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Mittwoch, 11. September 2013

Urban Prayers

2011 entstand die Idee, das Schauspielhaus der Kammerspiele in der Maximilianstraße für einen Tag zur Moschee zu machen. Zwei Jahre später konnte das von dem Dramaturgen und Autor Björn Bicker geschriebene Theaterstück zur urbanen Religiosität in München an sieben heiligen Orten aufgeführt werden.


Am Anfang war eine Phantasie: „Es wäre doch toll, das Schauspielhaus der Kammerspiele in der Maximilianstraße für einen Tag zur Moschee zu machen.“ Das war vor zwei Jahren. Bei der Suche nach einem zugkräftigen Namen für ein solches Projekt wurde man in Berlin fündig. Dort hatte sich 2007 der Verein metroZones mit dem Ziel gegründet, kritische Großstadtforschung zu betreiben. 2011 veröffentlichte das Urbanisten-Kollektiv unter dem Titel „Urban Prayers - Neue religiöse Bewegungen in der globalen Stadt“ einen Sammelband, der sich mit der Ausbreitung und der zunehmenden politischen Relevanz neuer Religionsgemeinschaften in den Großstädten des globalen Südens befasst.

Mit dem Transfer von Urban Prayers nach München wandelte sich die globalpolitische Perspektive zu einer lokal-religionssoziologischen. Der Dramaturg und Autor eines zu entwickelnden Theaterstücks, Björn Bicker, wollte in Erfahrung bringen, welche Religionen in München mittlerweile ansässig sind und mit den Gläubigen verschiedenster Provenienz in Kontakt treten. „Ich wollte herausfinden, wie die Menschen, die aus allen Teilen der Welt hierher gekommen sind, in München ihren Glauben leben und ihren urbanen Lebensraum wahrnehmen. Diese Stadt, unser gemeinsames Land, unsere Demokratie.“

Die Zeit für das Anpacken dieser Thematik war eigentlich mehr als reif. Laut dem Münchner Integrationsbericht von 2011 leben in München Menschen aus über 180 Ländern, und diese bringen größtenteils auch eine religiöse Identität mit. Vermutlich ist nicht jedem bekannt, dass der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Land  Berlin 2011 „nur“ bei 24,8% lag, während es in München 36% sind. Die Veranstalter der „Langen Nacht der Religionen“ am 17. August 2013 in Berlin postulieren auf ihrer Homepage: „Mit mehr als 250 aktiven Religionsgemeinschaften ist Berlin europaweit die Stadt mit der größten religiösen Vielfalt.“ Ob dem so ist, wäre zu prüfen. Die Sucheingabe „Kirchen und Religiöse Gemeinschaften in München“ ergibt 233 Treffer bei meinestadt.de, 311 bei Gelbe Seiten und 326 Ergebnisse bei cylex.de. Der traditionsgeprägte Blick auf Münchens religiöse Landschaft ist auf jeden Fall trügerisch. Das Stadtbild ist wesentlich bestimmt auch von den Kirchengebäuden und suggeriert ein „Mia san mia“ der christlichen Großkirchen. Neuerdings ist allerdings der Anteil derjenigen, die in München der katholischen oder einer protestantischen Kirche angehören auf unter 50% gesunken und von diesen lebt nur eine Minderheit aktiv ihren Glauben.

Mit dieser Umbruchsituation ergibt sich ein interessanter Berührungspunkt zwischen Migranten und praktizierenden Christen: Man ist in einer Minderheitenposition. Während Migranten nicht selten Intoleranz und Ablehnung erfahren, werden die Christen in unserer Gesellschaft voraussichtlich zunehmend auf Unverständnis und Infragestellung stoßen.

