Dienstag, 5. März 2019

Volker Gerhardts philosophische Neuthematisierung Gottes

Warum es Sinn macht zu glauben


Einleitung


Dem philosophisch Interessierten fallen bei der Verbindung von Gott und neuzeitlicher Philosophie möglicherweise die Namen Kant, Feuerbach und Nietzsche ein. Kant zeigte auf, dass unsere Begriffe in Raum und Zeit verhaftet sind, und es daher nicht möglich ist, Gott zu beweisen. Für Feuerbach war Gott „der in der Phantasie befriedigte Glückseligkeitstrieb des Menschen", also nichts weiter als eine Projektion. Nietzsche rief den Tod Gottes aus, was einen Mauersprayer veranlasste, die Sentenz: „Gott ist tot. Nietzsche“ durch „Nietzsche ist tot. Gott“ zu persiflieren.

Im Jahr 2016 startete das diözesane Bildungszentrum in Freising die Reihe GOTT.neu.denken, die sich mittlerweile im dritten Durchgang befindet und wo die Gottesfrage aus verschiedenen fachlichen Blickwinkeln beleuchtet wird. Den Bereich Philosophie vertraten neben dem Münsteraner Theologieprofessor Klaus Müller zwei emeritierte Professoren aus Berlin, Holm Tetens und Volker Gerhardt – beide mit protestantischen Hintergrund –, deren Ausführungen auf sehr positive Resonanz stießen. Der Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens hat im Jahr 2013 das Buch Gott denken. Ein Versuch über Rationale Theologie veröffentlicht und von dem Philosophen Volker Gerhardt, den man als rationalen Existenzialisten bezeichnen könnte, gibt es zwei thematisch einschlägige Bücher: Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche aus dem Jahr 2014 und Glauben und Wissen. Ein notwendiger Zusammenhang von 2016. Volker Gerhardts Buch Der Sinn des Sinns hat so viel Aufmerksamkeit erfahren, dass im Jahr 2016 ein Band mit den gesammelten Kritiken von Fachleuten erschien: Gott und Sinn. Im interdisziplinären Gespräch mit Volker Gerhardt.

Volker Gerhardt besteht gegen den Mainstream darauf, dass die Metaphysik zur Philosophie gehört. Denn nach seiner Überzeugung gehört das Problem des Göttlichen zu den elementaren Fragen des Philosophierens und ist dort im Kontext der Ethik, der Ästhetik, der Kultur- und der Geschichtsphilosophie zu verhandeln. (vgl. 2016b, S. 15)

Ausgangspunkt seines weit gespannten Sinn-Projektes ist der menschliche Sinn, der seine leibliche Fundierung in den menschlichen Sinnesorganen hat und dessen Bedeutung bis in den Bereich transzendenter Sinngebung reicht. Auf philosophischer Ebene reißt Gerhardt den Grenzzaun zwischen den sich oftmals exklusiv verstehenden Sphären von Glauben und Wissen ein und zeigt, dass beide einander wechselseitig bedürfen. Die aufgewiesene Unverzichtbarkeit des Glaubens mündet bei ihm in die Erkenntnis, dass jegliche Sinngebung menschlichen Daseins notwendig auf das Göttliche als rationale Grundbedingung angewiesen ist.

Wer über das philosophisch argumentierte Göttliche hinausgehen will, dem bringt Gerhardt in seiner Sinn-Theologie nahe, dass dem Menschen als Ganzem das Göttliche aus der Ganzheit des Wirklichen entgegenkommt und er es als „Stimme“ begreifen kann, in der sich die Welt dem Individuum mitteilt. „In diesem Akt des als vorbehaltlos erlebten persönlichen Zutrauens zum Ganzen, das sich darin dem Einzelnen öffnet, wird das Göttliche der Gegenwart des Universellen zum individuellen Glauben im Angesicht Gottes.“ (2015, S. 275) 

Die von Gerhardt gewonnenen philosophisch-theologischen Einsichten veranlassten ihn, von der Formel vom „Gott als Grund“ Abstand zu nehmen und statt dessen das Göttliche als „Sinn des Sinns“ zu bestimmen. Im Folgenden werde ich versuchen Gerhardts Philosophie zu skizzieren.

2. Vom Sinn zum Sinn des Sinns 

„Unser gesamtes Denken ist so beschaffen, dass wir aus verschiedenen Gründen immer auf das Ganze ausgreifen müssen. … Ich denke, die Frage (nach dem Ganzen, S.S.) ist unaufgebbar, und was immer wir sagen über etwas, was uns letztlich verbindet in unserem Leben, was eine unbegrenzte Wichtigkeit hat, dann haben wir zugleich einen Horizont im Sinne, in dem das Ganze die Orientierung gibt.“ (Dieter Henrich, 2008)

Dieses Diktum des international bekannten deutschen Philosophen Dieter Henrich ist auch dasjenige Volker Gerhardts. Auch wenn das Verständnis dieser Grundstruktur unzulänglich bleibt, wird es notwendig vorausgesetzt. Der Mensch strebt ein psycho-soziales Gleichgewicht an, zu dem er nur durch einen gewissen Einklang mit seiner Welt finden kann. „Er benötigt einen ihm selbst korrespondierenden Begriff von dem, was ihm als Ganzes gegenübersteht.“ (Vortrag 2018)

„Das Ganze lässt sich als Generalbedingung eines jeden möglichen Sinns verstehen, der unserem Erleben einen Inhalt, unseren Worten eine Bedeutung und unserem Handeln eine Absicht gibt. Eben diese Leistung kann man göttlich nennen.“ (2015, S. 267) Unter göttlich versteht Gerhardt das, „was in seiner bedeutungsvollen Größe, in seiner unfassbaren Übermacht sowie in seiner unergründlichen Tiefe vom Menschen als schlechthin fundamental, übergeordnet und erhaben erfahren werden kann. Gott ist in allem, worin sich etwas findet, das für den Gläubigen eine ihn selbst umfassende Bedeutung erlangt.“  (2016 b, S. 26)
Ohne Sinn kommt im menschlichen Dasein nichts zu Stande. Was immer wir mit Bewusstsein tun, verfolgt einen Sinn, der unserer Handlung allererst ihr Charakteristikum und ihre mehr oder weniger bestimmte Bedeutung verleiht. Sinn ermöglicht den Brückenschlag zwischen intrapersonalem Erleben und sich extern abspielendem Leben, zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem Menschen als integrierter Ganzheit und der Welt als alles umfassendem Ganzen. Kommunikation, Kooperation und Konstitution sind ohne Sinn nicht denkbar.
So wie der einzelne Kommunikationsakt auf das Ganze der Sprache bzw. unserer Verständigungspraxis ausgreift, so überschreitet der Sinn eines Ereignisses dieses Ereignis selbst. Alles menschliche Denken, Sprechen und Handeln ist in einen Sinn eingebunden, der niemals nur für sich steht (vgl. 2015, S. 315), sondern auf einen Sinnhorizont verweist.„Der Sinnhorizont steckt den Rahmen ab, in dem wir überhaupt etwas erwarten. Er ist das Äußerste, in dem selbst das Fremde seinen Ort finden muss, in dem aber auch das Vertraute seinen natürlichen Platz hat. Der Sinnhorizont ist die Bedingung für das Verstehen überhaupt. Wir müssen an ihn glauben, wenn wir überhaupt etwas verstehen wollen.“ (Vortrag 2009) Der Sinnhorizont verbürgt als Sinn des Sinns den Sinn der einzelnen Sinne.
In unseren besten Momenten erscheint uns die Welt als fraglos sinnvoll. „Der Sinn des Sinns liegt darin, dass er in der Vielfalt und Gegensätzlichkeit der unendlichen Sinnperspektiven die Einheit exponiert, die dieses Glück ermöglicht.“ (2015, S. 239) Der befriedigende Zustand der Übereinstimmung von sinnlichen und vernünftigen Antrieben wurde einst Glückseligkeit genannt.

3. Volker Gerhardts philosophische Ahnherrn 

Das Interesse der Philosophie war von Anfang an auf Gott gerichtet. „Es ist bekannt, dass die ionischen Naturphilosophen das Göttliche als die Quelle, den Grund und das alles umfassende Ganze des von ihnen spekulativ erdachten Seins zu fassen versuchen.“ (2015, S. 70) Volker Gerhardt beginnt bei seiner exemplarischen Rekapitulation der Philosophiegeschichte bei den vermeintlichen Antipoden Heraklit von Ephesos - gemeinhin als „Philosoph des Werdens“ angesehen - und Parmenides – „Philosoph des Seins“.

Parmenides und Heraklit

Für Parmenides war das Sein unwandelbar, während für Heraklit alles im Fluss war. Einig waren sich beide Philosophen darin, dass man, um solche Aussagen machen zu können, ein übergeordnetes, alles umfassendes Allgemeines braucht, das uns als Erkennende durchdringt und uns erlaubt, überhaupt etwas als etwas festzustellen. Die Griechen nannten den Grund alles Erkennens Logos. Im alles verbindenden Logos ist das Göttliche überall anwesend und immer dasselbe. Es ist das, was tragend ist und immer bleibt, egal ob man es als unwandelbar Eines oder als das immer in Bewegung Seiende artikuliert. 

Platon

Nachdem Gott kein von der Welt getrenntes Wesen ist, kann das Göttliche in allen Erscheinungen des Daseins ermittelt werden. Gott ist das Zusammenhang und Einheit stiftende ordnende Prinzip und liegt als Sinn des Sinns allem zugrunde, was für den Menschen Bedeutung hat. „Gott hat eine die Identität von Mensch und Welt sichernde, Erkennen und Handeln tragende sowie das Erleben des Schönen und der Liebe befördernde Kraft.“ (2016 b, S. 16) Für Gerhardt hat Platon mit seiner Vorstellung von Gott, der in allem wirksam ist, die Philosophie über die Jahrtausende hinweg geprägt und ist in der gegenwärtigen Debatte erneut zur Geltung zu bringen.

Kant 

Kant hat aufgezeigt, dass man mit der reinen Vernunft, mit dem Verstand, weder bewiesen kann, dass Gott existiert, noch dass er nicht existiert. Es ging ihm dabei nicht darum, Gott zu erledigen, sondern er wollte der existenziell gehaltvollen Rede von Gott eine angemessene Grundlage geben. „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.“ (Kant) „Der metaphysische und zugleich lebenspraktische Raum, der dem Glauben auf diese Weise erschlossen und kritisch gerechtfertigt wird, ist der, in dem sich das Bewusstsein von der Gegenwart eines Göttlichen in der Einstellung und im Tun des Menschen als Gewinn an Sicherheit im Selbst- und Weltvertrauen erweisen muss.“ (2017 b) In Gerhardts Lesart ‘gibt‘ es für Kant „Gott nicht im Sinn eines empirischen Sachverhalts, wohl aber im Sinn einer moralischen Größe, an die man bereits glaubt, wenn man davon ausgeht, dass ein unter ethischen Prinzipien geführtes Leben auch im Ganzen des Daseins nicht sinnlos ist.“ (2015, 98) 

Damit der Mensch seinem Anspruch, gut zu handeln (kategorischer Imperativ), gerecht werden kann, formuliert Kant drei Postulate. Das sind notwendige Ideen, Annahmen, die nicht bewiesen werden können.

1. Das Postulat der Freiheit
Gott muss als vernünftiges Wesen angesehen werden und ist deshalb frei. Diese Freiheit muss auch für die unter Gottes Wirksamkeit gedachte Welt gelten. (vgl. 2015, S. 102)

2. Das Postulat der Unsterblichkeit der Seele
Die personale Existenz des Menschen muss man sich in die künftige Zeit verlängert denken. Auch wenn der einzelne Mensch wenig zuwege bringt, kann er die Hoffnung hegen, „dass am Ende aller Dinge von einem glücklich erreichten Zustand gesprochen werden kann, in dem Vernunft und Sinnlichkeit zur Deckung kommen.“ (2015, S. 106)

3. Das Postulat vom Dasein Gottes
„Sosehr es in der Moralität um Ansprüche der allgemeinen Menschenvernunft und … auch um das menschliche Glücksverlangen geht, so wenig steht es in der Macht des Menschen, dieses … Ziel der Geschichte aus eigener Machtvollkommenheit zu erreichen“ (2015, S. 108) Der Mensch, der es ernst meint, und auf einen guten Ausgang seiner Bemühungen hofft, hat auf einen Beistand zu setzen. Diese Hilfe kann nur „aus dem Ganzen kommen, dem wir in allem zu vertrauen haben – auch weil wir selbst zu ihm gehören. Diese Quelle des Guten kann nicht anders als göttlich genannt werden.“ (2015, S. 109)

Seit der Kantischen Postulatenlehre gibt es in der Philosophie die Debatte, „ob und – wenn ja – wie denn auch Fiktionen wahr sein können. … Bereits Kants Zeitgenossen hat beschäftigt, was es denn bedeute, dass der Königsberger zur Überzeugung kommt, die obersten Begriffe der Vernunft – Gott, Freiheit und Weltganzes – müssten von dieser um ihrer eigenen Konsistenz willen notwendig gedacht werden, ohne von ihnen theoretisches Wissen gewinnen zu können, weshalb sie als notwendige Annahmen unter das Vorzeichen eines „als ob“ zu stellen seien. Kant spricht bezüglich dieser Inbegriffe auch tatsächlich immer wieder wörtlich von ‚Fiktion‘ oder „Erdichtung‘.“ (Müller, Klaus, in: Kühnlein 2016, S. 85)

