutschlandfunk 2023)

Die Rolle des Glaubenspräfekten forderte Joseph Ratzinger in hohem Maße. Von Georg Ratzinger wissen wir, dass sich sein Bruder Härte abringen musste, und Kardinal Koch ist überzeugt, der oberste Glaubenshüter habe sich „sehr schwer getan mit den Verurteilungen, das ging ganz gegen sein Naturell.“ (Seewald, 704f) Insbesondere setzte ihm schwer zu, dass er als einer, der ein verklärtes Sehnsuchtsbild einer heiligmäßigen Kirche in sich trug, über 23 Jahre hinweg ständig nicht nur mit Angriffen auf diese Kirche konfrontiert war, sondern auch mit Korruption und Geldwäsche im Vatikan und strafbaren Vergehen und Fehltritten von Kirchenangehörigen weltweit. Tiefpunkt war der sich permanent ausweitende Skandal klerikalen sexuellen Missbrauchs.

So sehr Joseph Ratzinger seine Wahl zum Papst auch als Bürde empfand, so war es für ihn doch befreiend, das Amt des Glaubenswächters hinter sich lassen zu können, und so war insbesondere in der Anfangszeit ein lächelnder und menschenzugewandter Papst Benedikt zu erleben.

Ab 1982 hatte Joseph Ratzinger quasi zwei Gesichter und bildete eine Doppelidentität als theologischer Gelehrter und als rigoroser Inhaber des Amtes des Glaubenspräfekten aus. Dieser intrapsychische Spagat war kräftezehrend, wobei dem Bayern in Rom zugutekam, dass er auf gewachsene Ressourcen zurückgreifen konnte. Mit seiner Schwester Maria lebte er ab 1969 – als er Professor in Regensburg wurde – bis zu deren Tod 1992 zusammen und auch mit seinem Bruder Georg hatte er häufig sowohl in Rom als auch in Bayern Kontakt. Wie sehr der Rückbezug auf das innige Glaubensleben seiner Kindheit ein tragendes Fundament war, kommt in einer von Peter Seewald geschilderten täglichen Routine zum Ausdruck: „Jeden Morgen um 7 Uhr – außer donnerstags – war Maria „quasi Mesnerin, die dem Priester in die Gewänder hilft, Ministrantin und ‚Volk‘ zugleich. Der Kardinal sucht vor dem Gottesdienst die Lieder aus und schreibt die entsprechenden Nummern in der richtigen Reihenfolge auf einen Zettel. An Sonn- und Feiertagen gibt es eine ‚Prozession‘.“ (Seewald, 701) Diese familiäre Glaubensidylle war für Joseph Ratzinger sicher ein Gegengewicht zu all dem „Schmutz“, dem er tagtäglich in der Glaubensbehörde begegnete.

Als Kardinal mit direktem Zugang zum Papst war Joseph Ratzinger nicht darauf angewiesen, innerhalb der Kurie zu netzwerken und eine Seilschaft aufzubauen – was ihm von Haus aus zuwider gewesen wäre. Indem er das Prinzip Familie ausdehnte und seine Mitarbeiter, Schüler und ihn verehrende bayerische Landsleute miteinbezog, machte er sich vom Vatikan und der Kurie auch emotional unabhängig. Sowohl Freunde wie auch Gegner nahmen ihn als eine Art vatikanischen Solitär wahr, der sich von seinem Umfeld durch Bescheidenheit, Integrität und Unabhängigkeit abhob.

In höherem Alter setzte sich der Mensch und Gelehrte Joseph Ratzinger von der Kompromisslosigkeit und Starrheit des gestrengen Glaubenshüters ab. Beim Requiem für den verstorbenen Papst Johannes Paul II. spendete er 2005 als Kardinaldekan dem evangelischen Prior der Communauté de Taizé, Roger Schutz, die heilige Kommunion. Und als Horst Seehofer mit einer bayerischen Delegation zur Feier des 85sten Geburtstages von Papst Benedikt in Rom weilte, reichte dieser ihm in der Cappella Paolina des Vatikans - entgegen lehramtlicher Vorgabe - die konsekrierte Hostie. Von Seehofer war bekannt, dass er wiederverheiratet geschieden und zudem Vater einer unehelichen Tochter war.

Die geistige Weite des Gelehrten obsiegte auch gegenüber dem bornierten Glaubenspräfekten, als er im Interview mit Peter Seewald kundtat: „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. … Jeder, der zu Gott unterwegs ist, ist damit auf irgendeine Weise auch auf dem Weg Jesu Christi.“ (Salz der Erde, 35)

Am 11. Februar 2013 – einem Rosenmontag - gab er den Kardinälen in lateinischer Sprache seinen Rücktritt bekannt. Er, der restaurative Bewahrer des Depositum fidei (das hinterlegte Glaubensgut) durchbrach nicht nur eine 2000-jährige Tradition, sondern bat darüber hinaus „um Verzeihung für alle meine Fehler.“ Mit diesem Eingeständnis relativierte er auch die Doktrin der Unfehlbarkeit des Papstes.

Mit den von mir angeführten Tathandlungen des altersweisen Joseph Ratzinger setzte sich schlussendlich dessen Gelehrtenidentität gegen den amtskirchlichen Konservator durch. Paradoxerweise bahnte ausgerechnet der Oberhirte, der die Zukunft der Kirche in einer dezidierten Rückbindung an die Tradition sah, mit seinem Rücktritt einem moderneren Verständnis des Papstamtes den Weg. Wer hätte für möglich gehalten, dass sich Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. am Ende seiner langen beispiellosen Karriere als Gewährsmann eines unhintergehbaren Prinzips der Katholischen Kirche erweisen würde: ECCLESIA SEMPER REFORMANDA (Kirche ist immer reformbedürftig).

Stefan Schopf, 1. Mai 2023 


Literatur

 

Benedikt XVI.: Ansprache anlässlich des Weihnachtsempfangs 2005 

Benedikt XVI.: Brief an die Bischöfe. 10.03.2009  

Benedikt XVI.: Schreiben zum Beginn des Priesterjahres. 10. Juni 2010

Benedikt XVI.: Licht der Welt: Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit. Ein Gespräch mit Peter Seewald. Herder 2010

Benedikt XVI.: Regensburger Rede. 12.09.2012

Benoît XVI / Robert Sarah: Des profondeurs de nos coeurs. Editeur Fayard. Paru le 15 janvier 2020

Böckenförde, Werner: Kirchenrechtliche Anmerkungen zur gegenwärtigen Lage in der römisch-katholischen Kirche 1998

Deutsche Bischofskonferenz, Sekretariat (Hg.): Apostolische Reise Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. nach Berlin, Erfurt und Freiburg, 22.–25. September 2011. Predigten, Ansprachen und Grußworte. Bonn 2011

Deutschlandfunk: Tag für Tag. O2.01.2023

Karfreitagsfürbitte vom 05.02.2008

KirchenVolksBegehren 1995. Ziele und Forderungen. 

 Knauer, Peter SJ: Die »Katholische Kirche« subsistiert in der »Katholischen Kirche«. Zur ökumenischen Tragweite von Lumen gentium 8,2. In: Hainz / Jüngling / Sebott (Hg.) »Den Armen eine frohe Botschaft«. Festschrift für Bischof Franz Kamphaus zum 65. Geburtstag. Verlag Josef Knecht, Frankfurt am Main 1997, 153 ­ 167

„Kölner Erklärung: Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“. 06.01.1989

Kongregation für die Glaubenslehre: Erklärung Dominus Iesus. Über die Einzigkeit und Heilsuniversalität Jesu Christi und der Kirche. 06.08.2000

Ratzinger, Joseph: Die neuen Heiden und die Kirche. In: Hochland 51 (1958/1959). 1–11.

Ratzinger, Joseph: Der Katholizismus nach dem Konzil – Katholische Sicht. In: ZdK (Hg.) Auf Dein Wort hin. 81. Deutscher Katholikentag vom 13. Juli bis 17. Juli in Bamberg. Paderborn 1966, 245-264

Ratzinger, Joseph: Glaube und Zukunft. Kösel 1970

Ratzinger, Joseph: Die Liebe Gottes lehren und lernen. Predigt zum 40. Priesterjubiläum von Msgr. Pfarrer Franz Niegel, Unterwössen 1994. In: JRGS 12, 768

Ratzinger, Joseph Kardinal: Salz der Erde: Christentum und katholische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Gespräch mit Peter Seewald. DVA 1996

Ratzinger, Joseph: Aus meinem Leben: Erinnerungen (1927-1977) 1998

Ratzinger, Joseph Cardinal: Die Ekklesiologie der Konstitution Lumen gentium. In ders.: Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio. Herausgegeben im Auftrag des Schülerkreises; Redaktion: Stephan Otto Horn / Vinzenz Pfnür, Augsburg 2002, 107–131

Ratzinger, Joseph: Predigt 18. April 2005

Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. Weltbild 2005

Sarah, Robert: Aus der Tiefe des Herzens. Priestertum, Zölibat und die Krise der katholischen Kirche. Mit einem Beitrag von Papst Benedikt XVI.. FE-Medienverlag Kisslegg, 14. Februar 2020

Seewald, Peter: Benedikt XVI. Ein Leben. Droemer Verlag, München 2020. 1150 Seiten 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Samstag, 7. Juli 2018

Ein Mann der weiten Wege. Ein posthumes Porträt von Karl Kardinal Lehmann.


Einleitung


1. Biographisches


2. Lehmanns tiefe Gläubigkeit und seine Verankerung im II. Vatikanum


3. Das Phänomen Lehmann


- Lehman als Ausnahmepersönlichkeit
- Lehmann der Gerufene
- Lehmann, der geduldig Ungeduldige
- Die Institution Lehmann


4. Karl Lehmann der Überbrücker


5. Lehmann als Prellbock zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und Rom


6. Von Johannes XXIII. über Karl Lehmann zu Franziskus


Schluss





Ich widme diesen Beitrag meinem Großvater Anton Jaeger, der in unmittelbarer Nähe des Mainzer Doms gelebt und gearbeitet hat.