Als Björn Bicker vor eineinhalb Jahren mit seinen Recherchen und Interviews begann, überraschte ihn, wie viele Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempel und Gebetsräume es in München gibt. Würde man diese mit Fähnchen auf einem Stadtplan markieren, käme ein engmaschiges Netz religiöser Infrastruktur zum Vorschein und man hätte den Eindruck, es wimmele in der Stadt von Gläubigen. Wie diese Menschen leben, und woran sie glauben, das wollte Bicker in Erfahrung bringen. Aus seinen Recherchen entstand ein Text, der vom Intendanten der Kammerspiele, Johan Simons, inszeniert wurde. Die besondere Bedeutung des Urban Prayers Projektes liegt meines Erachtens darin, dass das durch seinen Facettenreichtum und die subtile Umsetzung überzeugende Theaterstück auf  Wanderschaft durch sieben Gebetsräume der Stadt geschickt wurde. Jede Aufführung wurde den örtlichen Gegebenheiten angepasst und bot der gastgebenden Gemeinde die Möglichkeit, sich mit eigenen Beiträgen einzuklinken. Auf diese Weise wurden Begegnungen gestiftet - nicht nur am jeweiligen Aufführungsort, sondern es entstanden Kontakte und Kommunikation über alle Stationen des Projektes hinweg.

Das Urban Prayers Stück ist so aufgebaut, dass sich ein Sprechchor, der in vielerlei Variationen einen hoch konzentrierten Text vorträgt, abwechselt mit einem Gesangschor, der sakrale Werke stimmungsvoll zu Gehör bringt. Ich zitiere die Eingangssequenz, die von einer Art erweiterter Kanzel aus vom Chor der Bürger (fünf Schauspieler) eindringlich rhythmisiert in Stakkato vorgetragen wurde und den Rahmen für die gesamte Inszenierung aufspannt.

Was glaubt Ihr denn, wer wir sind, was wir glauben?
Was glaubt Ihr denn, wer wir sind?
Wo wir wohnen, wo wir schlafen, wo wir arbeiten, wo wir beten, wo wir uns zeigen, wo wir uns verstecken?
Was glaubt ihr denn, wo es einen besseren Platz geben könnte? Was glaubt ihr denn, wo wir nicht stören, wo wir stören?
Wo wir uns treffen sollten, wo wir Euch begegnen könnten, wo wir Euch begegnen wollen, wo wir Euch nicht begegnen wollen?
Was glaubt ihr denn, wer Ihr seid, was glaubt Ihr denn, wer wir sind?

Einen aufschlussreichen Eindruck des Urban Prayer Projektes vermittelt ein YouTube Video: http://www.youtube.com/watch?v=kaCK5B-OABY. Die durchweg positiven Feedbacks der Besucher am Ende des Beitrags sind nicht selektiv, sondern spiegeln adäquat das bemerkenswerte Ereignis.  

Nach sieben Tagen an sieben heiligen Orten – Synagoge Reichenbachstraße, Allerheiligenkirche, Mehmet Akif Moschee, Machtlfinger Höfe, Rogatekirche, Adventgemeinde und Universitätskirche St. Ludwig - kehrte Urban Prayers am 13.Juli ins umgestaltete Schauspielhaus zurück. Der von seiner Bestuhlung befreite Hauptraum war mit edlen Orientteppichen ausgelegt und bot am Samstag ein spezifisches Ambiente für Aufführung, Podiumsdiskussion und Konzerte. Als am Sonntag nach Live-Hörspiel, Filmen, Installationen und Reden von vierzig Gläubigen der Tag zur Neige ging, vollendete sich die Metamorphose des Schauspielhauses zur Moschee mit einem gemeinsamen Fastenbrechen, das der Koranrezitator Xhelal Kaloshi mit Versen aus dem Koran untermalte.

Stefan Schopf für die Ausgabe 32 der Jugendstil, 11.09.2013

Dienstag, 26. Juni 2012

Aufbruch in der Kirche?

Der Beitrag erinnert daran, dass der von Erzbischof Robert Zollitsch im September 2010 proklamierte Aufbruch in der Kirche einen universalen Vorläufer hat: Das vor 50 Jahren eröffnete II. Vatikanische Konzil. Fasst man das Projekt Aufbruch im Jahr 2012 näher ins Auge, zeigt sich, dass die Leitvorstellungen einer Neugestaltung je nach Hierarchieebene sehr divergieren.