Für Kant selbst war klar, dass etwas, das postulatorisch gedacht wird, nicht deswegen schon wahrheitsunfähig sein muss. Postulaten als fiktionale Annahmen kann Wahrheit „nur im Horizont einer holistischen Denkform zugesprochen werden, einer also, die … alle Weisen von Wissen im Letzten in einer Ganzheit von Verstehen zusammenführt, die als prozessualer Komplex eines Wirklichen zu denken ist, als dessen Element sich das Subjekt begreift.“ (Müller, ebd., S. 87) 

Kants messerscharfe Analyse des Gottesbegiffes läuft darauf hinaus, dass man nicht sagen kann, was Gott ist, aber der Mensch kann Gott denken und kann in dieser Annäherung ausloten, welche Bedeutung Gott für ihn hat. „Aus dem praktischen Lebensanspruch des Menschen ist Gott der Name für die Verbindlichkeit eines Ganzen, das den Sinn von allem garantiert, was immer für den Menschen Bedeutung hat.“ (2007) Im Glauben an Gott können wir hoffen, dass es eine asymptotische Annäherung zwischen dem höchsten moralischen Gut und dem individuellen Glück geben kann. Somit erweist sich – so Volker Gerhardt - der von Kant als unverzichtbar postulierte Gott als Einheitsgrund „alles verständigen Tuns, denn mit dem Streben nach Glück und dem Anspruch auf Selbstbestimmung vereinigt er alle denkbaren Motive unseres Handelns.“ (2007)

4. Das allem zugrunde liegende Ganze 

Gerhardts Buch beginnt mit folgenden beiden Sätzen: „Glauben ist ein existenzieller Akt. Er umfasst das Ganze eines Individuums und bezieht es auf das Ganze einer Handlungs- oder Lebenslage.“ (2015, S. 8) Wie man das verstehen kann, illustriert der Philosoph gut 35 Seiten später anhand eines Kinderliedes: 

Hänschen klein ging allein
In die weite Welt hinein
Stock und Hut steh'n ihm gut
Ist gar wohlgemut

Das verschwindend kleine Individuum geht nicht in die unvorstellbar große Welt hinaus, sondern hinein in das Ganze des Daseins, zu dem es gehört. So ganz allein ist Hänschen gar nicht, denn es ist die Geborgenheit, die er in seiner Familie erlebt hat, der er die Zuversicht verdankt, auf die Welt vertrauensvoll zugehen und an ihr zu wachsen zu können. Und die Welt wiederum ist gar nicht so weit weg, denn wir wussten schon von früh an, was Welt bedeutet, obwohl sie gleichsam der größtmögliche „Gegenstand“ ist.

Im Ganzen der Welt ist ein Teil vor allen anderen ausgezeichnet. „Und das ist der das Ganze erfassende, es für sein Handeln benötigende und als sein Gegenüber begreifende Mensch.“ (2015, S. 45) Der Mensch, der immer auch mit inneren Widersprüchen ringt, sehnt sich nach integrierender Einheit. Er kann sein „Vorbild in der Einheit eines mundanen Ganzen finden, das selbst aus widerstreitenden Kräften und scheinbar unversöhnlichen Gegensätzen besteht.“ (2013)

Die Grundbedingung eines rationalen Glaubens an das Göttliche ist die Selbstachtung. Ein sich selbst achtender Mensch kann der Welt offen gegenübertreten und vertrauensvoll auf das Ganze setzen, dem er sich aus freien Stücken selbst zurechnet und dem er einen Sinn zuschreibt, der im Ganzen begründet ist. Er begreift sich als Person und beansprucht eine Eigenständigkeit, die sich in einem von singulären Situationen unabhängigen Identitätsbewusstsein behauptet. „An ihm hängt die Überzeugung von einer … existenziellen Konsistenz des Ich, das auch im Augenblick radikaler Einsamkeit bei seinem Willen bleiben kann.“ (2015, S. 27) Jeder Mensch ist einzigartig, und deshalb kommen ihm Freiheit und Würde zu, die nicht relativierbar und von jedermann anzuerkennen sind. 

In einem philosophischen Begriff des Glaubens an das Göttliche geht es um das Ineinander von denkbar größter Abstraktion und höchster personaler Intensität. „Im Bewusstsein seines eigenen Wertes wird der Einzelne von der alles umschließenden Bedeutung des Ganzen angezogen, um darin als das Individuum, das er ist, vollkommen im Ganzen aufgehoben zu sein.“ (2016 c) Dieses Ganze kann nur als göttlich bezeichnet werden. Es ist „das Ganze der Welt – potenziert durch das Ganze, als das sich der Mensch versteht. In ihm kommen zwei Ganzheiten zu einer ganzheitlichen Verbindung, in welcher die Welt selbst eine personale Dimension erhält.“ (2015, S. 48)

5. Wissen und Glauben

Vor ein paar Jahren wandelte die für Atheismus und Agnostizismus eintretende Giordano-Bruno-Stiftung den Slogan eines Möbelhauses in ihrem Sinne ab: „Weißt du schon oder glaubst du noch?“ Volker Gerhardt antwortet darauf mit einer Gegenfrage: „Weißt du schon, dass du glauben musst?“ 

Die Kritik am Glauben fußt häufig auf der falschen Vorstellung, dass Glauben und Wissen Gegensätze seien. In bestimmten Fällen mag das so sein. So ist die biblische Schöpfungsgeschichte nicht ohne weiteres mit der Evolutionstheorie vereinbar. Aber grundsätzlich gilt: „Man muss bereits an das Wissen glauben, wenn man sich ihm anvertraut. Und dort, wo es endet, sind wir augenblicklich auf den Glauben angewiesen.“ (2014)

„Ohne Glauben ist alles Wissen seiner Vorzeitigkeit preisgegeben.“ (Kühnlein, in: Kühnlein, Hrsg., 2016) Der Wissensstand unserer Jetzt-Zeit ist immer ein vorläufiger. Zudem verfügt das Individuum, das eine Entscheidung zu treffen hat, selten über alle relevanten Informationen. Trotzdem handeln wir mit einer mehr oder weniger ausgeprägten Gewissheit, weil wir zuversichtlich sind und daran glauben, auch auf lückenhafter Wissensbasis gute Entscheidungen treffen zu können.

Aber auch Glauben ist nicht ohne Wissen vorstellbar, denn der Gläubige will seinen Glauben mit guten Gründen praktizieren. Beginnend mit den hinduistischen Veden um 1000 v.Chr. wurden religiöse Überlieferungen aufgeschrieben und avancierten zu Glaubenslehren. Wenn wir einem religiösen Glauben anhängen, so ruht dieser immer auf den Wissensbeständen der jeweiligen Religion auf.

„Glauben und Wissen … fordern sich wechselseitig heraus, sind nur in gegenseitiger Anerkennung produktiv und gleichen ihre jeweiligen Mängel gegenseitig aus … Jedes Wissen ist mit einem es relativierenden Glauben verknüpft, jeder Glauben an ein ihn bedingendes Wissen gebunden.“ (2016 c, 203 f) Glauben und Wissen haben ihren unverzichtbaren Anteil an der Vernunft.

Empirische oder axiomatische Sätze und Glaubenssätze haben die gleiche logische und semantische Struktur. Es geht jeweils um eine Aussage zu einem Sachverhalt. Im ersten Fall im Bewusstsein garantierter Sicherheit, im zweiten mit fraglicher Gewissheit. Die markante Differenz von Wissen und Glauben besteht darin, dass Wissen angeben kann, was der Fall ist, während Glauben dem Wissen seinen Stellenwert zuweist und als eine Einstellung zum Wissen gekennzeichnet werden kann.

Das Zusammenwirken von Wissen und Glauben sei an zwei Beispielen demonstriert:

1. Als entwickeltes Industrieland verfügt die BRD über ein Schienennetz, auf dem regelmäßig und getaktet Züge verkehren. Der Fahrplan sagt uns, wann ein Zug in A eintrifft, der uns dann nach B bringen soll. Wieweit wir davon ausgehen, dass unsere Reise nach Plan verlaufen wird, ist eine Glaubenssache. Wie überzeugt bin ich, dass sich das Faktum Abfahrtszeitpunkt wirklich als Faktum erweist?

2. Um die friedliche Nutzung der Atomenergie gab es in der BRD einen langen Glaubensstreit. Die einen waren von der billigen und sauberen Energie begeistert, während die anderen die nicht verantwortbaren Gefahren für Mensch und Natur ins Feld führten. Das Faktum der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 hat die Glaubenseinstellung von Bundeskanzlerin Merkel zur Atomenergie verändert und zu einem raschen Ausstiegsszenario geführt.

Der Begriff ‚Glauben‘ hat ein sehr breites Bedeutungsspektrum. Dieses reicht von ‚Meinen‘, ‚Vertrauen‘, ‚Überzeugung‘, ‚Erwartung‘ bis hin zu ‚Gewissheit‘. Gerhardt unterscheidet zwischen ‚epistemischem Glauben‘ (griechisch epistéme Wissen, Erkenntnis, Einsicht), der eng mit der Wissenschaft verknüpft ist, und ‚religiösem Glauben‘. 

Der epistemische Glaube ist ein unabdingbarer Glauben an das Wissen, der stets ein Glauben im Wissen ist, denn er besteht „in dem Vertrauen auf die jedes Wissen tragende Verbindung von Ich, Wir und Welt, die uns in der Form eines begrifflich zugänglichen Sachverhalts gegenübersteht.“ (2015, 176 f) Von einem persönlichen Ausgangspunkt aus kann das Individuum auf die Einheit der Wirklichkeit ausgreifen und sie glaubend als das umgreifende Ganze verstehen, dem es selbst als Ganzes gegenübersteht. Darüber hinausgehend bezieht der religiöse Mensch das von Bedeutung erfüllte Ganze auf Gott und sieht in ihm den Sinn von allem.

6. Religiöser Glaube 

In nachkantischer Zeit kann Gott kein Gegenstand des Wissens sein. Das hat den Vorteil, dass man dem geglaubten Gott keinen Ort zusprechen muss, weder innerhalb noch außerhalb der Welt. Gott lässt sich „als die allumfassende Wirklichkeit verstehen …, die in allem gegenwärtig ist.“ (2016 a, S. 62 f) 

Wenn wir an das Wissen, den Menschen, die Menschheit und den sie tragenden kulturellen Kontext glauben, liegt es nahe, auch die faktische Gegenwart des von Bedeutung erfüllten Ganzen anzuerkennen, das alles möglich macht. In der Unmittelbarkeit unseres Daseins sind wir von der Gegenwart eines Ganzen, das der Präsenz von uns selbst als personale Einheit korrespondiert, überzeugt.

Bei dieser philosophischen Rekonstruktion nicht stehen zu bleiben, ist das auslösende Moment des religiösen Glaubens. Wir suchen dann nach einem letzten Sinn unseres von Gegensätzen und Widersprüchen gekennzeichneten Daseins. Das religiöse Gefühl ist das Bewusstsein von einer Zugehörigkeit. Es ist „die Gewissheit, im Universum seine Heimat, sein Zuhause zu haben.“ (2015, S. 188) „Es ist mitnichten so, dass sich der Glauben primär als Abkehr von der Realität hervortut. Als Hoffnung, Vertrauen, Überzeugung oder Gewissheit legt er vielmehr den Grund für unser Realitätsbewusstsein und gibt uns Zuversicht bei jedem Schritt von einer durch Stimmungen versicherten Gegenwart in eine durch fragwürdige Wahrscheinlichkeiten angenommene Zukunft.“ (Vortrag 2018)

Wenn das existenziell geforderte Individuum nicht nur das Ganze anerkennend hinnimmt, sondern zu einer Haltung der Ehrfurcht vor dem Erhabenen findet, geht das Begreifen in ein Ergriffensein über. Damit ist der Schritt von einer metaphysischen Betrachtung zu einer religiösen Hingabe getan. In unserem sowohl verstandes- als auch gefühlsmäßig motivierten Vertrauen auf Gott können wir darauf „hoffen, als Ganze im Ganzen zur Ruhe zu kommen.“ (2016 a, S. 71). 

So können religiöse Motive den menschlichen Haltungen eine Bedeutung verleihen, die nach Gerhardt „weit über die konkreten Umstände“ hinausreicht: Wer in einer „verzweifelten und aussichtslosen Lage die Hoffnung […] nicht verliert und selbst das Opfer des eigenen Lebens im Vertrauen auf den Willen Gottes annehmen kann, gibt ein Beispiel für eine Kraft, aus der sich letztlich alles speist, was wahrhaft menschlich genannt werden kann.“ (2015, S. 337) Zwar werde diese Kraft oft als „menschlich“ begriffen, doch ist dies für Gerhardt allein unserem kulturell hoch entwickelten Souveränitätsverständnis geschuldet: Denn „angemessen ist dieses uns Tragende und über uns Hinausgehende nur zum Ausdruck gebracht, wenn wir es als göttlich bezeichnen.“ (ebd.)