Einleitung


Karl Kardinal Lehmann, 33 Jahre lang Bischof der Diözese Mainz und 21 Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Ortsbischöfe, ist am 11. März 2018 von uns gegangen. Wer war dieser Karl Lehmann?

Im Alter von 57 Jahren charakterisierte er sich in einem KNA-Interview selbst: „Im Übrigen bin ich kein Typ, der schnell das Handtuch wirft. Zähigkeit und Ausdauer, Langmut und Unverdrossenheit sind neben Entschlossenheit und Ergreifen der Situation meine Lieblingstugenden, denen ich wenigstens nachjagen möchte. Ich habe in vielen Jahren gelernt, nicht so schnell aufzugeben.“


Die genannten Lieblingstugenden behielt Karl Lehmann sein Leben lang bei. Sie und viele andere Tugenden legten den Grund dafür, dass sich Karl Lehmann zu einem Ausnahmebischof entwickelte, der innerhalb und außerhalb der Kirche hochangesehen war und dessen Charisma kaum einen Menschen, dem er begegnete, unberührt ließ.


Als Kardinal Lehmann am 27.08.2017 seinen Nachfolger, Peter Kohlgraf, zum Bischof weihte, predigte er im Mainzer Dom: „Das Bischofsamt ist nicht zur persönlichen Ehre gegeben, sondern es ist eine Aufgabe, und der Bischof ist nicht dazu da, zu herrschen, sondern zu dienen.“
Diesen Anspruch hat Lehmann wie kaum ein Zweiter erfüllt. Er war Protagonist eines weltoffenen Katholizismus, der sich über den innerkirchlichen Bereich hinaus gesellschaftlichen Fragestellungen zuwandte, mit Nachdruck die Ökumene vorantrieb und sich für ein geeintes Europa mit christlichen Grundwerten einsetzte.


Trotz hohen Arbeitsdrucks und engem Terminkalender blieb er ein Seelsorger, der offen für die Anliegen der Menschen war, und ein Mensch, der seinen Humor nie verlor und auch in emotional aufgeladenen strittigen Auseinandersetzungen seinen freundlich-respektvollen Umgang mit den Menschen, mit denen er es zu tun hatte, beibehielt.


Auf den folgenden Seiten werde ich in mehreren Perspektiven Person und Wirken Karl Lehmanns zur Darstellung bringen.



Biographisches


Am 11. März, dem Sonntag Laetare (Freue dich!), ist Karl Kardinal Lehmann im 82. Lebensjahr an den Folgen eines Schlaganfalls, den er im Herbst 2017 erlitten hatte, gestorben. Über seinem Sterbebett hing das Bild der Johannesminne aus der Klosterkirche Heiligkreuztal in Oberschwaben.

Geboren wurde Karl Lehmann am 16. Mai 1936 in dem an der Oberdonau gelegenen Sigmaringen, bis 1945 zu den preußischen Hohenzollernschen Landen gehörend. Nach Nordwesten hin erstreckt sich die schwäbische Alb, nach Süden sind es 40 km bis zum Bodensee. Das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen sorgte dafür, dass es 1821 dem Erzbistum Freiburg zugeteilt wurde, auch wenn das württembergische Rottenburg geographisch deutlich näher lag.

Seine Eltern kamen beide aus dem 15 km von Sigmaringen entfernten Ort Langenenslingen. Karl Lehmann sen. war Volksschullehrer, seine Frau Gretel Buchhändlerin. Die Liebe zum Buch – 120.000 Bücher im Mainzer Bischofshaus - und das Bestreben zum lebenslangen Erweitern seines Bildungshorizonts sind ihm wohl in die Wiege gelegt worden.

Die Familie Lehmann wurde durch die Zeit des Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Dorfschullehrer Lehmann „ist in der Nazizeit sehr oft strafversetzt worden – wir waren insgesamt, glaube ich, in zwölf Gemeinden.“ (Interview Kirchenzeitung Mainz, Oktober 2013) An dem Tag, an dem der 6-jährige Karl einschult wurde, wurde sein Vater zur Wehrmacht eingezogen. Seine erste heilige Kommunion empfängt er am 8. April 1945 in aller Frühe, denn die Front ist nahe und man musste wegen der alliierten Jagdbomber Vorkehrungen treffen. Wegen des Krieges ist sein Vater nicht anwesend; die Familie hat seit Wochen nichts mehr von ihm gehört. 2013 erinnert Kardinal Lehmann: „Nie werde ich die zögerlichen Schritte des Briefträgers vergessen, als er der Großmutter vier Wochen nach der Hochzeit die Nachricht vom ‚Heldentod‘ des Ältesten und des Erben des Bauernhofes überbrachte, er war auch mein geliebter Taufpate.“ (Dankesrede bei einer Preisverleihung an der Uni Salzburg) Zudem kehrte ein weiterer Bruder seiner Mutter aus dem Krieg nicht zurück. Man kann sich vorstellen, wie groß die Erleichterung war, als Karl Lehmann sen. – wie aus dem Nichts – im Juni 1945 in Langenenslingen auftauchte.

Im Alter von 12 Jahren wird Karl Lehmann in die zweite Klasse des Staatlichen Gymnasiums Sigmaringen aufgenommen und zieht in das erzbischöfliche Knabenkonvikt St. Fidelishaus ein. Der Konviktler lernt Latein, Griechisch, Hebräisch und Französisch. Zwei Jahre später folgt sein Bruder Reinhold nach. Als die Lehmann-Brüder 1951 beinahe aus finanziellen Gründen das Gymnasium verlassen müssen, gelingt es dem Vater auf eine Stelle in Veringenstadt zu wechseln. Von dort aus ist Sigmaringen in 20 Bahnminuten erreichbar.

Als Fahrschüler ist Karl Lehmann so ab 14 Uhr zuhause und hat Gelegenheit seine sportlichen Ambitionen auszuleben – Vereinsfußball als Stürmer, Fünfkampf, Turnen, Skifahren. Von daher wundert es nicht, dass beim Einzug des FSV Mainz 05 in die erste Bundesliga im Jahr 2004 eine Vereinsfahne aus dem Fenster des Bischofshauses hing. In der Pfarrgemeinde St. Nikolaus wird Karl Ministrant, Jugendgruppenleiter und ist natürlich häufig in der Pfarrbücherei zu finden.

Ein Lehrer wurde für Karl Lehmann prägend: Prof. Dr. Rudolf Nikolaus Maier. Bei ihm lernte er nicht nur Deutsch, Französisch und Philosophie, sondern dieser führte ihn auch an die Grundfragen des Menschseins heran und veranlasste ihn, Romano Guardini, Josef Pieper und Max Picard, aber auch moderne deutsche Literatur zu lesen.

Bereits als 19-jähriger hatte der Oberprimaner das berufliche Ziel, sich in den Dienst von Gott und den Menschen zu stellen. Lehmann studierte ein Jahr in Freiburg und sieben Jahre in Rom Theologie und Philosophie und erwarb zwei Doktorgrade. Am 10. Oktober 1963 wurde Karl Lehmann durch Julius Kardinal Döpfner – ein weiterer wichtiger Mentor - in Sant’ Ignazio, der zweiten Hauptkirche der Jesuiten in Rom, zum Priester geweiht. Ab 1962 arbeitete er im Kontext des II. Vatikanums Prof. Karl Rahner SJ zu, der ihn ab 1964 zu seinem wissenschaftlichen Assistenten am Seminar für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie der Ludwig Maximilians-Universität München machte.
Mit 32 Jahren übernahm Karl Lehmann den Lehrstuhl für Dogmatik und Theologische Propädeutik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und folgte drei Jahre später einem Ruf an die Katholisch-Theologische Fakultät der Albert Ludwigs-Universität seiner Heimatdiözese Freiburg.

1983 wurde Karl Lehmann durch Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Mainz ernannt. 1987 wurde er überraschend zum Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz gewählt und nach jeweils 6 Jahren drei Mal in diesem Amt bestätigt.

Am 21.02.2001 wird der Mainzer trotz seines jahrelangen Kampfes mit Rom ins Kardinalskollegium aufgenommen. Im Februar 2008 musste der Vorsitzende der deutschen Ortsbischöfe aus gesundheitlichen Gründen von diesem Amt zurücktreten. Beim Konklave 2013 konnte Kardinal Lehmann mit dazu beitragen, dass der Argentinier Jorge Mario Bergoglio SJ zum Papst gewählt wurde. Zum 80. Geburtstag (16. Mai 2016) nahm Papst Franziskus sein altersbedingtes Rücktrittsgesuch an. 

Am 27. August 2017 war es dem emeritierten Bischof vergönnt, Professor Peter Kohlgraf zu dem ihm nachfolgenden Bischof von Mainz zu weihen und damit das Bistum in gute Hände zu übergeben. Diesem erzählte er von seinem Vorhaben, etwas Umfangreicheres über Romano Guardini zu schreiben, wozu es leider nicht mehr gekommen ist.


Karl Lehmanns tiefe Gläubigkeit und seine Verankerung im II. Vatikanum



Als Karl Lehmann am 23. Juni 1983 im Alter von 47 Jahren von Johannes Paul II. zum Bischof der Diözese Mainz ernannt wurde, wählte er als seinen episkopalen Wahlspruch einen Vers des Apostels Paulus aus: „Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark!“ (1. Kor 16.13) Er griff damit auf ein Leitbild zurück, das für ihn schon immer galt, und dem er bis an sein Lebensende treu blieb. Die Wachsamkeit war ihm bereits in die Wiege gelegt, wie man einer Notiz seiner Mutter Gretel entnehmen kann: „Sehr lebhafter Blick nach der Geburt.“ Bodenständigkeit, Festigkeit und Beharrlichkeit gehören zu seinen Charaktereigenschaften, allerdings nie in der Fehlform einer Verknöcherung, sondern immer offen für das Neue und in dem Bewusstsein, dass das als Gute erkannte sich nur in der Veränderung bewahren lässt. 