Von Papst Johannes XXIII., der am 28. Oktober 1958 zum Papst gewählt wurde, wird folgende Anekdote erzählt: Ein besorgter Kurienkardinal fragte ihn „Wozu denn ein Konzil, Eure Heiligkeit?" Daraufhin ging der Papst zum Fenster, öffnete es und sagte: „Um frischen Wind hereinzulassen!"
Im Januar 1959 kündigte Johannes das II. Vatikanische Konzil an, das dann am 11. Oktober 1962 im zu einer Konzilsaula  umgebauten Petersdom begann. Seine Eröffnungsansprache hielt der Papst vor 2540 Bischöfen und anderen Konzilsvätern in lateinischer Sprache. Leitbegriff für die Arbeit des Konzils war ein sogenanntes „aggiornamento“, eine Verheutigung. Die noch sehr vom 19. Jahrhundert her bestimmte Kirche sollte auf die Höhe der Zeit gebracht werden.

Die vatikanische Kurie war alles andere als begeistert und versuchte im Vorfeld durch Einflussnahme auf die Tagesordnung und die personelle Besetzung der Konzilskommisionen, das Konzil in den Griff zu nehmen. Bereits am dritten Tag der ersten Sitzungsperiode kam es zum Showdown, bei dem sich die Weltbischöfe mit dem Segen des Papstes gegen die vatikanische Regierungsbehörde durchsetzten. Von nun an wehte ein lebendiger, frischer Geist in den Konzilsversammlungen und als das II. Vatikanum 1965 seinen Abschluss fand, konnte es bahnbrechende Ergebnisse vorweisen und wurde zum Symbol für die Erneuerung der katholischen Kirche.

Ich springe ins Jahr 2010. Im Januar dieses Jahres machte der Jesuit Klaus Mertes, Schulleiter des Canisius-Kollegs in Berlin, Fälle von sexuellem Missbrauch, die in den 70er und 80er Jahren passiert waren, öffentlich und brachte damit eine Lawine ins Rollen.
Als dann im September Erzbischof Robert Zollitsch bei der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz sein Impulsreferat hielt,  diagnostizierte er eine Krise der katholischen Kirche in Deutschland, die zu einer hörenden Kirche werden müsse und eines neuen Aufbruchs bedürfe. Im März 2011 wandten sich die deutschen Bischöfe in einem Hirtenwort an die Gemeinden und luden in einer  „Situation, die durch Sorgen, Anfragen und Spannungen in unseren Bistümern gekennzeichnet ist“, zu einem vierjährigen Gesprächsprozess - beginnend 2011 - ein, der dann 2015 in das Gedenkjahr des Konzilsjubiläums einmünden soll. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ist in diesen Besinnungs- und Erneuerungsprozess miteinbezogen und stellte den Katholikentag im Mai 2012 unter das Motto: „Einen neuen Aufbruch wagen.“

Universalkirchlicher Aufbruch vor 50 Jahren und Aufbruch heute. Wohin soll die Reise gehen? Zunächst ist festzustellen, dass die innerkirchlichen Zielvorstellungen weit auseinander klaffen. Was Papst Benedikt will, lässt sich - soweit ich sehe - in drei Punkten zusammenfassen:
1. Er favorisiert lebendige katholische Erneuerungsbewegungen, die der Hierarchie in radikalem Gehorsam ergeben sind - z.B. Fokolare, das Neokatechumenat, Gemeinschaft Sant’Egidio ... (vgl. Gründonnerstagspredigt 2012) „Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen“ (Gebetsvigil in Freiburg 2011)
2. Entweltlichung der Kirche: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden ...“ (Benedikt, Freiburger Konzerthausrede 2011)
3. Neuevangelisation in Europa: Benedikt richtete 2010 den Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung ein, der der Kirche „vor allem in jenen Ländern alter christlicher Tradition eine besondere Hilfe bieten (soll), die gegenüber dem Wort Gottes scheinbar gleichgültig, wenn nicht gar feindselig geworden sind.“ (Ansprache am 15.10.2011)