7. Die Korrespondenz von Person und personalem Gott

Wie erfasst und deutet der Mensch seine Existenz in der Welt? Im denkenden Zugang zur Welt haben wir den Eindruck von ihr zu wissen, insgesamt aber können wir nur darauf vertrauen, dass sie so, wie wir sie mit unseren begrenzten Kenntnissen erschließen, tatsächlich ist und bleibt. Das ist der Ausgangspunkt von Gerhardts theologischer Kernthese:
Die Welt, in der wir leben und an die wir darum auch glauben, können wir, wenn sie uns in besonderen Augenblicken „als übergroß und übermächtig, vielleicht sogar als staunenswert, schön oder erhaben gegenübertritt, als göttlich erfahren … . Und wenn wir das Göttliche der Welt als uns personal Entsprechendes annehmen, können wir es, sofern wir uns selbst als Person begreifen und in ihr ein persönliches gegenüber suchen, als Gott ansprechen.“ (2015, S. 21)

Die Vorstellung eines personalen Gottes beruht auf zwei Basiselementen: das eine ist der Mensch, dem es „gelingt, die Unfassbarkeit seiner selbst in einen ihn selbst leitenden Begriff, nämlich in den der Person, zu transformieren“ (2016 b, S. 27) und das andere Element besteht darin, dass der Mensch „die von ihm benötigte Einheit der Welt nach Analogie der ihm selbst eine Form gebenden Einheit der Person unterstellt.“ (ebd.) Mit anderen Worten: Zwischen dem Personsein des Menschen und dem Göttlichem (an) der Welt besteht ein Entsprechungsverhältnis.

Der Münsteraner Fundamentaltheologe Klaus Müller bringt das so zum Ausdruck: „Sofern der Mensch sich selbst in seiner Personalität als staunenswert gewahrt, begegnet ihm im Staunenswerten der Welt etwas Kongeniales oder Konnaturales, das ihn ermutigt, eben jener Weltdimension Personalität zuzuschreiben.“ (2016, S. 81)

Der Mensch versteht sich, wann immer er in Aktion tritt, als ein Ganzes – als ein Individuum oder eine Person. Er versteht auch sein Gegenüber so, auch wenn er um die Uneinheitlichkeit oder innere Widersprüchlichkeit von Ganzheiten weiß. Das Kleinkind erlebt das familiäre Umfeld als Ganzheit, die ihm die Welt bedeutet. Im Verlauf der psycho-sozialen Entwicklung treten immer mehr Ganzheiten hinzu, wie Sprache, Umwelt, Freundeskreis, Schule, Heimat, Gesellschaft, Menschheit. So wächst der Mensch in eine Welt hinein, die alles umfasst, was für ihn Bedeutung hat, und eine universelle Ganzheit darstellt, die seit den Vorsokratikern und Platon als göttlich gilt.

Dem sich beim Heranwachsenden zunehmend ausbildenden existenziellen Bewusstsein der Identität als eines singulären, personalen ganzheitlichen Wesens kann nur das ins Göttliche überhöhte Ganze des Daseins entsprechen: „Das Gegenüber einer so exponierten … Person kann nur ein gegenüber allem exponiertes … Ganzes sein, dem der Titel des Göttlichen gebührt. Wir benötigen das Göttliche somit als die existentielle Kondition eines personalen Begriffs unserer selbst. Und diese existentielle Bedingung erlaubt es, das Ganze so anzusprechen, als sei es selbst eine Person. So kommt es zur Personalisierung des Göttlichen als Gott, das so nur in Korrespondenz zur Person des unter dem Eindruck des Göttlichen stehenden Menschen genannt werden kann.“ (2015, S.  27)

8. Die Modernität des Christentums

Die Liebesbotschaft des Jesus von Nazareth brachte etwas radikal Neues in die Welt. „Seine Haltung und die von ihm überlieferten Worte zeugen von einem Erleben des Geistes, der nicht aus vorgegeben Quellen schöpft. … Hier spricht ein Mensch, der sich im Ganzen seiner Person mit dem Ganzen des Daseins verbunden weiß.“ (2017 b)
Bei der christlichen Offenbarung geht es nicht mehr, wie noch in der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte, um ein in mythisches Gewand gehülltes ‚Wissen‘ und auch nicht notwendig um das in den Evangelien aufgezeichnete historische Geschehen, sondern um die in der Liebe und im stellvertretenden Leiden Christi exemplarisch werdende reale Sinnbeziehung zum Göttlichen. 
Gerhardt kennzeichnet das Christentum als zeitlos modern und ist der Auffassung, dass auf diesen Glauben „vielleicht noch keine Epoche so sehr angewiesen (war) wie die sogenannte Wissensgesellschaft.“ (2016 d, S. 89)
Für die Modernität des Christentums führt Gerhardt verschiedene Aspekte an. Das Evangelium betont den Rang des Individuums und greift mit der Unterscheidung von weltlicher und göttlicher Herrschaft der Moderne vor. Das christliche Gottesbild ist weit und hat in der Heilszusage für alle Menschen eine globale Perspektive. Die mit der unbedingten Nachfolge einhergehende Selbstverleugnung kehrt sich in christlichem Verständnis in Selbstgewinnung um. Das ist die Grundfigur der modernen Ethik: „Man hat sich als Individuum zu entschließen, einem allgemeinen Gesetz zu folgen, und gelangt nur dadurch zur autonomen Bestimmung seiner selbst.“ (2016 d, S. 99) Was bei Paulus und im Johannes-Evangelium grundgelegt ist, ermöglicht Origines und den Kirchenvätern die unüberbietbar moderne (weil perspektivische, S.S.) Deutung des einen Gottes in seiner Dreifaltigkeit. 

Zusammenfassung

1882 konstatierte Friedrich Nietzsche Gott ist tot. Hundert Jahre vorher erschien Kants Kritik der reinen Vernunft (1781), in der Kant die Unmöglichkeit von Gottesbeweisen aufzeigte. Dies war der Ausgangspunkt für das Aufkommen des Nihilismus-Begriffs um 1800. Während sich viele intellektuelle Zeitgenossen auf Kant beriefen, als sie sich des Themas Gott entledigten, vollzog der Königsberger die lebenspraktische Wende und postulierte das Dasein Gottes im Bereich der praktischen Vernunft. „Im religiösen Glauben kann es nur um das gehen, was uns Gott für die Lebensführung des Menschen bedeutet.“ (2017 a) So wie Platon, Kant und Whitehead Gott in einem systematischen philosophischen Denksystem für unverzichtbar halten, hebt auch Volker Gerhard auf das Göttliche als dem Sinnhorizont des menschlichen Daseins ab. 
Der ernsthaft handelnde Mensch muss seine Entscheidungen angesichts einer nur bedingt antizipierbaren Zukunft treffen und bedarf an der Grenze seines Wissens einer Sinnperspektive, die nur erwünscht, erhofft oder geglaubt werden kann. Jegliches Agieren des Individuums in der Welt setzt ein fundamentales Vertrauen in die Welt und in sich selbst voraus, was ohne einen beide tragenden Grund nicht möglich ist. Es ist die umfassende Einheit des Göttlichen als Sinn des Sinns, die das menschliche Selbst- und Weltvertrauen zuallererst ermöglicht und jedem einzelnen Handlungssinn zugrunde liegt. 
Der Mensch als Person muss sich mit der Welt, in der lebt, ins Benehmen setzen. Als individuelles Ganzes bezieht er sich auf die mehr oder weniger vollkommene Einheit eines universellen Ganzen und kann so erst ein Selbst- und Weltverständnis ausbilden. Das so erhobene Selbst kann über die rationale Konstitutionslogik hinausgehen und das Göttliche als seinen persönlichen Gott ansprechen.
Der Glauben „hat seine Einzigartigkeit im Bewusstsein der Gleichursprünglichkeit der eigenen mit der göttlichen Präsenz. Darin hat das Bewusstsein der menschlichen Freiheit eine universelle Dimension. Im Glauben an die Unsterblichkeit liegt die Verheißung einer Unverbrüchlichkeit der personalen Existenz, die unter keinen Bedingungen aufgegeben werden kann. Und das höchste Gut scheint im Augenblick so anwesend zu sein wie die von allen zeitlichen Fesseln befreite Ewigkeit im Dasein Gottes.“ (2017 a)
Volker Gerhardt versucht die Grenzen philosophisch legitimierter Metaphysik bis zum Äußersten auszudehnen. Jenseits dessen greift ein Satz Ludwig Wittgensteins: „Am Grunde des begründeten Glaubens liegt der unbegründete Glaube.“


Quellen Volker Gerhardt

2002:    Immanuel Kant: Vernunft und Leben (Reclam)
2007:    Glauben unter den Bedingungen des Wissens. In: Kirchenamt der EKD (Hg.). EKD Texte 90. 2009
2009:    Gott als Sinn des Daseins. Vortrag am 26.04.2009 in Erfurt
2013:    Das Göttliche als Sinn des Sinns. Vortrag im Juni 2013 in Berlin 
2014:    Über das Göttliche und den Sinn des Sinns, Neue Zürcher Zeitung 06.12.2014
2015:    Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche. 3. Auflage 
2016 a: Glauben und Wissen. Ein notwendiger Zusammenhang. 
2016 b: Das Göttliche als Sinn des Sinns. Über die wechselseitige Angewiesenheit von Glauben und Wissen. In: Kühnlein (Hg.). Gott und Sinn. Im interdisziplinären Gespräch mit Volker Gerhardt. Seite 11 – 28 
2016 c: Vom Grund zum Sinn. Ein philosophischer Zugang zum Göttlichen. In: Kühnlein (Hg.). Gott und Sinn. Im interdisziplinären Gespräch mit Volker Gerhardt. Seite 199 – 238 
2016 d: Die zeitlose Modernität des Christentums. In: Braune-Krickau / Scholl / Schüz (Hg.). Das Christentum hat ein Darstellungsproblem: Zur Krise religiöser Ausdrucksformen im 21. Jahrhundert. Seite 76 -108
2017 a: Religion unter dem Anspruch politischer Vernunft: Immanuel Kant.In: Hidalgo / Polke (Hg.). Staat und Religion. Zentrale Positionen zu einer Schlüsselfrage des politischen Denkens. 2017
2017 b: re-visionen. magazin. Volker Gerhardt im Gespräch mit Eckart Löhr. 2.11.2017 
2018:    Glauben als Partizipation am göttlichen Ganzen. Aspekte einer Theologie des humanen Sinns. Vortrag am 17.11. im München 

Weitere Quellen

- Henrich, Dieter. In Deutschlandradio Kultur: Der Gott im Ich. Der Philosoph Dieter Henrich verteidigt den Geist gegen naturwissenschaftliche Allmachtsansprüche. Von Marius Meller, 2008
- Kühnlein, Michael (Hg.): Gott und Sinn. Im interdisziplinären Gespräch mit Volker Gerhardt. 2016
- Kühnlein, Michael: Gott im Ganzen – der ganze Gott? Volker Gerhardt über die Selbstformel unseres Daseins. In: Kühnlein (Hg.) 2016, Seite 129–142
- Müller, Klaus: Der „Panentheistic Turn“ nimmt Fahrt auf. Überlegungen zur Transformation des Theismus in Volker Gerhardts philosophischer Theologie Der Sinn des Sinns. In: Kühnlein (Hg.) 2016, Seite 79–90












Samstag, 7. Juli 2018

Ein Mann der weiten Wege. Ein posthumes Porträt von Karl Kardinal Lehmann.


Einleitung


1. Biographisches


2. Lehmanns tiefe Gläubigkeit und seine Verankerung im II. Vatikanum


3. Das Phänomen Lehmann


- Lehman als Ausnahmepersönlichkeit
- Lehmann der Gerufene
- Lehmann, der geduldig Ungeduldige
- Die Institution Lehmann


4. Karl Lehmann der Überbrücker


5. Lehmann als Prellbock zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und Rom


6. Von Johannes XXIII. über Karl Lehmann zu Franziskus


Schluss





Ich widme diesen Beitrag meinem Großvater Anton Jaeger, der in unmittelbarer Nähe des Mainzer Doms gelebt und gearbeitet hat.


Einleitung


Karl Kardinal Lehmann, 33 Jahre lang Bischof der Diözese Mainz und 21 Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Ortsbischöfe, ist am 11. März 2018 von uns gegangen. Wer war dieser Karl Lehmann?

Im Alter von 57 Jahren charakterisierte er sich in einem KNA-Interview selbst: „Im Übrigen bin ich kein Typ, der schnell das Handtuch wirft. Zähigkeit und Ausdauer, Langmut und Unverdrossenheit sind neben Entschlossenheit und Ergreifen der Situation meine Lieblingstugenden, denen ich wenigstens nachjagen möchte. Ich habe in vielen Jahren gelernt, nicht so schnell aufzugeben.“


Die genannten Lieblingstugenden behielt Karl Lehmann sein Leben lang bei. Sie und viele andere Tugenden legten den Grund dafür, dass sich Karl Lehmann zu einem Ausnahmebischof entwickelte, der innerhalb und außerhalb der Kirche hochangesehen war und dessen Charisma kaum einen Menschen, dem er begegnete, unberührt ließ.


Als Kardinal Lehmann am 27.08.2017 seinen Nachfolger, Peter Kohlgraf, zum Bischof weihte, predigte er im Mainzer Dom: „Das Bischofsamt ist nicht zur persönlichen Ehre gegeben, sondern es ist eine Aufgabe, und der Bischof ist nicht dazu da, zu herrschen, sondern zu dienen.“
Diesen Anspruch hat Lehmann wie kaum ein Zweiter erfüllt. Er war Protagonist eines weltoffenen Katholizismus, der sich über den innerkirchlichen Bereich hinaus gesellschaftlichen Fragestellungen zuwandte, mit Nachdruck die Ökumene vorantrieb und sich für ein geeintes Europa mit christlichen Grundwerten einsetzte.