Kardinal Walter Kasper bringt das in seiner Laudatio zum 70. Geburtstag Lehmanns so zum Ausdruck: „Natürlich ist Kardinal Lehmann bis auf die Knochen (und noch viel tiefer) konservativ, wenn es darum geht die grundlegenden menschlichen Werte und den überlieferten Glauben zu bewahren. Aber er weiß auch: Bewahren kann man nur durch bewähren, durch konstruktive Auseinandersetzung und durch geduldigen Dialog. Darin wiederum ist Karl Lehmann ganz progressiv.“ 

Was Mut und Entschlossenheit anbetrifft, so ist Karl Kardinal Lehmann für mich und für viele – auch nicht-katholische Menschen – ein beeindruckendes Vorbild, dessen innere Stärke sich in der fast biblischen Auseinandersetzung des Davids Lehmann mit dem Goliath Rom zeigte, als er sich Ende der 90er Jahre als Verhandlungsführer der großen Mehrheit der deutschen Ortsbischöfe für die Fortführung der Arbeit der katholischen Schwangerenkonfliktberatungsstellen innerhalb des staatlichen Systems der BRD einsetzte. Am Ende hatte er sich 1999 einem Machtwort Papst Johannes Pauls II. zu fügen und zeigte aus meiner Sicht seine Größe in der Niederlage, indem er trotz öffentlicher Düpierung bis 2008 Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz blieb. Lehmanns Biograph Daniel 
Deckers schreibt in seinem Nachruf in der FAZ:
Immer wieder und zuletzt bei dem
 „Streit über den Verbleib der katholischen Kirche in Deutschland in der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung … wurde der grenzenlos in die Macht des besseren Argumentes Vertrauende eines Besseren belehrt, ohne dass er darüber bitter wurde.“ 

Man könnte sich fragen, warum Lehmann zeitlebens bei seinem Engagement für die Kirche auf den vernunftgeleiteten Dialog und auf tiefschürfende Begründungen setzte, obwohl er – wie er in einem Nachwort von 2016 lapidar konstatiert – Jahrzehnte lang an innerkirchlichen Konfliktthemen arbeitete, „ohne dass es bisher zu nennenswerten Ergebnissen kam.“ (2016, S. 262) Seine Antwort: Wir kommen von weit her und sind bei allen aktuellen Aufgeregtheiten dem Heute nicht ausgeliefert. Der Glaube, die Theologie und die Spiritualität verleihen uns den langen Atem, um ernsthafte und gediegene Reformen bewerkstelligen zu können. „Geduld und Ungeduld gehören hier auf eine seltsame Weise zusammen.“ (S. 263)

Neben seiner auf einem unerschütterlichen Glauben beruhenden Zuversicht waren es seine unmittelbaren Erlebnisse im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil und seine Identifikation mit dessen Grundideen, die ihn zum unermüdlichen Kämpfer für eine dynamische Kirche machte, die mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ (Gaudium et spes, 1) in enger Verbindung steht.


Im Sommer 1957 ergriff der Priesteramtskandidat Lehmann die Gelegenheit, sein in Freiburg begonnenes Studium in Rom im „Deutsch-Ungarischen Kolleg“ – dem Germanikum – fortzusetzen. Gut ein Jahr später wurde der 78-jährige Angelo Giuseppe Roncalli zum Papst gewählt, der bereits im Januar 1959 als Johannes XXIII. ein Konzil ankündigte. Der „Frate rossi“ – so wurden die Germaniker wegen ihres roten Gewandes genannt - war von Anfang an vor Ort dabei und erlebte insbesondere die Zeit zwischen Ankündigung und Beginn des Konzils (1962) als spannend und aufregend. In dieser vorkonziliaren Phase gaben sich die Spitzen der Theologie und des Weltepiskopats in Rom die Klinke in die Hand und es entstand eine dynamische Aufbruchsstimmung. 


Zwei der Persönlichkeiten, die im Germanikum Quartier nahmen, sollten auf dem weiteren Lebensweg von Karl Lehmann eine besondere Rolle spielen: Der von Johannes XXIII. 1958 in den Kardinalsstand erhobene Altgermaniker Julius Döpfner – von 1961 bis 1976 Erzbischof von München und Freising - und der in Rom misstrauisch beäugte Jesuit und Dogmatiker Karl Rahner, später als Jahrhunderttheologe apostrophiert. 

Für die damalige Zeit konziliaren Aufbruchs ist typisch, was Lehmann im November 1962 erlebte, als er seine philosophische Doktorarbeit verteidigte. Üblicherweise hätte der Promovend im Schlusskapitel den aus höherer katholischer Warte begrenzten Horizont des behandelten Phlilosophen – in diesem Fall Heidegger – herausstellen müssen. Lehmann wagte es, sich auf immanente Kritik zu beschränken, und hatte es der neuen Zeit zu verdanken, dass er nicht nacharbeiten musste. 

Aus meiner Sicht sind es vier zentrale Begriffe des Konzils, die das repräsentieren, was Lehmanns konziliare Ausrichtung ausmacht: Aggiornamento, Zeichen der Zeit, Communio 
und Synodalität.

Das Bild der weit aufgerissenen Fenster versinnbildlicht treffend das, was mit Aggiornamento (Verheutigung) gemeint ist. Die müde gewordene Kirche war auf frischen Wind angewiesen, um wieder Anschluss an die Gegenwart zu gewinnen. Dies war die Voraussetzung dafür, um Zukunft mitgestalten zu können. Für Karl Lehmann charakteristisch war sein entschiedenes Ja zur Gegenwart. 
Lehmanns nicht nachlassender Eifer, seinen Bildungshorizont zu erweitern, war kein Selbstzweck, sondern sollte ihn dazu befähigen, die „Zeichen der Zeit“ zu lesen. Ihm ging es darum, drängende Themen in Kirche und Gesellschaft zu identifizieren, zu benennen 
und anzupacken. 

Die als Communio (Gemeinschaft) bezeichnete Kirche ist „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen Gentium, 1) Ein solches Verständnis umfassenden Austausches liegt Lehmanns Maxime zugrunde, auf den offenen und fairen Dialog zu setzen, der die verschiedenen Perspektiven mit einbezieht, um am Ende einen tragfähigen Konsens zu erzielen. 
Während der Konzilszeit erlebte Lehmann mit, wie Synodalität von den Bischöfen der Weltkirche gegen eine ihre Macht mit Klauen und Zähnen verteidigende römische Kurie erkämpft wurde. Die katholische Kirche Deutschlands hat nach einem turbulenten Katholikentag 1968 in Essen mit konziliarem Elan eine Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971–75) auf den Weg gebracht, die sichtbares Zeichen des Aufbruchs des Volkes Gottes sein sollte.  

Die Kirchenversammlung in Würzburg traf sich zu acht Sitzungsperioden und bestand aus rund 300 Delegierten – Bischöfen, Priestern und Laien -, die alle Stimmrecht hatten. Die etwa 50 Bischöfe erhielten ein präzise definiertes Vetorecht. Nachdem Kardinal Julius Döpfner wusste, was einem Karl Lehmann zuzutrauen war, beauftragte er ihn schon in der Auftaktphase, die Arbeit der Synode zu strukturieren. Eine Erfahrung, die Lehmann schon beim Konzil gemacht hatte, vertiefte sich während der Synode: „Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, auch wenn man sehr unterschiedliche Positionen vertritt, und bei aller Unterschiedlichkeit doch in Dialog und Disput einzutreten, kann Wunder wirken …Das ist ein Lehrstück gewesen: man kann auch mit Leuten zurechtkommen, bei denen man es vorher nicht vermutet hat.“ (2016, S. 24) 

Die Synodenerfahrungen haben sicher ihren Anteil an der herausragenden Kommunikationskompetenz des späteren Bischofs Lehmann, der, nachdem er 1987 zum Vorsitzenden der Deutschen Ortsbischöfe gewählt wurde, dieses Amt bis zu seinem 
gesundheitlich erzwungenen Rücktritt 21 Jahre lang ausübte.



Das Phänomen Lehmann


Karl Lehmann als Ausnahmepersönlichkeit

Es gibt viele Zeitgenossen, die davon berichten, dass eine Begegnung mit Karl Lehmann
sie in besonderer Weise beeindruckte. Das kommt nicht von ungefähr, denn das Zusammenspiel von positiven menschlichen Eigenschaften, besonderen Talenten und klarer Lebensausrichtung machten ihn zu einer charismatischen Persönlichkeit.

Der junge Student in Freiburg und Rom imponierte als Überflieger. Im Sommer 1962 vollendete Karl Lehmann seine philosophische Dissertation „Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers“, die einen Umfang von 1500 Seiten hatte. Deren Qualität veranlasste seinen ehemaligen Philosophielehrer Max Müller, ihm vorzuschlagen, dieses Werk in zwei Teilen bei ihm einzureichen und damit Promotion und Habilitation zugleich zu erlangen. Doch Lehmanns wissenschaftliche Ambitionen galten der Theologie, was ihn allerdings nicht davon abhielt, zeitlebens den aktuellen philosophischen Diskurs mitzuverfolgen.