Die deutschen Bischöfe stehen vor der Herausforderung, dass die Katholiken in Deutschland weniger, die Kirchen leerer werden und vor allem, dass die Zahl der Pfarrer rapide zurückgeht. Nach polarisierten Konflikten mit Rom  - 1993 zur Frage der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion  und 1999 der von Rom verordnete Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung - geht es gegenwärtig um die vom Papst verlangte Abänderung der Einsetzungsworte des Hochgebetes. Innerhalb der Messbuchformulierung „Mein Blut, das für Euch und für alle vergossen wird“ soll das „für alle“ durch „für viele“ ersetzt werden.
Erzbischof Zollitsch erklärte am 24.09.2010 für die Deutsche Bischofskonferenz, „dass das bisherige Deutsche Messbuch (2. Auflage) weithin den Anforderungen einer textgetreuen Übersetzung entspricht ... Viele Texte sind Priestern und Gläubigen durch den praktischen Vollzug vertraut. Dieser hohe Wert darf durch eine grundständig neue Übersetzung nicht gefährdet werden.“
Die apodiktische Antwort des Papstes: „ (Es) ist vom Heiligen Stuhl entschieden worden, dass bei der neuen Übersetzung des Missale das Wort „pro multis“ (für viele, Verf.) als solches übersetzt und nicht zugleich schon ausgelegt werden müsse.“ (Schreiben vom 14.04.2012)
Hinzu kommt, dass die Deutsche Bischofskonferenz in sich zerstritten ist. Das lässt sich bereits daran ablesen, dass die Hälfte der Bischöfe dem Katholikentag fernblieben und in einem Drittel der Diözesen der von Erzbischof Zollitsch inaugurierte Gesprächsprozess nicht stattfindet.

An der Kirchenbasis rumort es vor allem dort, wo aus althergebrachten Pfarrgemeinden „XXL- Pfarren“ werden sollen, mit weiten Fahrwegen und überörtlichen Gremienstrukturen. Die ökumenische Bewegung ist seit der im Jahr 2000 vom Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, herausgegebenen Erklärung „Dominus Jesus“ auf einem Tiefpunkt. Dort wird den reformatorischen Kirchen der Kirchenstatus aberkannt und sie werden nurmehr als „kirchliche Gemeinschaften“ eingestuft. Sodann gibt es eine Reihe von Reformanliegen, die manchen katholischen Hierarchen bereits sei Jahrzehnten nerven: Katholische Sexualmoral, Diakonat der Frau, Zölibat, Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, mehr Demokratie in der Kirche.

Bei dieser disparaten Gemengelage stellt sich die Frage, welche Aufbrüche, Umbrüche und Einbrüche die Zukunft bringen wird. Dazu mehr in der nächsten Jugendstil.


Stefan Schopf für die Ausgabe 26 der Jugendstil, 26.06.2012

Freitag, 20. April 2012

Pfiat di God, Frau Pfarrer!

Benedikt spricht bewusst in seiner Gründonnerstagspredigt das Thema Gehorsam an und kommt auf die österreichische Pfarrer-Initiative zu sprechen, die sich pro Frauenordination ausspricht, obwohl diese doch von Papst Johannes Paul II. unwiderruflich ausgeschlossen worden sei. Den Autoren des Aufrufs stellt er jene lebendigen Bewegungen gegenüber, die der Kirche in radikalem Gehorsam ergeben sind. Den Priestern anempfiehlt er, sich an den großen Gestalten der Kirche zu orientieren, deren Aufreihung er mit Papst Johannes Paul II. beschließt.


Papst Benedikt hat sich am Gründonnerstag während der Chrisammesse zur Ordination von Frauen in der katholischen Kirche geäußert. Die Thematik ist liturgisch bewusst platziert, denn in der Chrisammesse erneuern traditionell die anwesenden Priester ihr Weiheversprechen. Dieses beinhaltete bei der Priesterweihe auch, dass der Kandidat seinem Bischof und dessen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam versprach.

Benedikt: „Vor kurzem hat eine Gruppe von Priestern in einem europäischen Land einen Aufruf zum Ungehorsam veröffentlicht.“ (Predigt im Petersdom, 05.04.2012)
http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/homilies/2012/documents/hf_ben-xvi_hom_20120405_messa-crismale_ge.html
Wiederum bewusst benennt der Papst die österreichische Pfarrer-Initiave - gegenwärtig 317 Priester und 65 Diakone - nicht. Denn in der klerikalen Hierarchie kann es keine gemeinsame Diskurssebene unter Anerkennung eines Diskurspartners geben.