Trotz hohen Arbeitsdrucks und engem Terminkalender blieb er ein Seelsorger, der offen für die Anliegen der Menschen war, und ein Mensch, der seinen Humor nie verlor und auch in emotional aufgeladenen strittigen Auseinandersetzungen seinen freundlich-respektvollen Umgang mit den Menschen, mit denen er es zu tun hatte, beibehielt.


Auf den folgenden Seiten werde ich in mehreren Perspektiven Person und Wirken Karl Lehmanns zur Darstellung bringen.



Biographisches


Am 11. März, dem Sonntag Laetare (Freue dich!), ist Karl Kardinal Lehmann im 82. Lebensjahr an den Folgen eines Schlaganfalls, den er im Herbst 2017 erlitten hatte, gestorben. Über seinem Sterbebett hing das Bild der Johannesminne aus der Klosterkirche Heiligkreuztal in Oberschwaben.

Geboren wurde Karl Lehmann am 16. Mai 1936 in dem an der Oberdonau gelegenen Sigmaringen, bis 1945 zu den preußischen Hohenzollernschen Landen gehörend. Nach Nordwesten hin erstreckt sich die schwäbische Alb, nach Süden sind es 40 km bis zum Bodensee. Das Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen sorgte dafür, dass es 1821 dem Erzbistum Freiburg zugeteilt wurde, auch wenn das württembergische Rottenburg geographisch deutlich näher lag.

Seine Eltern kamen beide aus dem 15 km von Sigmaringen entfernten Ort Langenenslingen. Karl Lehmann sen. war Volksschullehrer, seine Frau Gretel Buchhändlerin. Die Liebe zum Buch – 120.000 Bücher im Mainzer Bischofshaus - und das Bestreben zum lebenslangen Erweitern seines Bildungshorizonts sind ihm wohl in die Wiege gelegt worden.

Die Familie Lehmann wurde durch die Zeit des Nationalsozialismus und den zweiten Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Dorfschullehrer Lehmann „ist in der Nazizeit sehr oft strafversetzt worden – wir waren insgesamt, glaube ich, in zwölf Gemeinden.“ (Interview Kirchenzeitung Mainz, Oktober 2013) An dem Tag, an dem der 6-jährige Karl einschult wurde, wurde sein Vater zur Wehrmacht eingezogen. Seine erste heilige Kommunion empfängt er am 8. April 1945 in aller Frühe, denn die Front ist nahe und man musste wegen der alliierten Jagdbomber Vorkehrungen treffen. Wegen des Krieges ist sein Vater nicht anwesend; die Familie hat seit Wochen nichts mehr von ihm gehört. 2013 erinnert Kardinal Lehmann: „Nie werde ich die zögerlichen Schritte des Briefträgers vergessen, als er der Großmutter vier Wochen nach der Hochzeit die Nachricht vom ‚Heldentod‘ des Ältesten und des Erben des Bauernhofes überbrachte, er war auch mein geliebter Taufpate.“ (Dankesrede bei einer Preisverleihung an der Uni Salzburg) Zudem kehrte ein weiterer Bruder seiner Mutter aus dem Krieg nicht zurück. Man kann sich vorstellen, wie groß die Erleichterung war, als Karl Lehmann sen. – wie aus dem Nichts – im Juni 1945 in Langenenslingen auftauchte.

Im Alter von 12 Jahren wird Karl Lehmann in die zweite Klasse des Staatlichen Gymnasiums Sigmaringen aufgenommen und zieht in das erzbischöfliche Knabenkonvikt St. Fidelishaus ein. Der Konviktler lernt Latein, Griechisch, Hebräisch und Französisch. Zwei Jahre später folgt sein Bruder Reinhold nach. Als die Lehmann-Brüder 1951 beinahe aus finanziellen Gründen das Gymnasium verlassen müssen, gelingt es dem Vater auf eine Stelle in Veringenstadt zu wechseln. Von dort aus ist Sigmaringen in 20 Bahnminuten erreichbar.

Als Fahrschüler ist Karl Lehmann so ab 14 Uhr zuhause und hat Gelegenheit seine sportlichen Ambitionen auszuleben – Vereinsfußball als Stürmer, Fünfkampf, Turnen, Skifahren. Von daher wundert es nicht, dass beim Einzug des FSV Mainz 05 in die erste Bundesliga im Jahr 2004 eine Vereinsfahne aus dem Fenster des Bischofshauses hing. In der Pfarrgemeinde St. Nikolaus wird Karl Ministrant, Jugendgruppenleiter und ist natürlich häufig in der Pfarrbücherei zu finden.

Ein Lehrer wurde für Karl Lehmann prägend: Prof. Dr. Rudolf Nikolaus Maier. Bei ihm lernte er nicht nur Deutsch, Französisch und Philosophie, sondern dieser führte ihn auch an die Grundfragen des Menschseins heran und veranlasste ihn, Romano Guardini, Josef Pieper und Max Picard, aber auch moderne deutsche Literatur zu lesen.

Bereits als 19-jähriger hatte der Oberprimaner das berufliche Ziel, sich in den Dienst von Gott und den Menschen zu stellen. Lehmann studierte ein Jahr in Freiburg und sieben Jahre in Rom Theologie und Philosophie und erwarb zwei Doktorgrade. Am 10. Oktober 1963 wurde Karl Lehmann durch Julius Kardinal Döpfner – ein weiterer wichtiger Mentor - in Sant’ Ignazio, der zweiten Hauptkirche der Jesuiten in Rom, zum Priester geweiht. Ab 1962 arbeitete er im Kontext des II. Vatikanums Prof. Karl Rahner SJ zu, der ihn ab 1964 zu seinem wissenschaftlichen Assistenten am Seminar für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie der Ludwig Maximilians-Universität München machte.
Mit 32 Jahren übernahm Karl Lehmann den Lehrstuhl für Dogmatik und Theologische Propädeutik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und folgte drei Jahre später einem Ruf an die Katholisch-Theologische Fakultät der Albert Ludwigs-Universität seiner Heimatdiözese Freiburg.

1983 wurde Karl Lehmann durch Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Mainz ernannt. 1987 wurde er überraschend zum Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz gewählt und nach jeweils 6 Jahren drei Mal in diesem Amt bestätigt.

Am 21.02.2001 wird der Mainzer trotz seines jahrelangen Kampfes mit Rom ins Kardinalskollegium aufgenommen. Im Februar 2008 musste der Vorsitzende der deutschen Ortsbischöfe aus gesundheitlichen Gründen von diesem Amt zurücktreten. Beim Konklave 2013 konnte Kardinal Lehmann mit dazu beitragen, dass der Argentinier Jorge Mario Bergoglio SJ zum Papst gewählt wurde. Zum 80. Geburtstag (16. Mai 2016) nahm Papst Franziskus sein altersbedingtes Rücktrittsgesuch an. 

Am 27. August 2017 war es dem emeritierten Bischof vergönnt, Professor Peter Kohlgraf zu dem ihm nachfolgenden Bischof von Mainz zu weihen und damit das Bistum in gute Hände zu übergeben. Diesem erzählte er von seinem Vorhaben, etwas Umfangreicheres über Romano Guardini zu schreiben, wozu es leider nicht mehr gekommen ist.


Karl Lehmanns tiefe Gläubigkeit und seine Verankerung im II. Vatikanum



Als Karl Lehmann am 23. Juni 1983 im Alter von 47 Jahren von Johannes Paul II. zum Bischof der Diözese Mainz ernannt wurde, wählte er als seinen episkopalen Wahlspruch einen Vers des Apostels Paulus aus: „Seid wachsam, steht fest im Glauben, seid mutig, seid stark!“ (1. Kor 16.13) Er griff damit auf ein Leitbild zurück, das für ihn schon immer galt, und dem er bis an sein Lebensende treu blieb. Die Wachsamkeit war ihm bereits in die Wiege gelegt, wie man einer Notiz seiner Mutter Gretel entnehmen kann: „Sehr lebhafter Blick nach der Geburt.“ Bodenständigkeit, Festigkeit und Beharrlichkeit gehören zu seinen Charaktereigenschaften, allerdings nie in der Fehlform einer Verknöcherung, sondern immer offen für das Neue und in dem Bewusstsein, dass das als Gute erkannte sich nur in der Veränderung bewahren lässt. 

Kardinal Walter Kasper bringt das in seiner Laudatio zum 70. Geburtstag Lehmanns so zum Ausdruck: „Natürlich ist Kardinal Lehmann bis auf die Knochen (und noch viel tiefer) konservativ, wenn es darum geht die grundlegenden menschlichen Werte und den überlieferten Glauben zu bewahren. Aber er weiß auch: Bewahren kann man nur durch bewähren, durch konstruktive Auseinandersetzung und durch geduldigen Dialog. Darin wiederum ist Karl Lehmann ganz progressiv.“ 

Was Mut und Entschlossenheit anbetrifft, so ist Karl Kardinal Lehmann für mich und für viele – auch nicht-katholische Menschen – ein beeindruckendes Vorbild, dessen innere Stärke sich in der fast biblischen Auseinandersetzung des Davids Lehmann mit dem Goliath Rom zeigte, als er sich Ende der 90er Jahre als Verhandlungsführer der großen Mehrheit der deutschen Ortsbischöfe für die Fortführung der Arbeit der katholischen Schwangerenkonfliktberatungsstellen innerhalb des staatlichen Systems der BRD einsetzte. Am Ende hatte er sich 1999 einem Machtwort Papst Johannes Pauls II. zu fügen und zeigte aus meiner Sicht seine Größe in der Niederlage, indem er trotz öffentlicher Düpierung bis 2008 Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz blieb. Lehmanns Biograph Daniel 
Deckers schreibt in seinem Nachruf in der FAZ:
Immer wieder und zuletzt bei dem
 „Streit über den Verbleib der katholischen Kirche in Deutschland in der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung … wurde der grenzenlos in die Macht des besseren Argumentes Vertrauende eines Besseren belehrt, ohne dass er darüber bitter wurde.“ 

Man könnte sich fragen, warum Lehmann zeitlebens bei seinem Engagement für die Kirche auf den vernunftgeleiteten Dialog und auf tiefschürfende Begründungen setzte, obwohl er – wie er in einem Nachwort von 2016 lapidar konstatiert – Jahrzehnte lang an innerkirchlichen Konfliktthemen arbeitete, „ohne dass es bisher zu nennenswerten Ergebnissen kam.“ (2016, S. 262) Seine Antwort: Wir kommen von weit her und sind bei allen aktuellen Aufgeregtheiten dem Heute nicht ausgeliefert. Der Glaube, die Theologie und die Spiritualität verleihen uns den langen Atem, um ernsthafte und gediegene Reformen bewerkstelligen zu können. „Geduld und Ungeduld gehören hier auf eine seltsame Weise zusammen.“ (S. 263)

Neben seiner auf einem unerschütterlichen Glauben beruhenden Zuversicht waren es seine unmittelbaren Erlebnisse im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil und seine Identifikation mit dessen Grundideen, die ihn zum unermüdlichen Kämpfer für eine dynamische Kirche machte, die mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute“ (Gaudium et spes, 1) in enger Verbindung steht.


Im Sommer 1957 ergriff der Priesteramtskandidat Lehmann die Gelegenheit, sein in Freiburg begonnenes Studium in Rom im „Deutsch-Ungarischen Kolleg“ – dem Germanikum – fortzusetzen. Gut ein Jahr später wurde der 78-jährige Angelo Giuseppe Roncalli zum Papst gewählt, der bereits im Januar 1959 als Johannes XXIII. ein Konzil ankündigte. Der „Frate rossi“ – so wurden die Germaniker wegen ihres roten Gewandes genannt - war von Anfang an vor Ort dabei und erlebte insbesondere die Zeit zwischen Ankündigung und Beginn des Konzils (1962) als spannend und aufregend. In dieser vorkonziliaren Phase gaben sich die Spitzen der Theologie und des Weltepiskopats in Rom die Klinke in die Hand und es entstand eine dynamische Aufbruchsstimmung. 


Zwei der Persönlichkeiten, die im Germanikum Quartier nahmen, sollten auf dem weiteren Lebensweg von Karl Lehmann eine besondere Rolle spielen: Der von Johannes XXIII. 1958 in den Kardinalsstand erhobene Altgermaniker Julius Döpfner – von 1961 bis 1976 Erzbischof von München und Freising - und der in Rom misstrauisch beäugte Jesuit und Dogmatiker Karl Rahner, später als Jahrhunderttheologe apostrophiert. 

Für die damalige Zeit konziliaren Aufbruchs ist typisch, was Lehmann im November 1962 erlebte, als er seine philosophische Doktorarbeit verteidigte. Üblicherweise hätte der Promovend im Schlusskapitel den aus höherer katholischer Warte begrenzten Horizont des behandelten Phlilosophen – in diesem Fall Heidegger – herausstellen müssen. Lehmann wagte es, sich auf immanente Kritik zu beschränken, und hatte es der neuen Zeit zu verdanken, dass er nicht nacharbeiten musste. 

Aus meiner Sicht sind es vier zentrale Begriffe des Konzils, die das repräsentieren, was Lehmanns konziliare Ausrichtung ausmacht: Aggiornamento, Zeichen der Zeit, Communio 
und Synodalität.