Im Frühjahr 1967 gelang es Lehmann, neben seiner hochbeanspruchendenden Tätigkeit als Assistent von Karl Rahner, innerhalb weniger Monate seine theologische Dissertation „Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift“ zu erstellen. Zu der von der Gregoriana in Rom mit summa cum laude bewerteten Arbeit sagte Walter Kardinal Kasper, dass Lehmann mit einer exegetischen Detailkenntnis beeindruckt hätte, „wie sie damals ganz außergewöhnlich war und wie sie noch heute nur wenige Systematiker aufweisen können.“ (Laudatio zum 70. Geburtstag)


Lehmann führte gewissermaßen in einer Person zwei Leben. „Schon als Hochschullehrer war Karl Lehmann immer auch kirchenpolitischer Akteur, als Bischof und Konferenzvorsitzender ist er Professor geblieben“ (Ruh, 2001). Er war ein wissenschaftlicher und kirchenpolitischer Generalist, der trotz der Vielzahl der von ihm bearbeiteten Themen (über 4000 Publikationen) nie an der Oberfläche blieb, sondern sie bis zu deren Grund durchdrang. Dies gelang ihm, weil er ein unermüdlicher Arbeiter war, er über eine „brillante Gedanken- und Gedächtniskraft“ (Fuchs, 2018) verfügte und er in den Nächten Berge von Literatur verarbeitete. 


Im Umgang mit Menschen hatte Lehmann keinerlei Berührungsängste. Er war von Haus aus uneitel und ging auf die Menschen offen, aufmerksam und freundlich zugeneigt zu. Mit seiner markanten Stimme und seinem herzerfrischenden Lachen, seiner Fähigkeit zuzuhören und über alles Mögliche ins Gespräch zu kommen, war er ein gern gesehener Gast - im kleinen Kreis wie auch auf großen Bühnen. Er überzeugte nicht nur durch seine intellektuellen und diplomatischen Fähigkeiten und seine Leitungskompetenz, sondern er ‚berührte mit seinem weiten Herzen die Menschen in der Seele‘ (Bedford-Strohm, 2018).


Philipp Gessler bekennt bei seinem Nachruf in der TAZ, dass ihm bei Karl Kardinal Lehmann nicht gelungen ist, was zum journalistischen Habitus gehört – nämlich kritische Distanz zu halten. „Ich fand diesen Mann, sobald ich das erste Mal über ihn las und erst recht, sobald ich ihn das erste Mal interviewen konnte, schlicht großartig und liebenswert. Und er vertrat immer den Teil meiner Kirche, der lange Jahre im Hintertreffen war, obwohl er, meiner Meinung nach, auf der richtigen Seite stand.“ 


Für viele aufgeschlossene Katholiken war der Ausnahmebischof mit seiner frischen und lebensnahen Art zu denken ein geistiger und geistlicher Zufluchtsort. (vgl. Öhler 2016) 


Lehmann der Gerufene

Lehmann hatte es nie nötig, sich in Szene zu setzen oder nach vorn zu drängen, um eine bestimmte Position zu erringen.

Als der Freiburger Erzbischof Eugen Seiterich ihm nach einem Jahr Studium anbot, seine Ausbildung in Rom fortzusetzen, lag es ihm fern, an eine innerkirchliche Karriere zu denken. Das Studium in Freiburg entsprach eigentlich genau seinen Vorstellungen, und so war der ausschlaggebende Grund für den Wechsel an die Päpstliche Universität Gregoriana, dass er als Stipendiat seine Eltern finanziell entlasten konnte.

1959 schlugen seine Philosophieprofessoren ihn für eine Dissertation vor, was gar nicht im Sinne des Germanikers war, da es ihn in die Seelsorge zog. Er promovierte dann auf Anordnung des Freiburger Erzbischofs Schäufele.

Die Zusammenarbeit mit Karl Rahner von 1962 bis 67 ergab sich daraus, dass Rahner sehr schnell erkannte, wie vielfältig Lehmann einsetzbar und wie belastbar er war.


Lehmann war noch in der Planungsphase für seine Habilitation, in der er dem „verborgenen Gott“ nachspüren wollte, als ihm 1968 bereits der Lehrstuhl für Dogmatik und Theologische Propädeutik in Mainz angeboten wurde. Möglich war dies, weil Joseph Ratzinger und Karl Rahner Gutachten lieferten. Bereits 1971 konnte es sich der junge Professor aussuchen, ob er in Mainz bleibt oder nach Münster oder Freiburg wechselt. Ausschlaggebend für seine Entscheidung für Freiburg waren Bindungen zu seiner Heimatdiözese und ein für Lehmann erfreuliches Ergebnis bei den Berufungsverhandlungen: Die Einrichtung eines kleineren Ökumenischen Instituts. Das führte dann zu einer Erweiterung des Lehrstuhls für Dogmatik um das Gebiet Ökumenische Theologie.

Ab 1969 zog der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Döpfner, den Mainzer Professor immer stärker für verschiedene Aufgaben heran. Lehmann sollte die Würzburger Synode (1971 -75) konzipieren und wurde Berater der Glaubenskommision der Deutschen Bischofskonferenz.

Seit 1983 gab es ein neues Kirchenrecht, und das sah eine Stellvertretung für den Vorsitzenden der Ortsbischöfe vor. Das Gremium stellte 1985 dem 77 Jahre alten Kölner Erzbischof Joseph Höffner, den mit 49 Jahren jüngsten Ortsbischof Karl Lehmann zur Seite. Zwei Jahre später ist das Amt des Vorsitzenden neu zu besetzen, das nach traditioneller Gepflogenheit auf den Erzbischof von München und Freising, Kardinal Wetter, zugekommen wäre. Doch die Konferenz ist anderen Sinns und ruft den Bischof von Mainz an die Spitze.

Lehmann der geduldig Ungeduldige

Lehmann war Realitäts- und Menschennah und wusste aus direkten Gesprächen, wo die Gläubigen der Schuh drückte. Für ihn war selbstverständlich, dass die Gesetze für den Menschen und nicht der Mensch für das Gesetz da zu sein hatte. Gemäß dieser Maxime war die kirchliche Lehre stets am gelebten Leben zu messen. (Vgl. ÖAK, Nachruf 2018)

Als Seelsorger, als der sich Lehmann immer verstand, nahm er wahr, wenn bestimmte Anliegen in der Amtskirche keinen Widerhall fanden und pastorale Probleme ungelöst blieben. Als Theologe von Rang wusste er die katholische Lehre auszudeuten und Möglichkeitsräume aufzuspüren. Als Kirchenpolitiker war ihm bekannt, wie Problemlösungen auf den Weg zu bringen waren.

In der Würzburger Synode kämpfte er für die Laienpredigt und den Diakonat der Frau. 1987 verteidigte er die Königsteiner Erklärung, und 1994 macht er sich mit zwei Bischofskollegen daran, für die Nöte von wiederverheiratet Geschiedenen Lösungen anzubieten. Im ökumenischen Bereich räumt er in theologischer Kleinarbeit trennende Hindernisse zur Seite und bei der gesetzlichen Neuregelung der Abtreibungsproblematik stellt er sich an die Seite der Frauen und engagiert sich für den Schutz des ungeborenen Lebens. Noch nicht erwähnt habe ich den Zölibat, die „viri probati“ und weitere Themen.

Was hat der Bischof von Mainz erreicht? Andreas Öhler (2016) fasst dessen Bemühungen in ein drastisches Bild: „Kardinal Lehmann war der Sisyphos unter den deutschen Bischöfen. Unermüdlich rollte er seinen ihm zugelosten Stein den Felsen Petri hinauf.“

Was an dem Bild stimmt, ist, dass Karl Lehmann beharrlich die Aufgaben anpackte, die aus seiner Sicht dran waren und sich dabei von möglichen Misserfolgen nicht abhängig machte. Was das Bild nicht vermittelt, ist, dass sein Tun nicht vergeblich war. Lehmann war ein Hoffnungsträger, der vielen Gläubigen vorlebte, dass Katholizität auch etwas anderes bedeuten kann als blinder Gehorsam und reine Lehre. (vgl. Florin 2018) Und er zeigte auf, worauf es ankommt, nämlich mit sich selbst und Gott im Reinen zu sein, auch wenn man zwischen allen Stühlen sitzt und von Schlägen aus verschiedenen Richtungen getroffen wird. Lehmann hat sich immer als Diener im Auftrag des Herrn verstanden, der die Seinen nicht im Stich lässt und alles zu einem guten Ende führen wird. Dass der Kardinal 2013 daran mitwirken konnte, dass ein neuer Papst „vom anderen Ende der Welt“ auftaucht, der dann seine Agenda fortführt, damit war gleichwohl nicht zu rechnen.

Die Institution Lehmann


Bei seiner Homage zu Lehmanns 70. Geburtstag bezeichnete Kardinal Walter Kasper den Jubilar treffend als „Institution“. Für diesen Ehrentitel würde allein sein Wirkungszeitraum von 33 Jahren als Diözesanbischof und 21 Jahren als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz hinreichen. Zum Ausdruck kommt damit aber vor allem die einzigartige Qualität und Quasi-Unersetzbarkeit des Mainzers, der sich unerschrocken innerkatholischen, interkonfessionellen oder gesellschaftlichen Konfliktfeldern zuwandte und mit seiner Kompetenz, Beharrlichkeit und Dialogfähigkeit an vielen zukunftsweisenden Entwicklungen und Lösungen großen Anteil hatte.

Seine nicht wenigen Gegner sahen das anders, gaben ihm aber die Ehre mit der abschätzig gemeinten Wortschöpfung „Lehmann-Kirche“. Der Begriff kam auf, als der Vorsitzende der deutschen Ortsbischöfe Ende der 90er Jahre für die weitere Mitwirkung von katholischen Schwangerenberatungsstellen innerhalb des staatlichen Systems kämpfte. Seine Kritiker unterstellten im Verbandelung mit der Politik, Verweltlichung und Verdunkelung des kirchlichen Zeugnisses. Seine differenzierten Stellungnahmen wurden ihm als laxes Ausweichen vor Eindeutigkeit und klarem Urteil ausgelegt.

Letztlich wurde Lehmann stellvertretend für alle die Katholiken angegriffen, die Probleme mit einer zentralistischen und autokratischen Kirche hatten, die die Diskussion von Reformanliegen per Dekret von oben unterband. Wer sich je mit dem Bischof von Mainz beschäftigt hat, kann ihm seine Spiritualität, seine Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen und seine Bereitschaft, mit langem Atem nach Lösungen zu suchen nicht absprechen.