Aus dem „Aufruf zum Ungehorsam“ vom 19.Juni 2011 greift der Papst die Frauenordination als Beispiel heraus, die unter Punkt 7 mit angesprochen ist:
„WIR WERDEN deshalb jede Gelegenheit nützen, uns öffentlich für die Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt auszusprechen. Wir sehen in ihnen willkommene Kolleginnen und Kollegen im Amt der Seelsorge.“
http://www.pfarrer-initiative.at/

Benedikts Ablehnung dieses Vorstoßes ist unmissverständlich. Er verweist darauf, dass die Frage der Frauenordination lehramtlich bereits unwiderruflich von Papst Johannes Paul II. entschieden ist.
„Damit also jeder Zweifel ... beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes ..., dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und dass sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.“ (Ordinatio Sacerdotalis 1994)

Benedikt argumentiert aber auch. Er gesteht der Pfarrer-Initiative zu, dass diese „die Sorge um die Kirche umtreibt“, sie Wege heraus aus der Trägheit und Starre der Institution Kirche sucht. Sie würde allerdings nicht wahrnehmen, mit welcher Dynamik sich gegenwärtig die „wahre Erneuerung“ der Kirche durch lebendige Bewegungen vollziehen würde, und dass die Menschen, „von denen diese frischen Ströme des Lebens ausgingen und ausgehen“ erfüllt wären von Glaube, Liebe, Hoffnung und „radikalem Gehorsam“, so seine Formulierung.

Es gibt diese papstidentifizierten Gruppierungen; nur ist es fraglich, inwieweit diese für die katholische Kirche insgesamt repräsentativ sind. Im weiteren Verlauf seiner Gedankenführung postuliert Benedikt, dass uns „manchmal die Gestalt Jesu Christi „zu hoch und zu groß (erscheint), als dass wir wagen könnten, daran Maß zu nehmen.“ Eben nicht. Jesus war und ist greifbar - sozusagen einer von uns -, weder elitär noch intellektuell, in seinem Sprechen und Handeln für jedermann verständlich. Er lebte vor, was es bedeutet, aufrichtig und für den Nächsten da zu sein. Es ist kein Zufall, dass er keine Lehre und kein Regelwerk für seine Kirche hinterlassen hat.

Die von Benedikt vorgenommene Entrückung Jesu’ hat allerdings Methode. Denn wenn dem so wäre, bedürfte es notwendig eines Mittlers zwischen dem Menschen und Gott. Und wer könnte das anderes sein, als die Großen der Kirchengeschichte, insbesondere Kirchenlehrer und höherer Klerus. Benedikt spricht von einer „große(n) Schar heiliger Priester ..., die uns als Wegweiser vorangehen.“ An erster Stelle nennt er Paulus, der „für seine Gläubigen eine Übersetzung von Christi Lebensstil“ (Hervorhebung durch Verfasser) gewesen ist. Als weitere Vorbilder führt er an Polykarp von Smyrna, Ambrosius, Augustinus, Gregor den Großen, Ignatius von Loyola, Johannes Maria Vianney und die zeitnahen Priestermärtyrer des 20.Jahrhunderts, um dann zielgenau bei Johannes Paul II. zu landen. Dieser und die anderen „Heiligen zeigen uns, wie Erneuerung geht und wie wir ihr dienen können.“

Hier schließt sich der Kreis. Jetzt ist es nicht mehr das Unfehlbarkeitsdogma von 1870, dessen sich Päpste bedienen, um autokratisch - und angeblich für alle Zeiten gültig - zu bestimmen, was Wahrheit ist, sondern Benedikt bringt uns den heiligmäßigen „Papst Johannes Paul II. (nahe), der im Tun und Leiden die Gleichgestaltung mit Christus uns als ‚Gabe und Geheimnis’ vorgelebt hat“ und dessen Botschaft wir - so verstehe ich ihn - wegen seiner Christus-Kongruenz unhinterfragt zu übernehmen haben: „Die Kirche (hat) keinerlei Vollmacht ..., Frauen die Priesterweihe zu spenden.“


Stefan Schopf für die Ausgabe 25 der Jugendstil, 20.04.2012