Das Bild der weit aufgerissenen Fenster versinnbildlicht treffend das, was mit Aggiornamento (Verheutigung) gemeint ist. Die müde gewordene Kirche war auf frischen Wind angewiesen, um wieder Anschluss an die Gegenwart zu gewinnen. Dies war die Voraussetzung dafür, um Zukunft mitgestalten zu können. Für Karl Lehmann charakteristisch war sein entschiedenes Ja zur Gegenwart. 
Lehmanns nicht nachlassender Eifer, seinen Bildungshorizont zu erweitern, war kein Selbstzweck, sondern sollte ihn dazu befähigen, die „Zeichen der Zeit“ zu lesen. Ihm ging es darum, drängende Themen in Kirche und Gesellschaft zu identifizieren, zu benennen 
und anzupacken. 

Die als Communio (Gemeinschaft) bezeichnete Kirche ist „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen Gentium, 1) Ein solches Verständnis umfassenden Austausches liegt Lehmanns Maxime zugrunde, auf den offenen und fairen Dialog zu setzen, der die verschiedenen Perspektiven mit einbezieht, um am Ende einen tragfähigen Konsens zu erzielen. 
Während der Konzilszeit erlebte Lehmann mit, wie Synodalität von den Bischöfen der Weltkirche gegen eine ihre Macht mit Klauen und Zähnen verteidigende römische Kurie erkämpft wurde. Die katholische Kirche Deutschlands hat nach einem turbulenten Katholikentag 1968 in Essen mit konziliarem Elan eine Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971–75) auf den Weg gebracht, die sichtbares Zeichen des Aufbruchs des Volkes Gottes sein sollte.  

Die Kirchenversammlung in Würzburg traf sich zu acht Sitzungsperioden und bestand aus rund 300 Delegierten – Bischöfen, Priestern und Laien -, die alle Stimmrecht hatten. Die etwa 50 Bischöfe erhielten ein präzise definiertes Vetorecht. Nachdem Kardinal Julius Döpfner wusste, was einem Karl Lehmann zuzutrauen war, beauftragte er ihn schon in der Auftaktphase, die Arbeit der Synode zu strukturieren. Eine Erfahrung, die Lehmann schon beim Konzil gemacht hatte, vertiefte sich während der Synode: „Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, auch wenn man sehr unterschiedliche Positionen vertritt, und bei aller Unterschiedlichkeit doch in Dialog und Disput einzutreten, kann Wunder wirken …Das ist ein Lehrstück gewesen: man kann auch mit Leuten zurechtkommen, bei denen man es vorher nicht vermutet hat.“ (2016, S. 24) 

Die Synodenerfahrungen haben sicher ihren Anteil an der herausragenden Kommunikationskompetenz des späteren Bischofs Lehmann, der, nachdem er 1987 zum Vorsitzenden der Deutschen Ortsbischöfe gewählt wurde, dieses Amt bis zu seinem 
gesundheitlich erzwungenen Rücktritt 21 Jahre lang ausübte.



Das Phänomen Lehmann


Karl Lehmann als Ausnahmepersönlichkeit

Es gibt viele Zeitgenossen, die davon berichten, dass eine Begegnung mit Karl Lehmann
sie in besonderer Weise beeindruckte. Das kommt nicht von ungefähr, denn das Zusammenspiel von positiven menschlichen Eigenschaften, besonderen Talenten und klarer Lebensausrichtung machten ihn zu einer charismatischen Persönlichkeit.

Der junge Student in Freiburg und Rom imponierte als Überflieger. Im Sommer 1962 vollendete Karl Lehmann seine philosophische Dissertation „Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers“, die einen Umfang von 1500 Seiten hatte. Deren Qualität veranlasste seinen ehemaligen Philosophielehrer Max Müller, ihm vorzuschlagen, dieses Werk in zwei Teilen bei ihm einzureichen und damit Promotion und Habilitation zugleich zu erlangen. Doch Lehmanns wissenschaftliche Ambitionen galten der Theologie, was ihn allerdings nicht davon abhielt, zeitlebens den aktuellen philosophischen Diskurs mitzuverfolgen.


Im Frühjahr 1967 gelang es Lehmann, neben seiner hochbeanspruchendenden Tätigkeit als Assistent von Karl Rahner, innerhalb weniger Monate seine theologische Dissertation „Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift“ zu erstellen. Zu der von der Gregoriana in Rom mit summa cum laude bewerteten Arbeit sagte Walter Kardinal Kasper, dass Lehmann mit einer exegetischen Detailkenntnis beeindruckt hätte, „wie sie damals ganz außergewöhnlich war und wie sie noch heute nur wenige Systematiker aufweisen können.“ (Laudatio zum 70. Geburtstag)


Lehmann führte gewissermaßen in einer Person zwei Leben. „Schon als Hochschullehrer war Karl Lehmann immer auch kirchenpolitischer Akteur, als Bischof und Konferenzvorsitzender ist er Professor geblieben“ (Ruh, 2001). Er war ein wissenschaftlicher und kirchenpolitischer Generalist, der trotz der Vielzahl der von ihm bearbeiteten Themen (über 4000 Publikationen) nie an der Oberfläche blieb, sondern sie bis zu deren Grund durchdrang. Dies gelang ihm, weil er ein unermüdlicher Arbeiter war, er über eine „brillante Gedanken- und Gedächtniskraft“ (Fuchs, 2018) verfügte und er in den Nächten Berge von Literatur verarbeitete. 


Im Umgang mit Menschen hatte Lehmann keinerlei Berührungsängste. Er war von Haus aus uneitel und ging auf die Menschen offen, aufmerksam und freundlich zugeneigt zu. Mit seiner markanten Stimme und seinem herzerfrischenden Lachen, seiner Fähigkeit zuzuhören und über alles Mögliche ins Gespräch zu kommen, war er ein gern gesehener Gast - im kleinen Kreis wie auch auf großen Bühnen. Er überzeugte nicht nur durch seine intellektuellen und diplomatischen Fähigkeiten und seine Leitungskompetenz, sondern er ‚berührte mit seinem weiten Herzen die Menschen in der Seele‘ (Bedford-Strohm, 2018).


Philipp Gessler bekennt bei seinem Nachruf in der TAZ, dass ihm bei Karl Kardinal Lehmann nicht gelungen ist, was zum journalistischen Habitus gehört – nämlich kritische Distanz zu halten. „Ich fand diesen Mann, sobald ich das erste Mal über ihn las und erst recht, sobald ich ihn das erste Mal interviewen konnte, schlicht großartig und liebenswert. Und er vertrat immer den Teil meiner Kirche, der lange Jahre im Hintertreffen war, obwohl er, meiner Meinung nach, auf der richtigen Seite stand.“ 


Für viele aufgeschlossene Katholiken war der Ausnahmebischof mit seiner frischen und lebensnahen Art zu denken ein geistiger und geistlicher Zufluchtsort. (vgl. Öhler 2016) 


Lehmann der Gerufene

Lehmann hatte es nie nötig, sich in Szene zu setzen oder nach vorn zu drängen, um eine bestimmte Position zu erringen.

Als der Freiburger Erzbischof Eugen Seiterich ihm nach einem Jahr Studium anbot, seine Ausbildung in Rom fortzusetzen, lag es ihm fern, an eine innerkirchliche Karriere zu denken. Das Studium in Freiburg entsprach eigentlich genau seinen Vorstellungen, und so war der ausschlaggebende Grund für den Wechsel an die Päpstliche Universität Gregoriana, dass er als Stipendiat seine Eltern finanziell entlasten konnte.

1959 schlugen seine Philosophieprofessoren ihn für eine Dissertation vor, was gar nicht im Sinne des Germanikers war, da es ihn in die Seelsorge zog. Er promovierte dann auf Anordnung des Freiburger Erzbischofs Schäufele.

Die Zusammenarbeit mit Karl Rahner von 1962 bis 67 ergab sich daraus, dass Rahner sehr schnell erkannte, wie vielfältig Lehmann einsetzbar und wie belastbar er war.


Lehmann war noch in der Planungsphase für seine Habilitation, in der er dem „verborgenen Gott“ nachspüren wollte, als ihm 1968 bereits der Lehrstuhl für Dogmatik und Theologische Propädeutik in Mainz angeboten wurde. Möglich war dies, weil Joseph Ratzinger und Karl Rahner Gutachten lieferten. Bereits 1971 konnte es sich der junge Professor aussuchen, ob er in Mainz bleibt oder nach Münster oder Freiburg wechselt. Ausschlaggebend für seine Entscheidung für Freiburg waren Bindungen zu seiner Heimatdiözese und ein für Lehmann erfreuliches Ergebnis bei den Berufungsverhandlungen: Die Einrichtung eines kleineren Ökumenischen Instituts. Das führte dann zu einer Erweiterung des Lehrstuhls für Dogmatik um das Gebiet Ökumenische Theologie.

Ab 1969 zog der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Döpfner, den Mainzer Professor immer stärker für verschiedene Aufgaben heran. Lehmann sollte die Würzburger Synode (1971 -75) konzipieren und wurde Berater der Glaubenskommision der Deutschen Bischofskonferenz.

Seit 1983 gab es ein neues Kirchenrecht, und das sah eine Stellvertretung für den Vorsitzenden der Ortsbischöfe vor. Das Gremium stellte 1985 dem 77 Jahre alten Kölner Erzbischof Joseph Höffner, den mit 49 Jahren jüngsten Ortsbischof Karl Lehmann zur Seite. Zwei Jahre später ist das Amt des Vorsitzenden neu zu besetzen, das nach traditioneller Gepflogenheit auf den Erzbischof von München und Freising, Kardinal Wetter, zugekommen wäre. Doch die Konferenz ist anderen Sinns und ruft den Bischof von Mainz an die Spitze.

Lehmann der geduldig Ungeduldige

Lehmann war Realitäts- und Menschennah und wusste aus direkten Gesprächen, wo die Gläubigen der Schuh drückte. Für ihn war selbstverständlich, dass die Gesetze für den Menschen und nicht der Mensch für das Gesetz da zu sein hatte. Gemäß dieser Maxime war die kirchliche Lehre stets am gelebten Leben zu messen. (Vgl. ÖAK, Nachruf 2018)

Als Seelsorger, als der sich Lehmann immer verstand, nahm er wahr, wenn bestimmte Anliegen in der Amtskirche keinen Widerhall fanden und pastorale Probleme ungelöst blieben. Als Theologe von Rang wusste er die katholische Lehre auszudeuten und Möglichkeitsräume aufzuspüren. Als Kirchenpolitiker war ihm bekannt, wie Problemlösungen auf den Weg zu bringen waren.

In der Würzburger Synode kämpfte er für die Laienpredigt und den Diakonat der Frau. 1987 verteidigte er die Königsteiner Erklärung, und 1994 macht er sich mit zwei Bischofskollegen daran, für die Nöte von wiederverheiratet Geschiedenen Lösungen anzubieten. Im ökumenischen Bereich räumt er in theologischer Kleinarbeit trennende Hindernisse zur Seite und bei der gesetzlichen Neuregelung der Abtreibungsproblematik stellt er sich an die Seite der Frauen und engagiert sich für den Schutz des ungeborenen Lebens. Noch nicht erwähnt habe ich den Zölibat, die „viri probati“ und weitere Themen.

Was hat der Bischof von Mainz erreicht? Andreas Öhler (2016) fasst dessen Bemühungen in ein drastisches Bild: „Kardinal Lehmann war der Sisyphos unter den deutschen Bischöfen. Unermüdlich rollte er seinen ihm zugelosten Stein den Felsen Petri hinauf.“

Was an dem Bild stimmt, ist, dass Karl Lehmann beharrlich die Aufgaben anpackte, die aus seiner Sicht dran waren und sich dabei von möglichen Misserfolgen nicht abhängig machte. Was das Bild nicht vermittelt, ist, dass sein Tun nicht vergeblich war. Lehmann war ein Hoffnungsträger, der vielen Gläubigen vorlebte, dass Katholizität auch etwas anderes bedeuten kann als blinder Gehorsam und reine Lehre. (vgl. Florin 2018) Und er zeigte auf, worauf es ankommt, nämlich mit sich selbst und Gott im Reinen zu sein, auch wenn man zwischen allen Stühlen sitzt und von Schlägen aus verschiedenen Richtungen getroffen wird. Lehmann hat sich immer als Diener im Auftrag des Herrn verstanden, der die Seinen nicht im Stich lässt und alles zu einem guten Ende führen wird. Dass der Kardinal 2013 daran mitwirken konnte, dass ein neuer Papst „vom anderen Ende der Welt“ auftaucht, der dann seine Agenda fortführt, damit war gleichwohl nicht zu rechnen.

Die Institution Lehmann


Bei seiner Homage zu Lehmanns 70. Geburtstag bezeichnete Kardinal Walter Kasper den Jubilar treffend als „Institution“. Für diesen Ehrentitel würde allein sein Wirkungszeitraum von 33 Jahren als Diözesanbischof und 21 Jahren als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz hinreichen. Zum Ausdruck kommt damit aber vor allem die einzigartige Qualität und Quasi-Unersetzbarkeit des Mainzers, der sich unerschrocken innerkatholischen, interkonfessionellen oder gesellschaftlichen Konfliktfeldern zuwandte und mit seiner Kompetenz, Beharrlichkeit und Dialogfähigkeit an vielen zukunftsweisenden Entwicklungen und Lösungen großen Anteil hatte.