Welch respektable Verdienste sich Kardinal Lehmann erworben hat, hat Kardinal Walter Kasper in der schon erwähnten Rede ausbuchstabiert: 
„Kardinal Lehmann hat seine Stimme erhoben für das Leben, das geborene wie das ungeborene, für die Würde der Kranken, der Behinderten, der Sterbenden und das Recht auf den natürlichen Tod. Er hat sich eingesetzt für Ehe und Familie, für die Frauen, für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, für Toleranz und gegenseitigen Respekt zwischen den Religionen; immer hat er zu Verständigung und Versöhnung aufgerufen. Auch an komplizierte Themen wie die der Bioethik wagte er sich heran und das mit erstaunlicher Sachkenntnis. Immer hat er klar, aber auch verbindlich gesprochen. So ist Kardinal Lehmann auch in seinen öffentlichen Stellungnahmen ein Mann des Dialogs geblieben und damit geradezu zu einer öffentlichen Institution geworden.“ 

Von Nikolaus von Kues stammt ein Satz, der dem Phänomen Lehmann durchaus angemessen ist: „Die Größe eines Menschen zeigt sich darin, wie viele Gegensätze er in sich vereinigt.“

Karl Lehmann der Überbrücker


Im Jahr 2013 gab Kardinal Lehmann bei einer Dankesrede preis, welche Erwägungen in 
umtrieben, bevor er im Juni 1983 sein Ja-Wort zur Übernahme des Bischofsamtes in Mainz gab.
„Die Aufgabe, Brücken zu bauen, wo keine Pfeiler mehr erkennbar waren, war eine Aufgabe, die nach meiner Überzeugung den Theologen und das bischöfliche Amt forderte, brauchte und stützte – und zwar auch in derselben Person.“
Im Bild der eingestürzten Brücke könnte zweierlei zum Ausdruck kommen. Zum einen war es in der nachkonziliaren Zeit zu einer zunehmenden Entfremdung von akademischer Theologie und oberstem kirchlichem Lehramt gekommen, zum anderen war 1981 das nachsynodale Schreiben Familiaris consortio von Johannes Paul II. erschienen. Darin bekräftigt der Papst die Aussagen von Humanae vitae von 1968 zur Empfängnisregelung – die geschlechtliche Vereinigung wird „durch die Empfängnisverhütung zu einer objektiv widersprüchlichen Gebärde“ (FC 32) – und er „verbietet es jedem Geistlichen, aus welchem Grund oder Vorwand auch immer, sei er auch pastoraler Natur, für Geschiedene, die sich wiederverheiraten, irgendwelche liturgischen Handlungen vorzunehmen.“ (FC 84) 
Die Empfängnisverhütung betreffend, waren die deutschen Ortsbischöfe unter Führung von Kardinal Julius Döpfner mit der Königsteiner Erklärung vom August 1968 einen von der römischen Linie abweichenden Weg gegangen, um eine Spaltung des deutschen Kirchenvolks zu verhindern, und zur Pastoral wiederverheiratet Geschiedener hatte sich Lehmann bereits 1972 geäußert. „Jeder Seelsorger und viele Katholiken kennen das dornenreiche Problem: Gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen gelangt die pastorale Sorge rasch in eine fast unausweichliche Sackgasse.“ (Unauflöslichkeit der Ehe und Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene)
Wer bei dem Vorhaben Brückenbauen ohne manifeste Pfeiler denkt, hier leide jemand an Selbstüberschätzung, kennt Karl Lehmann nicht. Der Hohenzoller hat immer wieder Problemstellungen, die nach einer Lösung verlangten, unerschrocken angepackt und dabei nicht nach den Erfolgsaussichten gefragt, sondern auf seine intellektuellen und kommunikativen Fähigkeiten vertraut und seine Hartnäckigkeit und seine auf Gottvertrauen beruhende Zuversicht in die Waagschale geworfen.
Als jemand, der sich das Generalthema des Konzils „Ecclesia ad intra et ad extra“ (Blick auf das Wesen der Kirche nach innen und auf ihre Stellung und Sendung nach außen) zu eigen gemacht hatte, sah sich Lehmann als Mann des Dialoges in alle Richtungen gefordert. Nach innen ging es darum, eine Kompromisslinie zwischen vorwärtsdrängenden Erneuerern und restaurativen Kräften zu finden und nach außen galt es, in den Diskurs mit Gesellschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft einzutreten. Ein Hauptanliegen, dem sich Lehmann über Jahrzehnte verschrieb, war der ökumenische Dialog.
Das Ringen um Konsense kannte Lehmann aus der Zeit der Würzburger Synode (1971-75), die sich zur Aufgabe gestellt hatte, das II. Vatikanum in die deutschen Verhältnisse hinein zu konkretisieren. Lehmann wirkte als gewählter Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) schon bei der Vorbereitung mit, war während der Synode inhaltlich bei dem Thema Laienpredigt in der Messe federführend und entwickelte sich mehr und mehr zur rechten Hand des Präsidenten dieser innovativen Kirchenversammlung, Julius Kardinal Döpfner. Bei Themenstellungen mit nationaler Zuständigkeit brachte die Synode einiges voran, wohingegen Themen, die nur in Form eines Votums an den Heiligen Stuhl eingebracht werden konnten – wie Laienpredigt und Diakonat der Frau - stecken blieben. Das wichtigste Gremium, das aus der Synode hervorging, war die Gemeinsame Konferenz  – 10 Bischöfe und 10 Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken trafen sich zwei Mal im Jahr. Lehmann war hier 40 Jahre Mitglied und wirkte brückenbildend zwischen katholischen Laien und kirchlichen Amtsträgern. 
Als Ende 1988 Papst Johannes Paul II. gegen das Metropolitan-Kapitel Kölns den Berliner Kardinal Meisner auf den erzbischöflichen Stuhl gehievt hatte, verfassten Theologieprofessoren ein Memorandum – Kölner Erklärung -, mit dem sie gegen die Überdehnung römischer Machtausübung protestierten und das weltweit von über 700 Theologinnen und Theologen unterzeichnet wurde. Lehmann machte aus der Not eine Tugend und überbrückte die Kluft zwischen akademischer Theologie und dem kirchlichen Lehramt, indem er die Mainzer Gespräche einrichtete. Das von ihm bis ins Jahr 2018 geleitete Forum fand regelmäßig halbjährlich statt.
Mit dem Fall der Mauer 1989 war Lehmann der richtige Mann an der richtigen Stelle, denn es ging darum, die katholischen Kirchen von Ost- und Westdeutschland zusammenzuführen. Er war vor Ort sehr präsent, an erster Stelle, um zuzuhören und zu lernen; Besser-Wessi-Attituden lagen ihm fern. Die anstehenden Entwicklungen begleitete er sachbezogen und umsichtig abwägend.
Lehmanns Engagement für die Ökumene begann bereits 1969, als er als junger Dogmatik-Professor in Mainz in den seit 1946 bestehenden Ökumenischer Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) berufen wurde. Motiviert war er weniger aus theologischem Interesse, sondern weil er die Nöte der von Mischehen – so die damalige Bezeichnung – Betroffenen wahrnahm. In seiner Dankesrede 2013, gab er über die Richtschur seines ökumenischen Wirkens Auskunft. „Vorurteile abbauen, wo es nur möglich ist; den Reichtum anderer anerkennen; das Verständnis eigener Überzeugungen fördern; praktische Zusammenarbeit erweitern.“ Insbesondere in den 80er Jahren erwarb sich Lehmann Verdienste, als die Aufarbeitung der wechselseitigen Lehrverurteilungen der Konfessionen in Angriff genommen wurde. Von dem 1986 vorgelegten 200-Seiten-Papier Lehrverurteilungen - kirchentrennend machte der Rechtfertigungsteil Karriere, indem er 1999 zum Augsburger Beschluss wurde. Die Themenbereiche Eucharistie und Amt blieben allerdings außen vor. Lehmanns Resümee 2016 („Mit langem Atem“) fällt eher ernüchternd aus: „Was die Theologie erarbeitet hat, muss ja, wenn es fruchtbar werden soll, auch vom verantwortlichen Amt in der Kirche aufgenommen werden … Da ist aber theologisch viel vorgearbeitet worden, was nachher einfach brach liegen blieb.“ Umso größer war die Freude des Ökumenikers, als er im gleichen Jahr als erster und einziger Katholik in Anerkennung seiner Verdienste die höchste Auszeichnung, die die evangelische Kirche zu vergeben hat, entgegennahm, die Martin-Luther-Medaille.

Lehmann als Prellbock zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und Rom 


Eine erste Friktion zwischen Karl Lehmann und Rom gab es bereits im Jahr 1977. Der Freiburger Erzbischof Hermann Schäufele war im Juli gestorben und das Domkapitel, angeführt von Generalvikar Robert Schlund, sah in dem 41-jährigen Karl Lehmann den allseits erwünschten Kandidaten für das frei gewordene Amt. Schlund kannte Lehmann aus den Jahren 1956/57, als dieser Student und er Direktor des Theologenkonvikts Borromäum in Freiburg war. Lehmanns Name war einer von Dreien, die auf einer Liste standen, die nach Rom zu schicken war. Als die römische Terna zurückkehrt, ist der Name Lehmann gestrichen. Anschließende Recherchen ergaben, dass weder beim apostolischen Nuntius noch im vatikanischen Staatssekretariat – Lehmann wurde am 26.03.1979 Päpstlicher Ehrenprälat - etwas gegen Karl Lehmann vorlag. Lehmanns Biograph deutet an, dass es an der Freiburger theologischen Fakultät Gegner des Dogmatik-Professors gab, die sich diskret bei den entsprechenden Hierarchen in Rom gemeldet hätten. Nach meiner Einschätzung reichte Lehmanns dezidiertes Engagement für unerwünschte Neuerungen in der Kirche – während der Würzburger Synode (1971–75) – völlig aus, um ihn am Tiber zur Persona non grata werden zu lassen.