Seine nicht wenigen Gegner sahen das anders, gaben ihm aber die Ehre mit der abschätzig gemeinten Wortschöpfung „Lehmann-Kirche“. Der Begriff kam auf, als der Vorsitzende der deutschen Ortsbischöfe Ende der 90er Jahre für die weitere Mitwirkung von katholischen Schwangerenberatungsstellen innerhalb des staatlichen Systems kämpfte. Seine Kritiker unterstellten im Verbandelung mit der Politik, Verweltlichung und Verdunkelung des kirchlichen Zeugnisses. Seine differenzierten Stellungnahmen wurden ihm als laxes Ausweichen vor Eindeutigkeit und klarem Urteil ausgelegt.

Letztlich wurde Lehmann stellvertretend für alle die Katholiken angegriffen, die Probleme mit einer zentralistischen und autokratischen Kirche hatten, die die Diskussion von Reformanliegen per Dekret von oben unterband. Wer sich je mit dem Bischof von Mainz beschäftigt hat, kann ihm seine Spiritualität, seine Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen und seine Bereitschaft, mit langem Atem nach Lösungen zu suchen nicht absprechen.

Welch respektable Verdienste sich Kardinal Lehmann erworben hat, hat Kardinal Walter Kasper in der schon erwähnten Rede ausbuchstabiert: 
„Kardinal Lehmann hat seine Stimme erhoben für das Leben, das geborene wie das ungeborene, für die Würde der Kranken, der Behinderten, der Sterbenden und das Recht auf den natürlichen Tod. Er hat sich eingesetzt für Ehe und Familie, für die Frauen, für soziale Gerechtigkeit, für Frieden, für Toleranz und gegenseitigen Respekt zwischen den Religionen; immer hat er zu Verständigung und Versöhnung aufgerufen. Auch an komplizierte Themen wie die der Bioethik wagte er sich heran und das mit erstaunlicher Sachkenntnis. Immer hat er klar, aber auch verbindlich gesprochen. So ist Kardinal Lehmann auch in seinen öffentlichen Stellungnahmen ein Mann des Dialogs geblieben und damit geradezu zu einer öffentlichen Institution geworden.“ 

Von Nikolaus von Kues stammt ein Satz, der dem Phänomen Lehmann durchaus angemessen ist: „Die Größe eines Menschen zeigt sich darin, wie viele Gegensätze er in sich vereinigt.“

Karl Lehmann der Überbrücker


Im Jahr 2013 gab Kardinal Lehmann bei einer Dankesrede preis, welche Erwägungen in 
umtrieben, bevor er im Juni 1983 sein Ja-Wort zur Übernahme des Bischofsamtes in Mainz gab.
„Die Aufgabe, Brücken zu bauen, wo keine Pfeiler mehr erkennbar waren, war eine Aufgabe, die nach meiner Überzeugung den Theologen und das bischöfliche Amt forderte, brauchte und stützte – und zwar auch in derselben Person.“
Im Bild der eingestürzten Brücke könnte zweierlei zum Ausdruck kommen. Zum einen war es in der nachkonziliaren Zeit zu einer zunehmenden Entfremdung von akademischer Theologie und oberstem kirchlichem Lehramt gekommen, zum anderen war 1981 das nachsynodale Schreiben Familiaris consortio von Johannes Paul II. erschienen. Darin bekräftigt der Papst die Aussagen von Humanae vitae von 1968 zur Empfängnisregelung – die geschlechtliche Vereinigung wird „durch die Empfängnisverhütung zu einer objektiv widersprüchlichen Gebärde“ (FC 32) – und er „verbietet es jedem Geistlichen, aus welchem Grund oder Vorwand auch immer, sei er auch pastoraler Natur, für Geschiedene, die sich wiederverheiraten, irgendwelche liturgischen Handlungen vorzunehmen.“ (FC 84) 
Die Empfängnisverhütung betreffend, waren die deutschen Ortsbischöfe unter Führung von Kardinal Julius Döpfner mit der Königsteiner Erklärung vom August 1968 einen von der römischen Linie abweichenden Weg gegangen, um eine Spaltung des deutschen Kirchenvolks zu verhindern, und zur Pastoral wiederverheiratet Geschiedener hatte sich Lehmann bereits 1972 geäußert. „Jeder Seelsorger und viele Katholiken kennen das dornenreiche Problem: Gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen gelangt die pastorale Sorge rasch in eine fast unausweichliche Sackgasse.“ (Unauflöslichkeit der Ehe und Pastoral für wiederverheiratete Geschiedene)
Wer bei dem Vorhaben Brückenbauen ohne manifeste Pfeiler denkt, hier leide jemand an Selbstüberschätzung, kennt Karl Lehmann nicht. Der Hohenzoller hat immer wieder Problemstellungen, die nach einer Lösung verlangten, unerschrocken angepackt und dabei nicht nach den Erfolgsaussichten gefragt, sondern auf seine intellektuellen und kommunikativen Fähigkeiten vertraut und seine Hartnäckigkeit und seine auf Gottvertrauen beruhende Zuversicht in die Waagschale geworfen.
Als jemand, der sich das Generalthema des Konzils „Ecclesia ad intra et ad extra“ (Blick auf das Wesen der Kirche nach innen und auf ihre Stellung und Sendung nach außen) zu eigen gemacht hatte, sah sich Lehmann als Mann des Dialoges in alle Richtungen gefordert. Nach innen ging es darum, eine Kompromisslinie zwischen vorwärtsdrängenden Erneuerern und restaurativen Kräften zu finden und nach außen galt es, in den Diskurs mit Gesellschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft einzutreten. Ein Hauptanliegen, dem sich Lehmann über Jahrzehnte verschrieb, war der ökumenische Dialog.
Das Ringen um Konsense kannte Lehmann aus der Zeit der Würzburger Synode (1971-75), die sich zur Aufgabe gestellt hatte, das II. Vatikanum in die deutschen Verhältnisse hinein zu konkretisieren. Lehmann wirkte als gewählter Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) schon bei der Vorbereitung mit, war während der Synode inhaltlich bei dem Thema Laienpredigt in der Messe federführend und entwickelte sich mehr und mehr zur rechten Hand des Präsidenten dieser innovativen Kirchenversammlung, Julius Kardinal Döpfner. Bei Themenstellungen mit nationaler Zuständigkeit brachte die Synode einiges voran, wohingegen Themen, die nur in Form eines Votums an den Heiligen Stuhl eingebracht werden konnten – wie Laienpredigt und Diakonat der Frau - stecken blieben. Das wichtigste Gremium, das aus der Synode hervorging, war die Gemeinsame Konferenz  – 10 Bischöfe und 10 Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken trafen sich zwei Mal im Jahr. Lehmann war hier 40 Jahre Mitglied und wirkte brückenbildend zwischen katholischen Laien und kirchlichen Amtsträgern. 
Als Ende 1988 Papst Johannes Paul II. gegen das Metropolitan-Kapitel Kölns den Berliner Kardinal Meisner auf den erzbischöflichen Stuhl gehievt hatte, verfassten Theologieprofessoren ein Memorandum – Kölner Erklärung -, mit dem sie gegen die Überdehnung römischer Machtausübung protestierten und das weltweit von über 700 Theologinnen und Theologen unterzeichnet wurde. Lehmann machte aus der Not eine Tugend und überbrückte die Kluft zwischen akademischer Theologie und dem kirchlichen Lehramt, indem er die Mainzer Gespräche einrichtete. Das von ihm bis ins Jahr 2018 geleitete Forum fand regelmäßig halbjährlich statt.
Mit dem Fall der Mauer 1989 war Lehmann der richtige Mann an der richtigen Stelle, denn es ging darum, die katholischen Kirchen von Ost- und Westdeutschland zusammenzuführen. Er war vor Ort sehr präsent, an erster Stelle, um zuzuhören und zu lernen; Besser-Wessi-Attituden lagen ihm fern. Die anstehenden Entwicklungen begleitete er sachbezogen und umsichtig abwägend.
Lehmanns Engagement für die Ökumene begann bereits 1969, als er als junger Dogmatik-Professor in Mainz in den seit 1946 bestehenden Ökumenischer Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) berufen wurde. Motiviert war er weniger aus theologischem Interesse, sondern weil er die Nöte der von Mischehen – so die damalige Bezeichnung – Betroffenen wahrnahm. In seiner Dankesrede 2013, gab er über die Richtschur seines ökumenischen Wirkens Auskunft. „Vorurteile abbauen, wo es nur möglich ist; den Reichtum anderer anerkennen; das Verständnis eigener Überzeugungen fördern; praktische Zusammenarbeit erweitern.“ Insbesondere in den 80er Jahren erwarb sich Lehmann Verdienste, als die Aufarbeitung der wechselseitigen Lehrverurteilungen der Konfessionen in Angriff genommen wurde. Von dem 1986 vorgelegten 200-Seiten-Papier Lehrverurteilungen - kirchentrennend machte der Rechtfertigungsteil Karriere, indem er 1999 zum Augsburger Beschluss wurde. Die Themenbereiche Eucharistie und Amt blieben allerdings außen vor. Lehmanns Resümee 2016 („Mit langem Atem“) fällt eher ernüchternd aus: „Was die Theologie erarbeitet hat, muss ja, wenn es fruchtbar werden soll, auch vom verantwortlichen Amt in der Kirche aufgenommen werden … Da ist aber theologisch viel vorgearbeitet worden, was nachher einfach brach liegen blieb.“ Umso größer war die Freude des Ökumenikers, als er im gleichen Jahr als erster und einziger Katholik in Anerkennung seiner Verdienste die höchste Auszeichnung, die die evangelische Kirche zu vergeben hat, entgegennahm, die Martin-Luther-Medaille.

Lehmann als Prellbock zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und Rom 


Eine erste Friktion zwischen Karl Lehmann und Rom gab es bereits im Jahr 1977. Der Freiburger Erzbischof Hermann Schäufele war im Juli gestorben und das Domkapitel, angeführt von Generalvikar Robert Schlund, sah in dem 41-jährigen Karl Lehmann den allseits erwünschten Kandidaten für das frei gewordene Amt. Schlund kannte Lehmann aus den Jahren 1956/57, als dieser Student und er Direktor des Theologenkonvikts Borromäum in Freiburg war. Lehmanns Name war einer von Dreien, die auf einer Liste standen, die nach Rom zu schicken war. Als die römische Terna zurückkehrt, ist der Name Lehmann gestrichen. Anschließende Recherchen ergaben, dass weder beim apostolischen Nuntius noch im vatikanischen Staatssekretariat – Lehmann wurde am 26.03.1979 Päpstlicher Ehrenprälat - etwas gegen Karl Lehmann vorlag. Lehmanns Biograph deutet an, dass es an der Freiburger theologischen Fakultät Gegner des Dogmatik-Professors gab, die sich diskret bei den entsprechenden Hierarchen in Rom gemeldet hätten. Nach meiner Einschätzung reichte Lehmanns dezidiertes Engagement für unerwünschte Neuerungen in der Kirche – während der Würzburger Synode (1971–75) – völlig aus, um ihn am Tiber zur Persona non grata werden zu lassen.

Dass Lehmann am 5. Juni 1983 das Amt des Bischofs von Mainz angetragen wurde, ist darauf zurückzuführen, dass der bisherige Amtsinhaber, Kardinal Hermann Volk, sich in Rom für den gewünschten Nachfolger stark machte. Johannes Paul II. war – bevor er Papst wurde - dreimal in Mainz, und in dieser Zeit war zwischen Kardinal Volk und dem Krakauer Kardinal Wojtyla eine Freundschaft entstanden. 

Dem Auserkorenen fiel es alles andere als leicht, sein Professoren-Dasein in Freiburg und seine akademischen Zukunftspläne aufzugeben. Aber sein Versprechen – „adsum“ („ich bin bereit“) -  bei der Priesterweihe, sich der Kirche zur Verfügung zu stellen, wog für ihn schwerer als seine persönlichen Präferenzen. Ein mit ausschlaggebender Gesichtspunkt für seine Entscheidung, sich in die Pflicht nehmen zu lassen, war folgender: 
„Die Stunde der Kirche brauchte Bischöfe, die vom Konzil überzeugt und in der Lage waren, sich in die unvermeidlichen Auseinandersetzungen zu stellen. Darin hatte ich Erfahrung.“ (Lehmann, Dankesrede 2013) 
Lehmann war aufgrund seiner Synodenerfahrung und seines engen Kontaktes zu Kardinal Döpfner – den er als väterlichen Freund bezeichnete und dessen Konzilsring er von seiner Bischofsweihe an trug - sehr bewusst, dass der Kampf mit Rom weiterhin auf der Tagesordnung stand.