Dass Lehmann am 5. Juni 1983 das Amt des Bischofs von Mainz angetragen wurde, ist darauf zurückzuführen, dass der bisherige Amtsinhaber, Kardinal Hermann Volk, sich in Rom für den gewünschten Nachfolger stark machte. Johannes Paul II. war – bevor er Papst wurde - dreimal in Mainz, und in dieser Zeit war zwischen Kardinal Volk und dem Krakauer Kardinal Wojtyla eine Freundschaft entstanden. 

Dem Auserkorenen fiel es alles andere als leicht, sein Professoren-Dasein in Freiburg und seine akademischen Zukunftspläne aufzugeben. Aber sein Versprechen – „adsum“ („ich bin bereit“) -  bei der Priesterweihe, sich der Kirche zur Verfügung zu stellen, wog für ihn schwerer als seine persönlichen Präferenzen. Ein mit ausschlaggebender Gesichtspunkt für seine Entscheidung, sich in die Pflicht nehmen zu lassen, war folgender: 
„Die Stunde der Kirche brauchte Bischöfe, die vom Konzil überzeugt und in der Lage waren, sich in die unvermeidlichen Auseinandersetzungen zu stellen. Darin hatte ich Erfahrung.“ (Lehmann, Dankesrede 2013) 
Lehmann war aufgrund seiner Synodenerfahrung und seines engen Kontaktes zu Kardinal Döpfner – den er als väterlichen Freund bezeichnete und dessen Konzilsring er von seiner Bischofsweihe an trug - sehr bewusst, dass der Kampf mit Rom weiterhin auf der Tagesordnung stand.

„Spannungen zwischen Rom und Deutschland haben Tradition. Schon beim Ersten Vatikanischen Konzil 1870 waren die deutschen Bischöfe gegen die Unfehlbarkeit des Papstes. Gut ein Jahrhundert später standen die Beziehungen wieder unter Hochspannung.“ (Florin, Nachruf 2018)

Am 25. Juli 1968 – der gleiche Tag, an dem Lehmann als Ordinarius an die Johannes 
Gutenberg-Universität in Mainz berufen wurde – wurde die Enzyklika Humanae vitae Pauls VI. veröffentlicht. „Die Antwort der Enzyklika schlug in Deutschland ein wie eine Bombe, denn die Erwartung war in eine ganz andere Richtung gegangen.“ (Karl Kardinal Lehmann 1993; 2006, S. 176) Die seelsorgliche Praxis in Deutschland hatte „die Wahl der Methoden verantwortlicher Elternschaft weitgehend dem Gewissensurteil der Eheleute überlassen.“

Mit Humanae vitae verbot Papst Paul VI. kraft authentischer Lehrentscheidung Eheleuten den Gebrauch von „künstlichen“ Empfängnisverhütungsmitteln. Der gesellschaftliche Protest der 68er gegen überkommene Autoritäten fand jetzt seinen Angriffspunkt in der katholischen Kirche. Der deutsche Episkopat reagierte rasch auf die brisante Lage und formulierte am 30.08.1968 in der sogenannten Königsteiner Erklärung:
„Wer glaubt, … von einer nicht unfehlbaren Lehre des kirchlichen Amtes abweichen zu dürfen …, muss sich nüchtern und selbstkritisch in seinem Gewissen fragen, ob er dies vor Gott verantworten kann.“ 

Für Rom war dies ein Affront, der ein fast ein halbes Jahrhundert währendes Spannungsverhältnis zwischen dem Vatikan und der deutschen katholischen Kirche einläutete. 

Als der Bischof von Mainz am 22.09.1987 im Alter von 51 Jahren zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt wurde, trat er bewusst in die Fußstapfen des von ihm verehrten Kardinals Julius Döpfner und hielt das Vermächtnis seines Vorvorgängers hoch. Papst Johannes II. verlangte bereits beim Antrittsbesuch des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz am 4. Dezember 1987 nachdrücklich, die Königsteiner Erklärung zurückzunehmen. Lehmann blieb standhaft und sagte dem Papst für 1993 – dem 25. Jahrestag - ein Grundlagenpapier zum Verhältnis von Humanae vitae und Königsteiner Erklärung zu, woran er sich auch hielt. (Veröffentlicht in: Zuversicht aus dem Glauben, 2006, S. 175–200) 

Mit der Übernahme des Amtes des Vorsitzenden der deutschen Ortsbischöfe hatte Lehmann in mehrerlei Hinsicht eine Prellbockfunktion. Er hatte die Aufgabe, Reformen fordernde und traditionsverhaftete Gläubige in deutschen Landen nicht auseinanderdriften zu lassen, er hatte sich in der Bischofskonferenz mit Antipoden herumzuschlagen, die einen engen Draht nach Rom hatten – genannt seien die Namen Joachim Meisner und Johannes Dyba –, und er hatte sich über einen langen Zeitraum hinweg mit der auf einer gemeinsamen Linie agierenden Doppelspitze der Katholischen Kirche - Papst Johannes Paul II. und dem Präfekten der Glaubenskongregation, Josef Kardinal Ratzinger, - auseinanderzusetzen. 

Lehmann hatte viel Geduld mit seiner Kirche. Aber wenn er auf pastorale Probleme stieß, wo es aus seiner Sicht nur wegen der Unbeweglichkeit der Amtskirche nicht voranging, dann war er bereit zu kämpfen und sich gegen den innerkirchlichen Mainstream zu stellen. Als sich die Deutsche Bischofskonferenz in der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion nicht auf ein Votum an Rom einigen konnte, tat er sich mit seinen beiden Bischofskollegen der Oberrheinischen Provinz – Oskar Saier und Walter Kasper – zusammen, und sie veröffentlichten 1993 ein Hirtenwort, in dem Grundsätze für eine seelsorgliche Begleitung von Menschen aus gescheiterten Ehen entwickelt wurden. Sie argumentierten, dass man die Einzelfälle prüfen müsse und man keinen Alles-oder-nichts-Standpunkt vertreten dürfte. Kardinal Ratzinger stoppte als Präfekt der römischen Glaubenskongregation die Initiative abrupt. Ihm war dabei ebenso wie den oberrheinischen Bischöfen bekannt, dass ein liberaler seelsorgerlicher Umgang mit den schicksalhaft getroffenen Gläubigen längst gemeindlicher Alltag war. 

Der heftigste und schwerwiegendste Konflikt mit dem Vatikan, den Karl Lehmann als Vorsitzender der deutschen Ortsbischöfe auszutragen hatte, war der Streit über die Schwangerenkonfliktberatung. Zur Wendezeit 1989 trafen mit der Fristenregelung der DDR und der Indikationsregelung der BRD unterschiedliche Rechtsnormen aufeinander. Bei der emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Debatte um eine Neuregelung der Abtreibungsfrage sahen auf der einen Seite „liberale Kräfte nun die Chance, eine Regelung nach dem Vorbild der DDR in ganz Deutschland durchzusetzen. Auf der anderen Seite gab es in der katholischen Kirche Kräfte, die auf eine restriktivere Regelung hofften. Die große Nähe, auch die personelle Verknüpfung zwischen CDU und katholischer Kirche machten den Konflikt brisant. Es waren Helmut Kohl und Karl Lehmann, die sich einen Kompromiss ausdachten bzw. sich zu eigen machten: Er sah vor, dass Abtreibung verboten ist, aber unter bestimmten Umständen straffrei bleibt.“ (Resing, Nachruf 2018)  

Lehmann ging der Abtreibungsproblematik in seinem Eröffnungsreferat - Beratung zwischen Lebensschutz und Abtreibung - bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe 1992 in Fulda auf den Grund. Sein Fazit lautete, dass es der Kirche nicht erlaubt ist, „sich vorschnell aus komplexen und schwierigen Situationen unserer Gesellschaft zurückzuziehen. Auch ein Rückzug in eine vermeintlich eindeutigere und heile Welt kann schuldig machen. Wer gibt zum Beispiel die Ermächtigung, auf die Rettung vieler ungeborener Kinder und die Ermutigung vieler schwangerer Frauen zu verzichten, indem man seinen Auftrag nicht mehr in dem gesetzlichen Beratungssystem erfüllt?“ (Lehmann 2006, S. 169) 

Am 29. Juni 1995 beschließt der Bundestag eine Neuregelung des Paragraphen 218. Abtreibungen bleiben straffrei, wenn eine betroffene Frau die Teilnahme an einer Konfliktberatung (Beratungsschein) nachweist und eine 12-Wochen-Frist einhält. Die Bischöfe kritisieren auf ihrer Herbstvollversammlung das neue Gesetz als "lückenhaft und mehrdeutig", beschließen aber, es den Beratungsstellen vorläufig nicht zu untersagen, Beratungsbescheinigungen auszustellen. 

In den folgenden Jahren kommt es zu einem Tauziehen zwischen Rom und der deutschen Bischofskonferenz. Karl Lehmann muss sich nicht nur mit dem Vatikan, sondern auch mit Erzbischof Dyba und später Kardinal Meisner auseinandersetzen, die aus der Phalanx der 
deutschen Bischöfe ausscheren. 


Am 18.09.1999 wird auf Anweisung des Papstes im Vatikan ein Brief erstellt, in dem es unmissverständlich heißt: „Würde der Schein weiterhin als Zugang zur Abtreibung dienen, wäre der ... Vorwurf berechtigt, dass die Kirche eine bloß theoretische Aussage ohne reale Konsequenzen macht. Dem Heiligen Vater liegt es außerordentlich am Herzen, dass die Kirche ... alles meidet, was als Doppeldeutigkeit oder Mangel an Klarheit interpretiert 
werden könnte." 