„Spannungen zwischen Rom und Deutschland haben Tradition. Schon beim Ersten Vatikanischen Konzil 1870 waren die deutschen Bischöfe gegen die Unfehlbarkeit des Papstes. Gut ein Jahrhundert später standen die Beziehungen wieder unter Hochspannung.“ (Florin, Nachruf 2018)

Am 25. Juli 1968 – der gleiche Tag, an dem Lehmann als Ordinarius an die Johannes 
Gutenberg-Universität in Mainz berufen wurde – wurde die Enzyklika Humanae vitae Pauls VI. veröffentlicht. „Die Antwort der Enzyklika schlug in Deutschland ein wie eine Bombe, denn die Erwartung war in eine ganz andere Richtung gegangen.“ (Karl Kardinal Lehmann 1993; 2006, S. 176) Die seelsorgliche Praxis in Deutschland hatte „die Wahl der Methoden verantwortlicher Elternschaft weitgehend dem Gewissensurteil der Eheleute überlassen.“

Mit Humanae vitae verbot Papst Paul VI. kraft authentischer Lehrentscheidung Eheleuten den Gebrauch von „künstlichen“ Empfängnisverhütungsmitteln. Der gesellschaftliche Protest der 68er gegen überkommene Autoritäten fand jetzt seinen Angriffspunkt in der katholischen Kirche. Der deutsche Episkopat reagierte rasch auf die brisante Lage und formulierte am 30.08.1968 in der sogenannten Königsteiner Erklärung:
„Wer glaubt, … von einer nicht unfehlbaren Lehre des kirchlichen Amtes abweichen zu dürfen …, muss sich nüchtern und selbstkritisch in seinem Gewissen fragen, ob er dies vor Gott verantworten kann.“ 

Für Rom war dies ein Affront, der ein fast ein halbes Jahrhundert währendes Spannungsverhältnis zwischen dem Vatikan und der deutschen katholischen Kirche einläutete. 

Als der Bischof von Mainz am 22.09.1987 im Alter von 51 Jahren zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt wurde, trat er bewusst in die Fußstapfen des von ihm verehrten Kardinals Julius Döpfner und hielt das Vermächtnis seines Vorvorgängers hoch. Papst Johannes II. verlangte bereits beim Antrittsbesuch des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz am 4. Dezember 1987 nachdrücklich, die Königsteiner Erklärung zurückzunehmen. Lehmann blieb standhaft und sagte dem Papst für 1993 – dem 25. Jahrestag - ein Grundlagenpapier zum Verhältnis von Humanae vitae und Königsteiner Erklärung zu, woran er sich auch hielt. (Veröffentlicht in: Zuversicht aus dem Glauben, 2006, S. 175–200) 

Mit der Übernahme des Amtes des Vorsitzenden der deutschen Ortsbischöfe hatte Lehmann in mehrerlei Hinsicht eine Prellbockfunktion. Er hatte die Aufgabe, Reformen fordernde und traditionsverhaftete Gläubige in deutschen Landen nicht auseinanderdriften zu lassen, er hatte sich in der Bischofskonferenz mit Antipoden herumzuschlagen, die einen engen Draht nach Rom hatten – genannt seien die Namen Joachim Meisner und Johannes Dyba –, und er hatte sich über einen langen Zeitraum hinweg mit der auf einer gemeinsamen Linie agierenden Doppelspitze der Katholischen Kirche - Papst Johannes Paul II. und dem Präfekten der Glaubenskongregation, Josef Kardinal Ratzinger, - auseinanderzusetzen. 

Lehmann hatte viel Geduld mit seiner Kirche. Aber wenn er auf pastorale Probleme stieß, wo es aus seiner Sicht nur wegen der Unbeweglichkeit der Amtskirche nicht voranging, dann war er bereit zu kämpfen und sich gegen den innerkirchlichen Mainstream zu stellen. Als sich die Deutsche Bischofskonferenz in der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion nicht auf ein Votum an Rom einigen konnte, tat er sich mit seinen beiden Bischofskollegen der Oberrheinischen Provinz – Oskar Saier und Walter Kasper – zusammen, und sie veröffentlichten 1993 ein Hirtenwort, in dem Grundsätze für eine seelsorgliche Begleitung von Menschen aus gescheiterten Ehen entwickelt wurden. Sie argumentierten, dass man die Einzelfälle prüfen müsse und man keinen Alles-oder-nichts-Standpunkt vertreten dürfte. Kardinal Ratzinger stoppte als Präfekt der römischen Glaubenskongregation die Initiative abrupt. Ihm war dabei ebenso wie den oberrheinischen Bischöfen bekannt, dass ein liberaler seelsorgerlicher Umgang mit den schicksalhaft getroffenen Gläubigen längst gemeindlicher Alltag war. 

Der heftigste und schwerwiegendste Konflikt mit dem Vatikan, den Karl Lehmann als Vorsitzender der deutschen Ortsbischöfe auszutragen hatte, war der Streit über die Schwangerenkonfliktberatung. Zur Wendezeit 1989 trafen mit der Fristenregelung der DDR und der Indikationsregelung der BRD unterschiedliche Rechtsnormen aufeinander. Bei der emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Debatte um eine Neuregelung der Abtreibungsfrage sahen auf der einen Seite „liberale Kräfte nun die Chance, eine Regelung nach dem Vorbild der DDR in ganz Deutschland durchzusetzen. Auf der anderen Seite gab es in der katholischen Kirche Kräfte, die auf eine restriktivere Regelung hofften. Die große Nähe, auch die personelle Verknüpfung zwischen CDU und katholischer Kirche machten den Konflikt brisant. Es waren Helmut Kohl und Karl Lehmann, die sich einen Kompromiss ausdachten bzw. sich zu eigen machten: Er sah vor, dass Abtreibung verboten ist, aber unter bestimmten Umständen straffrei bleibt.“ (Resing, Nachruf 2018)  

Lehmann ging der Abtreibungsproblematik in seinem Eröffnungsreferat - Beratung zwischen Lebensschutz und Abtreibung - bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischöfe 1992 in Fulda auf den Grund. Sein Fazit lautete, dass es der Kirche nicht erlaubt ist, „sich vorschnell aus komplexen und schwierigen Situationen unserer Gesellschaft zurückzuziehen. Auch ein Rückzug in eine vermeintlich eindeutigere und heile Welt kann schuldig machen. Wer gibt zum Beispiel die Ermächtigung, auf die Rettung vieler ungeborener Kinder und die Ermutigung vieler schwangerer Frauen zu verzichten, indem man seinen Auftrag nicht mehr in dem gesetzlichen Beratungssystem erfüllt?“ (Lehmann 2006, S. 169) 

Am 29. Juni 1995 beschließt der Bundestag eine Neuregelung des Paragraphen 218. Abtreibungen bleiben straffrei, wenn eine betroffene Frau die Teilnahme an einer Konfliktberatung (Beratungsschein) nachweist und eine 12-Wochen-Frist einhält. Die Bischöfe kritisieren auf ihrer Herbstvollversammlung das neue Gesetz als "lückenhaft und mehrdeutig", beschließen aber, es den Beratungsstellen vorläufig nicht zu untersagen, Beratungsbescheinigungen auszustellen. 

In den folgenden Jahren kommt es zu einem Tauziehen zwischen Rom und der deutschen Bischofskonferenz. Karl Lehmann muss sich nicht nur mit dem Vatikan, sondern auch mit Erzbischof Dyba und später Kardinal Meisner auseinandersetzen, die aus der Phalanx der 
deutschen Bischöfe ausscheren. 


Am 18.09.1999 wird auf Anweisung des Papstes im Vatikan ein Brief erstellt, in dem es unmissverständlich heißt: „Würde der Schein weiterhin als Zugang zur Abtreibung dienen, wäre der ... Vorwurf berechtigt, dass die Kirche eine bloß theoretische Aussage ohne reale Konsequenzen macht. Dem Heiligen Vater liegt es außerordentlich am Herzen, dass die Kirche ... alles meidet, was als Doppeldeutigkeit oder Mangel an Klarheit interpretiert 
werden könnte." 


Obwohl damit der Zwangsausstieg aus der gesetzlichen Konfliktberatung besiegelt ist, wenden sich Anfang Oktober zwölf deutsche Bischöfe in einem gemeinsamen Brief an Papst Johannes Paul II. und ersuchen ihn um Antwort auf die Frage, wer die Verantwortung dafür übernehmen solle, dass die katholische Kirche nach einem Ausstieg das ungeborene Leben nicht mehr so wirksam schützen könne wie bisher. Im Erwiderungsschreiben von Kardinalstaatssekretär Sodano bekräftigt dieser die bindende Wirkung der Weisung vom September und erklärt die Gewissensnot der Bischöfe für unmaßgeblich.  

Während seines Ad-limina-Besuches am 18. November übergibt Bischof Lehmann in einem allerletzten Versuch dem Papst einen Brief, in dem er verzweifelt anfragt, ob es wirklich nicht möglich ist, „wenigstens ‚ad experimentum‘ für einige Jahre eine Pluralität von Beratungsweisen zu erlauben …, bis manche Probleme auch staatlicherseits besser gelöst sind und ein einheitliches Vorgehen auch kirchlicherseits wieder erreichbar ist.“ (Deckers, S. 338) Die Antwort des Papstes trifft am 20. November per Fax ein: „…  ich es in einem hohen Maß für schädlich halte, in einer so kennzeichnenden Angelegenheit zwei verschiedene Vorgehensweisen innerhalb desselben Episkopats zu akzeptieren.“ 

„Vier Jahre lang bot Lehmann Papst Johannes Paul II. die Stirn, versuchte zu vermitteln zwischen deutscher Politik und vatikanischer Moral. Weil der Papst allerdings am Ausstieg festhielt, hätte weiterer Widerstand für Lehmann wohl den Rückzug vom Bischofsamt bedeutet. ‚Wir haben so lange gekämpft. Wir haben verloren‘, konstatierte er enttäuscht und sagte in seiner schwärzesten Stunde: ‚Jetzt müssen wir aber in die Zukunft hin das Beste machen, sonst hängt man immer an den alten Auseinandersetzungen, die nichts mehr bringen.‘ Ein anderer hätte auf eine solche Niederlage wohl mit Verbitterung, Resignation oder Zynismus reagiert. Lehmann dagegen gründete im Januar 2001 in seinem Bistum das ‚Netzwerk Leben‘ für Frauen in Notsituationen.“ (Vera Schmidberger, SWR AKTUELL, 11.03.2018) 

Jahrelang hatte Rom den Bischof von Mainz bei Kardinalskreierungen nicht berücksichtigt. Am 21. Januar 2001 ernennt Johannes Paul II. 37 neue Kardinäle - so viele auf einmal, wie das noch bei keinem Papst vor ihm der Fall war. Der seit über 13 Jahren Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz ist nicht darunter. Daraufhin wurden „Geistliche und Laien, In- und Ausländer … in Rom vorstellig“ (Hans Maier, Laudatio 2013) – einer davon war der Bischof der Diözese Opole (Oppeln), Alfons Nossol, - und die römische Vernunft setzte sich doch noch durch. Am 26. Januar erfährt Lehmann von der Apostolischen Nuntiatur in Bonn, dass er nachnominiert ist. Endlich kam Kardinal Lehmann dort an, wo er hingehörte. Er war nach dem heilig gesprochenen Kardinal Carlo Borromeo getauft, vollendete seine 8-jährige wissenschaftliche Ausbildung in Rom mit zwei Doktortiteln und hatte seit jeher eine Affinität zu dem römischen Sinn für Ordnung und Eintracht. 

Es ist für Karl Lehmann bezeichnend, dass er, - der sich bereits 1987 gezwungen sah, in fundamentale Auseinandersetzungen mit Rom einzutreten - seinen mächtigeren Gegenspielern Josef Ratzinger und Johannes Paul II. nach seiner Kardinalserhebung versöhnlich entgegentrat: „Als ich zum Kardinal ernannt wurde, war es für mich das allerwichtigste, dass Johannes Paul II. über den Schatten des Streits um die Schwangerenkonfliktberatung gesprungen ist. Er hat es mir nicht übel genommen, dass ich in aller Hartnäckigkeit vier, fünf Jahre eine andere Position als er vertreten habe.“ (Nichtweiß, Hrsg.: Gott ist größer als unser Herz, 2006)


Von Johannes XXIII. über Karl Lehmann zu Franziskus



Als wichtiger Zeitzeuge wurde Karl Kardinal Lehmann häufig im Laufe seines Lebens auf das II. Vatikanum angesprochen. Johannes XXIII. erlebte er als „eindrucksvolle Figur“, die den Mut hatte, den Konzilsprozess als eine „Erneuerung der Kirche im Lichte der ‚Zeichen der Zeit‘“ (Lehmann, Dankesrede 2013) voranzutreiben, auch wenn er dabei institutionelle Einsamkeit erlebte.

Die von Johannes XXIII. in Gang gesetzte Aufbruchsdynamik drängte den überzogenen
Zentralismus der Kurie zurück und eröffnete nach innen Räume für synodalen Austausch und Diskurs auf Augenhöhe und nach außen das Sich-Einlassen und den Dialog mit der Welt. Karl Kardinal Lehmann hielt an den Idealen des Konzils ein Leben lang fest und versuchte fortwährend, die Zeichen der Zeit zu ergründen und „daraus weiterführende Imperative für das Handeln zu gewinnen.“ (Fastenpredigt, Februar 2013)

Leider musste er miterleben, wie viele seiner Handlungsimpulse, die aus drängenden pastoralen und kirchenpolitischen Problemfeldern erwachsen waren, durch den wiedererstarkten römischen Zentralismus im Keim erstickt oder auf Anordnung von oben eliminiert wurden. Erfolgreicher war Lehmann bei der Verteidigung konziliarer Errungenschaften.

Die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et spes) übergab die Verantwortung für die Familienplanung in die Hände der Eheleute. Diese müssen „in menschlicher und christlicher Verantwortlichkeit ihre Aufgabe erfüllen und in einer auf Gott hinhörenden Ehrfurcht durch gemeinsame Überlegung versuchen, sich ein sachgerechtes Urteil zu bilden. … Dieses Urteil müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen.“ (GS 50)

Unter Führung von Kardinal Döpfner verteidigten die deutschen Bischöfe 1968 durch die Königsteiner Erklärung dieses konziliare Vermächtnis. Es war dann an Lehmann, sich ab 1987 gegen Zentralisierungsbestrebungen Johannes Pauls II. zu behaupten, was ihm auch gelang. Mit dem nachsynodalen Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus ist dann 2016 die deutsche Linie bestätigt worden: „Die klare Aussage des Zweiten Vatikanischen Konzils bleibt bestehen: Beide sollen durch gemeinsame Überlegung versuchen, sich ein sachgerechtes Urteil zu bilden. … Dieses Urteil müssen im Angesicht Gottes die Eheleute letztlich selbst fällen.“ (Al 222)

Neben äußeren Parallelitäten – beide wurden 1936 geboren, beide sind seit 2001 Kardinäle -besteht zwischen Karl Lehmann und Papst Franziskus auch eine große geistig-geistliche Affinität. Als Jorge Mario Bergoglio beim Vorkonklave im März 2013 seine kurze Rede hielt, sprach er von der kranken, um sich selbst kreisenden Kirche, die vom verderbten Geist des theologischen Narzissmus beherrscht ist. Man konnte sich dabei an Aussagen Lehmanns im Jahr zuvor erinnert fühlen:
„Kirche ist immer in Bewegung: Sie kommt vom dreifaltigen Gott her und ist zu den Menschen gesandt. … Sie verfehlt ihre Aufgabe, wenn sie um sich kreist und sich nicht der Not der Welt sowie den Wunden der Zeit zuwendet und die Menschen zu Gott führt.“ (Vortrag, März 2012) und
„Der größte Sündenfall für die Kirche ist die Selbstgenügsamkeit. Wenn wir begreifen, dass das Gesendet-Werden und Über-Sich-Hinausgehen zum Wesen der Kirche gehört, wird die bleibende Neuheit des Christentums auch in Zukunft alle Grenzen durchbrechen. Kirche ist immer im doppelten Sinne über sich hinaus: auf Gott und die Menschen hin.“ (Vortrag, Juni 2012)

Nachdem Papst Franziskus ein halbes Jahr im Amt war, sagte er im Verlauf eines Interviews mit der italienischen Tageszeitung La Repubblika folgendes: „Das Zweite Vatikanische Konzil beschloss, die Zukunft mit einem modernen Geist anzusehen und sich der modernen Kultur zu öffnen. Die Väter des Konzils wussten, dass das Ökumene und Glaubensdialog bedeutete. Seitdem ist in dieser Richtung wenig geschehen. Ich bin so bescheiden und so ehrgeizig, das wieder zu tun.“

Franziskus nimmt den Faden auf, an dem sich Kardinal Lehmann jahrzehntelang orientiert hat. Eine späte Frucht von Lehmanns ökumenischem Engagement würdigt Kardinal Marx in seinem Nachruf: „Die Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung 1999 geht wesentlich auf das Verhandlungsgeschick Karl Lehmanns zurück.“ Und was den Glaubensdialog mit wiederverheirateten Geschiedenen angeht, so ist – im Anschluss an Amoris laetitia - mit dem Wort der deutschen Bischofskonferenz zur erneuerten Ehe- und Familienpastoral vom Februar 2017 das pastorale Praxis geworden, was Bischof Lehmann 1993 zusammen mit Bischof Kasper und Erzbischof Saier für wiederverheiratet Geschiedene avantgardistisch in Angriff genommen hatten.

Ein Jahr später steht der Kommunionempfang konfessionsverschiedener Ehepartner auf der Tagesordnung. Die überwiegende Mehrheit der Bischofskonferenz ist sich einig, sieben Bischöfe – davon sechs Bayerische – wenden sich an Rom und äußern „Zweifel, ob der Beschluss mit der Glaubenslehre und der Einheit der Kirche vereinbar sei.“ Dieses Muster wäre Karl Lehmann ausgesprochen bekannt vorgekommen. Nur, das kuriale Rom mit Papst Franziskus an der Spitze ist ein anderes, als das, mit dem er sich über viele Jahre hinweg herumschlagen musste.

Im großen Interview von 2016 kommt Lehmann auf die Grundausrichtung zu sprechen, die ihn mit Papst Franziskus verbindet, nämlich eine synodalere Kirche. Welch‘ Genugtuung muss es für den Kardinal gewesen sein, als er aus dem Munde des Pontifex vernimmt, was schon immer sein Anliegen war: „Eine Synode müsse frei sein und dürfe keiner Zensur unterliegen; sonst sei es keine Synode. Auch die Organismen der Teilkirchen, also die Synoden in Ländern und Sprachgemeinschaften, sollten mehr Kompetenz bekommen.“ (Mit langem Atem, S. 120)

Am Tag nach Kardinal Lehmanns Tod schickt Papst Franziskus ein Telegramm an den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf, in dem er in sehr treffenden Worten den Verstorbenen würdigt:
„In seinem langjährigen Wirken als Theologe und Bischof wie auch als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz hat Kardinal Lehmann das Leben von Kirche und Gesellschaft mitgeprägt. Stets war es sein Anliegen, offen zu sein für die Fragen und Herausforderungen der Zeit und von der Botschaft Christi her Antwort und Orientierung zu geben, um die Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und über die Grenzen von Konfessionen, Überzeugungen und Ländern hinweg das Verbindende zu suchen.“

Schluss


Nach einem Bibelvers Ausschau haltend, der zu Karl Lehmann passt, fiel mir Matthäus 5.13 ein: „Ihr seid das Salz der Erde.“ 

Der Professor und Bischof hat sich weder dem gerade vorherrschenden Zeitgeist angepasst, noch ist er in die spirituelle Attitüde des weltabgewandten Glaubenseiferers geflüchtet. Um seiner Mission der dialogischen Konsensfindung nachkommen zu können, brachte er signifikante Voraussetzungen mit. Er war in seinem Glauben und seiner Kirche fest verankert, er war mit seinem weiten Bildungshorizont auf der Höhe der Zeit und er war in der Lage konstruktiv zu streiten – unabhängig davon, ob sein Gegenüber ihm wohlwollend oder feindlich gesinnt war. Wichtig war auch, dass er aufgrund seiner geschulten Intellektualität einfachen Wahrheiten misstraute und über genügend Ambiguitätstoleranz verfügte, um Problemstellungen multiperspektivisch anzugehen. Bereits beim Konzil und stärker noch bei der Würzburger Synode machte er die Erfahrung, dass es sich lohnt, mutig in die offene Debatte zu gehen. „Die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, auch wenn man sehr unterschiedliche Positionen vertritt, und bei aller Unterschiedlichkeit doch in Dialog und Disput einzutreten, kann Wunder wirken …Das ist ein Lehrstück gewesen: man kann auch mit Leuten zurechtkommen, bei denen man es vorher nicht vermutet hat.“ (Mit langem Atem, S. 24)
„Auf die Frage, was einen guten Bischof ausmache, betonte Lehmann, der Oberhirte müsse Gesprächspartner auch für die nicht-kirchliche Umgebung sein, für Wirtschaft und Politik, Kultur und Wissenschaft: ‚Innerkirchlich wird oft unterschätzt, wie sehr man für Kirche außerhalb der Kirche da sein muss. Wir brauchen den Mut zum Dialog‘“ (Nellessen, Nachruf  2018)

Lehmann war sich nicht zu schade, die Durststrecken und Glanzlosigkeiten zeitgenössischen Christ- und Kircheseins (vgl. Ruh 2018) bewusst anzunehmen und er hatte den langen Atem und die Zuversicht, die man braucht, um sich unermüdlich für die gute Sache zu engagieren. Das Wort Zuversicht benannte er einmal der Duden-Reaktion gegenüber als sein Lieblingswort.
„Die Zuversicht ist Sache aller Christen. Wir fliegen dabei nicht leichtfüßig und illusionär über die oft harte und brutale Wirklichkeit unserer Welt hinweg, und diese Hoffnung wird häufig auch durch uns selbst, durch unsere Furcht, unsere Zweifel und unseren Kleinglauben verdeckt. Liebe Schwestern und Brüder, dies ist auch das Bekenntnis meines Lebens." (Predigt im Pontifikalgottesdienst am 16. Mai 2006 zum 70. Geburtstag)

Sein Gottvertrauen bewahrte ihn vor der menschlichen Hybris, alles selbst bewerkstelligen zu müssen. Bei den langen Wegen, die Lehmann gegangen ist, und deren Zielpunkte er nicht mehr miterlebt hat, tröstete ihn eine Geschichte aus dem Alten Testament (5 Mose 32.52). „Mose steht am Rand des Gelobten Landes, schaut hinein, und Gott sagt zu ihm: Du gehst jetzt hier nicht mehr hinein, du kannst jetzt hier noch hinein sehen, aber du wirst es nicht mehr betreten. Das ist für mich ein Modell, man ist eine gewisse Wegstrecke gegangen, sieht von ferne, wie es einmal werden könnte, kann das aber nicht mehr betreten.“  (SWR 2 Glauben: Karl der große Brückenbauer. 28.09.2008)

Als Philipp Gessler vor zwei Jahren Karl Kardinal Lehmann fragte, in welcher Haltung er auf den Tod zugehen würde, verwies er auf seinen Namenspatron und Amtspatron, den Heiligen Karl Borromäus (1538 - 1584). Vor die Situation gestellt, dass er nur noch einen Tag, eine Stunde zu leben hätte, gab dieser zur Antwort: „Ich würde das, was ich mache, so gut machen, wie ich kann.“

So war Karl Lehmann: Er wich keiner Herausforderung aus, schonte sich nicht und machte alles so gut, wie er nur konnte.





Quellen


Der Beitrag verdankt sein inhaltliches Fundament der von Daniel Deckers geschriebenen Biographie Karl Kardinal Lehmanns.

Deckers, Daniel: Der Kardinal. Karl Lehmann. Eine Biographie. 2002
Deckers, DanielZum Tod von Kardinal Lehmann. Ratgeber und Gesprächspartner in allen Lebenslagen. In: Frankfurter Allgemeine, 11.03.2018
Florin, ChristianeDer Freigeist mit Kardinalshut. Deutschlandfunk, 12.03.2018
Gessler, PhilippDer liberale Katholik. In: taz, 11.03.2018
Gessler, Philipp"Das Gebet um einen guten Tod ist für mich wichtiger geworden". Kardinal Lehmann im Gespräch mit Philipp Gessler. Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 15.05.2016
Fuchs, Gotthard: Karl Lehmann. Der Dolmetscher. In: Christ in der Gegenwart, 18.03.2018
KasperWalter KardinalKardinal Karl Lehmann zum 70. Geburtstag. Laudatio. In: Nichtweiß 2006
Lehmann, Karl Kardinal: Zuversicht aus dem Glauben. Freiburg 2006
Lehmann, Karl KardinalDas Leben der Kirche im Wagnis der Moderne. Vortrag im Meister-Eckart-Forum „Zur Sache" am 15. März 2012
Lehmann, Karl KardinalÜber die Zukunft des Christentums. Vortrag in der Polytechnischen Gesellschaft e.V. am 4. Juni 2012 in der Historischen Villa Metzler
LehmannKarl Kardinal: Brückenbauer. Lern- und Lehrjahre zwischen Lebensgeschichte,  Wissenschaft und Praxis der Kirche. Dankesrede bei der Verleihung  des Theologischen  Preises der Salzburger Hochschulwochen am 31. Juli 2013 
Lehmann, KarlMit langem Atem. Der Kardinal im Gespräch mit Markus Schächter. Freiburg 2016 
Maier, Hans: Aufrechter Gang. Laudatio für Karl Kardinal Lehmann zur Verleihung des Theologischen Preises. In: Hoff, Gregor Maria. Gefährliches Wissen 2013 
Marx, Reinhard Kardinal: Zum Tod von Kardinal Karl Lehmann. Deutsche Bischofskonferenz, Pressemeldung Nr. 037, 11.03.2018
Nellessen, MonikaKardinal der Herzen - Ein Nachruf auf den verstorbenen Kardinal Karl Lehmann. In: Allgemeine Zeitung, Rhein-Main, 11.03.2018
NichtweißBarbara (Hg.): Gott ist größer als unser Herz. Der 70. Geburtstag von Karl          Kardinal Lehmann und das Mainzer Bistumsfest. Berichte, Texte, Bilder. Publikationen 
Bistum Mainz 2006
Öhler, AndreasKardinal Lehmann geht in Rente. Was hat er als Bischof in Mainz bewirkt? In: Christ & Welt, 21.04.2016
Ökumenischer Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK). Nachruf auf den langjährigen wissenschaftlichen Leiter und Vorsitzenden Karl Kardinal Lehmann. 2018
Pfeiffer, Petra: Der große BrückenbauerZum Tod von Karl Kardinal Lehmann. SWR 2 Glauben, Beitrag vom 11.03.2018
Resing, VolkerGottes geduldiger Ungeduldiger. In: Die Welt, 12.03.2018
Ruh,UlrichKarl Lehmann - ein intellektuelles Porträt. In: Weg und Weite 2001, S. 3-10 
Schmidberger, VeraKarl Kardinal Lehmann gestorben. Aus: SWR aktuell, 11.03.2018
Weiffen / Weißenberger„Eine gediegene Freiheit war mir wichtig“. Kardinal Karl Lehmann  über das Priestertum und seine Amtszeit als Bischof. In: Kirchenzeitung für das Bistum Mainz. Extra 10/2013