Obwohl damit der Zwangsausstieg aus der gesetzlichen Konfliktberatung besiegelt ist, wenden sich Anfang Oktober zwölf deutsche Bischöfe in einem gemeinsamen Brief an Papst Johannes Paul II. und ersuchen ihn um Antwort auf die Frage, wer die Verantwortung dafür übernehmen solle, dass die katholische Kirche nach einem Ausstieg das ungeborene Leben nicht mehr so wirksam schützen könne wie bisher. Im Erwiderungsschreiben von Kardinalstaatssekretär Sodano bekräftigt dieser die bindende Wirkung der Weisung vom September und erklärt die Gewissensnot der Bischöfe für unmaßgeblich.  

Während seines Ad-limina-Besuches am 18. November übergibt Bischof Lehmann in einem allerletzten Versuch dem Papst einen Brief, in dem er verzweifelt anfragt, ob es wirklich nicht möglich ist, „wenigstens ‚ad experimentum‘ für einige Jahre eine Pluralität von Beratungsweisen zu erlauben …, bis manche Probleme auch staatlicherseits besser gelöst sind und ein einheitliches Vorgehen auch kirchlicherseits wieder erreichbar ist.“ (Deckers, S. 338) Die Antwort des Papstes trifft am 20. November per Fax ein: „…  ich es in einem hohen Maß für schädlich halte, in einer so kennzeichnenden Angelegenheit zwei verschiedene Vorgehensweisen innerhalb desselben Episkopats zu akzeptieren.“ 

„Vier Jahre lang bot Lehmann Papst Johannes Paul II. die Stirn, versuchte zu vermitteln zwischen deutscher Politik und vatikanischer Moral. Weil der Papst allerdings am Ausstieg festhielt, hätte weiterer Widerstand für Lehmann wohl den Rückzug vom Bischofsamt bedeutet. ‚Wir haben so lange gekämpft. Wir haben verloren‘, konstatierte er enttäuscht und sagte in seiner schwärzesten Stunde: ‚Jetzt müssen wir aber in die Zukunft hin das Beste machen, sonst hängt man immer an den alten Auseinandersetzungen, die nichts mehr bringen.‘ Ein anderer hätte auf eine solche Niederlage wohl mit Verbitterung, Resignation oder Zynismus reagiert. Lehmann dagegen gründete im Januar 2001 in seinem Bistum das ‚Netzwerk Leben‘ für Frauen in Notsituationen.“ (Vera Schmidberger, SWR AKTUELL, 11.03.2018) 

Jahrelang hatte Rom den Bischof von Mainz bei Kardinalskreierungen nicht berücksichtigt. Am 21. Januar 2001 ernennt Johannes Paul II. 37 neue Kardinäle - so viele auf einmal, wie das noch bei keinem Papst vor ihm der Fall war. Der seit über 13 Jahren Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz ist nicht darunter. Daraufhin wurden „Geistliche und Laien, In- und Ausländer … in Rom vorstellig“ (Hans Maier, Laudatio 2013) – einer davon war der Bischof der Diözese Opole (Oppeln), Alfons Nossol, - und die römische Vernunft setzte sich doch noch durch. Am 26. Januar erfährt Lehmann von der Apostolischen Nuntiatur in Bonn, dass er nachnominiert ist. Endlich kam Kardinal Lehmann dort an, wo er hingehörte. Er war nach dem heilig gesprochenen Kardinal Carlo Borromeo getauft, vollendete seine 8-jährige wissenschaftliche Ausbildung in Rom mit zwei Doktortiteln und hatte seit jeher eine Affinität zu dem römischen Sinn für Ordnung und Eintracht. 

Es ist für Karl Lehmann bezeichnend, dass er, - der sich bereits 1987 gezwungen sah, in fundamentale Auseinandersetzungen mit Rom einzutreten - seinen mächtigeren Gegenspielern Josef Ratzinger und Johannes Paul II. nach seiner Kardinalserhebung versöhnlich entgegentrat: „Als ich zum Kardinal ernannt wurde, war es für mich das allerwichtigste, dass Johannes Paul II. über den Schatten des Streits um die Schwangerenkonfliktberatung gesprungen ist. Er hat es mir nicht übel genommen, dass ich in aller Hartnäckigkeit vier, fünf Jahre eine andere Position als er vertreten habe.“ (Nichtweiß, Hrsg.: Gott ist größer als unser Herz, 2006)


Von Johannes XXIII. über Karl Lehmann zu Franziskus



Als wichtiger Zeitzeuge wurde Karl Kardinal Lehmann häufig im Laufe seines Lebens auf das II. Vatikanum angesprochen. Johannes XXIII. erlebte er als „eindrucksvolle Figur“, die den Mut hatte, den Konzilsprozess als eine „Erneuerung der Kirche im Lichte der ‚Zeichen der Zeit‘“ (Lehmann, Dankesrede 2013) voranzutreiben, auch wenn er dabei institutionelle Einsamkeit erlebte.

Die von Johannes XXIII. in Gang gesetzte Aufbruchsdynamik drängte den überzogenen
Zentralismus der Kurie zurück und eröffnete nach innen Räume für synodalen Austausch und Diskurs auf Augenhöhe und nach außen das Sich-Einlassen und den Dialog mit der Welt. Karl Kardinal Lehmann hielt an den Idealen des Konzils ein Leben lang fest und versuchte fortwährend, die Zeichen der Zeit zu ergründen und „daraus weiterführende Imperative für das Handeln zu gewinnen.“ (Fastenpredigt, Februar 2013)

Leider musste er miterleben, wie viele seiner Handlungsimpulse, die aus drängenden pastoralen und kirchenpolitischen Problemfeldern erwachsen waren, durch den wiedererstarkten römischen Zentralismus im Keim erstickt oder auf Anordnung von oben eliminiert wurden. Erfolgreicher war Lehmann bei der Verteidigung konziliarer Errungenschaften.

Die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes) übergab die Verantwortung für die Familienplanung in die Hände der Eheleute. Diese müssen „in menschlicher und christlicher Verantwortlichkeit ihre Aufgabe erfüllen und in einer auf Gott hinhörenden Ehrfurcht durch gemeinsame Überlegung versuchen, sich ein sachgerechtes Urteil zu bilden. … Dieses Urteil müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen.“ (GS 50)

Unter Führung von Kardinal Döpfner verteidigten die deutschen Bischöfe 1968 durch die Königsteiner Erklärung dieses konziliare Vermächtnis. Es war dann an Lehmann, sich ab 1987 gegen Zentralisierungsbestrebungen Johannes Pauls II. zu behaupten, was ihm auch gelang. Mit dem nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus ist dann 2016 die deutsche Linie bestätigt worden: „Die klare Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils bleibt bestehen: Beide sollen durch gemeinsame Überlegung versuchen, sich ein sachgerechtes Urteil zu bilden. … Dieses Urteil müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen.“ (Al 222)

Neben äußeren Parallelitäten – beide wurden 1936 geboren, beide sind seit 2001 Kardinäle -besteht zwischen Karl Lehmann und Papst Franziskus auch eine große geistig-geistliche Affinität. Als Jorge Mario Bergoglio beim Vorkonklave im März 2013 seine kurze Rede hielt, sprach er von der kranken, um sich selbst kreisenden Kirche, die vom verderbten Geist des theologischen Narzissmus beherrscht ist. Man konnte sich dabei an Aussagen Lehmanns im Jahr zuvor erinnert fühlen:
„Kirche ist immer in Bewegung: Sie kommt vom dreifaltigen Gott her und ist zu den Menschen gesandt. … Sie verfehlt ihre Aufgabe, wenn sie um sich kreist und sich nicht der Not der Welt sowie den Wunden der Zeit zuwendet und die Menschen zu Gott führt.“ (Vortrag, März 2012) und
„Der größte Sündenfall für die Kirche ist die Selbstgenügsamkeit. Wenn wir begreifen, dass das Gesendet-Werden und Über-Sich-Hinausgehen zum Wesen der Kirche gehört, wird die bleibende Neuheit des Christentums auch in Zukunft alle Grenzen durchbrechen. Kirche ist immer im doppelten Sinne über sich hinaus: auf Gott und die Menschen hin.“ (Vortrag, Juni 2012)

Nachdem Papst Franziskus ein halbes Jahr im Amt war, sagte er im Verlauf eines Interviews mit der italienischen Tageszeitung La Repubblika folgendes: „Das Zweite Vatikanische Konzil beschloss, die Zukunft mit einem modernen Geist anzusehen und sich der modernen Kultur zu öffnen. Die Väter des Konzils wussten, dass das Ökumene und Glaubensdialog bedeutete. Seitdem ist in dieser Richtung wenig geschehen. Ich bin so bescheiden und so ehrgeizig, das wieder zu tun.“

Franziskus nimmt den Faden auf, an dem sich Kardinal Lehmann jahrzehntelang orientiert hat. Eine späte Frucht von Lehmanns ökumenischem Engagement würdigt Kardinal Marx in seinem Nachruf: „Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung 1999 geht wesentlich auf das Verhandlungsgeschick Karl Lehmanns zurück.“ Und was den Glaubensdialog mit wiederverheirateten Geschiedenen angeht, so ist – im Anschluss an Amoris laetitia - mit dem Wort der deutschen Bischofskonferenz zur erneuerten Ehe- und Familienpastoral vom Februar 2017 das pastorale Praxis geworden, was Bischof Lehmann 1993 zusammen mit Bischof Kasper und Erzbischof Saier für wiederverheiratet Geschiedene avantgardistisch in Angriff genommen hatten.

Ein Jahr später steht der Kommunionempfang konfessionsverschiedener Ehepartner auf der Tagesordnung. Die überwiegende Mehrheit der Bischofskonferenz ist sich einig, sieben Bischöfe – davon sechs Bayerische – wenden sich an Rom und äußern „Zweifel, ob der Beschluss mit der Glaubenslehre und der Einheit der Kirche vereinbar sei.“ Dieses Muster wäre Karl Lehmann ausgesprochen bekannt vorgekommen. Nur, das kuriale Rom mit Papst Franziskus an der Spitze ist ein anderes, als das, mit dem er sich über viele Jahre hinweg herumschlagen musste.

Im großen Interview von 2016 kommt Lehmann auf die Grundausrichtung zu sprechen, die ihn mit Papst Franziskus verbindet, nämlich eine synodalere Kirche. Welch‘ Genugtuung muss es für den Kardinal gewesen sein, als er aus dem Munde des Pontifex vernimmt, was schon immer sein Anliegen war: „Eine Synode müsse frei sein und dürfe keiner Zensur unterliegen; sonst sei es keine Synode. Auch die Organismen der Teilkirchen, also die Synoden in Ländern und Sprachgemeinschaften, sollten mehr Kompetenz bekommen.“ (Mit langem Atem, S. 120)

Am Tag nach Kardinal Lehmanns Tod schickt Papst Franziskus ein Telegramm an den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, in dem er in sehr treffenden Worten den Verstorbenen würdigt:
„In seinem langjährigen Wirken als Theologe und Bischof wie auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat Kardinal Lehmann das Leben von Kirche und Gesellschaft mitgeprägt. Stets war es sein Anliegen, offen zu sein für die Fragen und Herausforderungen der Zeit und von der Botschaft Christi her Antwort und Orientierung zu geben, um die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und über die Grenzen von Konfessionen, Überzeugungen und Ländern hinweg das Verbindende zu suchen.“

Schluss


Nach einem Bibelvers Ausschau haltend, der zu Karl Lehmann passt, fiel mir Matthäus 5.13 ein: „Ihr seid das Salz der Erde.“ 

Der Professor und Bischof hat sich weder dem gerade vorherrschenden Zeitgeist angepasst, noch ist er in die spirituelle Attitüde des weltabgewandten Glaubenseiferers geflüchtet. Um seiner Mission der dialogischen Konsensfindung nachkommen zu können, brachte er signifikante Voraussetzungen mit. Er war in seinem Glauben und seiner Kirche fest verankert, er war mit seinem weiten Bildungshorizont auf der Höhe der Zeit und er war in der Lage konstruktiv zu streiten – unabhängig davon, ob sein Gegenüber ihm wohlwollend oder feindlich gesinnt war. Wichtig war auch, dass er aufgrund seiner geschulten Intellektualität einfachen Wahrheiten misstraute und über genügend Ambiguitätstoleranz verfügte, um Problemstellungen multiperspektivisch anzugehen. Bereits beim Konzil und stärker noch bei der Würzburger Synode machte er die Erfahrung, dass es sich lohnt, mutig in die offene Debatte zu gehen. „Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, auch wenn man sehr unterschiedliche Positionen vertritt, und bei aller Unterschiedlichkeit doch in Dialog und Disput einzutreten, kann Wunder wirken …Das ist ein Lehrstück gewesen: man kann auch mit Leuten zurechtkommen, bei denen man es vorher nicht vermutet hat.“ (Mit langem Atem, S. 24)
„Auf die Frage, was einen guten Bischof ausmache, betonte Lehmann, der Oberhirte müsse Gesprächspartner auch für die nicht-kirchliche Umgebung sein, für Wirtschaft und Politik, Kultur und Wissenschaft: ‚Innerkirchlich wird oft unterschätzt, wie sehr man für Kirche außerhalb der Kirche da sein muss. Wir brauchen den Mut zum Dialog‘“ (Nellessen, Nachruf  2018)

Lehmann war sich nicht zu schade, die Durststrecken und Glanzlosigkeiten zeitgenössischen Christ- und Kircheseins (vgl. Ruh 2018) bewusst anzunehmen und er hatte den langen Atem und die Zuversicht, die man braucht, um sich unermüdlich für die gute Sache zu engagieren. Das Wort Zuversicht benannte er einmal der Duden-Reaktion gegenüber als sein Lieblingswort.
„Die Zuversicht ist Sache aller Christen. Wir fliegen dabei nicht leichtfüßig und illusionär über die oft harte und brutale Wirklichkeit unserer Welt hinweg, und diese Hoffnung wird häufig auch durch uns selbst, durch unsere Furcht, unsere Zweifel und unseren Kleinglauben verdeckt. Liebe Schwestern und Brüder, dies ist auch das Bekenntnis meines Lebens." (Predigt im Pontifikalgottesdienst am 16. Mai 2006 zum 70. Geburtstag)

Sein Gottvertrauen bewahrte ihn vor der menschlichen Hybris, alles selbst bewerkstelligen zu müssen. Bei den langen Wegen, die Lehmann gegangen ist, und deren Zielpunkte er nicht mehr miterlebt hat, tröstete ihn eine Geschichte aus dem Alten Testament (5 Mose 32.52). „Mose steht am Rand des Gelobten Landes, schaut hinein, und Gott sagt zu ihm: Du gehst jetzt hier nicht mehr hinein, du kannst jetzt hier noch hinein sehen, aber du wirst es nicht mehr betreten. Das ist für mich ein Modell, man ist eine gewisse Wegstrecke gegangen, sieht von ferne, wie es einmal werden könnte, kann das aber nicht mehr betreten.“  (SWR 2 Glauben: Karl der große Brückenbauer. 28.09.2008)

Als Philipp Gessler vor zwei Jahren Karl Kardinal Lehmann fragte, in welcher Haltung er auf den Tod zugehen würde, verwies er auf seinen Namenspatron und Amtspatron, den Heiligen Karl Borromäus (1538 - 1584). Vor die Situation gestellt, dass er nur noch einen Tag, eine Stunde zu leben hätte, gab dieser zur Antwort: „Ich würde das, was ich mache, so gut machen, wie ich kann.“

So war Karl Lehmann: Er wich keiner Herausforderung aus, schonte sich nicht und machte alles so gut, wie er nur konnte.





Quellen


Der Beitrag verdankt sein inhaltliches Fundament der von Daniel Deckers geschriebenen Biographie Karl Kardinal Lehmanns.

Deckers, Daniel: Der Kardinal. Karl Lehmann. Eine Biographie. 2002
Deckers, Daniel: Zum Tod von Kardinal Lehmann. Ratgeber und Gesprächspartner in allen Lebenslagen. In: Frankfurter Allgemeine, 11.03.2018
Florin, Christiane: Der Freigeist mit Kardinalshut. Deutschlandfunk, 12.03.2018
Gessler, Philipp: Der liberale Katholik. In: taz, 11.03.2018
Gessler, Philipp: "Das Gebet um einen guten Tod ist für mich wichtiger geworden". Kardinal Lehmann im Gespräch mit Philipp Gessler. Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 15.05.2016
Fuchs, Gotthard: Karl Lehmann. Der Dolmetscher. In: Christ in der Gegenwart, 18.03.2018
Kasper, Walter Kardinal: Kardinal Karl Lehmann zum 70. Geburtstag. Laudatio. In: Nichtweiß 2006
Lehmann, Karl Kardinal: Zuversicht aus dem Glauben. Freiburg 2006
Lehmann, Karl Kardinal: Das Leben der Kirche im Wagnis der Moderne. Vortrag im Meister-Eckart-Forum „Zur Sache" am 15. März 2012
Lehmann, Karl Kardinal: Über die Zukunft des Christentums. Vortrag in der Polytechnischen Gesellschaft e.V. am 4. Juni 2012 in der Historischen Villa Metzler
Lehmann, Karl Kardinal: Brückenbauer. Lern- und Lehrjahre zwischen Lebensgeschichte,  Wissenschaft und Praxis der Kirche. Dankesrede bei der Verleihung  des Theologischen  Preises der Salzburger Hochschulwochen am 31. Juli 2013 
Lehmann, Karl: Mit langem Atem. Der Kardinal im Gespräch mit Markus Schächter. Freiburg 2016 
Maier, Hans: Aufrechter Gang. Laudatio für Karl Kardinal Lehmann zur Verleihung des Theologischen Preises. In: Hoff, Gregor Maria. Gefährliches Wissen 2013 
Marx, Reinhard Kardinal: Zum Tod von Kardinal Karl Lehmann. Deutsche Bischofskonferenz, Pressemeldung Nr. 037, 11.03.2018
Nellessen, Monika: Kardinal der Herzen - Ein Nachruf auf den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann. In: Allgemeine Zeitung, Rhein-Main, 11.03.2018
Nichtweiß, Barbara (Hg.): Gott ist größer als unser Herz. Der 70. Geburtstag von Karl          Kardinal Lehmann und das Mainzer Bistumsfest. Berichte, Texte, Bilder. Publikationen 
Bistum Mainz 2006
Öhler, Andreas: Kardinal Lehmann geht in Rente. Was hat er als Bischof in Mainz bewirkt? In: Christ & Welt, 21.04.2016
Ökumenischer Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK). Nachruf auf den langjährigen wissenschaftlichen Leiter und Vorsitzenden Karl Kardinal Lehmann. 2018
Pfeiffer, Petra: Der große Brückenbauer. Zum Tod von Karl Kardinal Lehmann. SWR 2 Glauben, Beitrag vom 11.03.2018
Resing, Volker: Gottes geduldiger Ungeduldiger. In: Die Welt, 12.03.2018
Ruh,Ulrich: Karl Lehmann - ein intellektuelles Porträt. In: Weg und Weite 2001, S. 3-10 
Schmidberger, Vera: Karl Kardinal Lehmann gestorben. Aus: SWR aktuell, 11.03.2018
Weiffen / Weißenberger: „Eine gediegene Freiheit war mir wichtig“. Kardinal Karl Lehmann  über das Priestertum und seine Amtszeit als Bischof. In: Kirchenzeitung für das Bistum Mainz. Extra 10/2013