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Samstag, 4. Juli 2020

Mit Meister Eckhart auf Gottsuche


Eckhart von Hochheim wurde um 1260 in Thüringen geboren und zählte um 1300 zu den fähigsten Persönlichkeiten des damals aufstrebenden Dominikanerordens. Er war Ordensoberer, Philosoph, Seelsorger und Gotteslehrer und wirkte an verschiedenen Orten Europas. 1293 und 1302 wurde er nach Paris an die damals bedeutendste Universität des Abendlandes berufen und lehrte am Lehrstuhl der Dominikaner mit dem Anspruch, „die Lehren des heiligen christlichen Glaubens und der Schrift beider Testamente mit Hilfe der Vernunftgründe der Philosophen auszulegen.“ (Ruh, 1985, S. 75) Der Nachwelt gilt Eckhart weniger als Philosoph denn als Mystiker, und das, obwohl er nie von ekstatischen Erlebnissen berichtete oder sich auf Visionen berief. Nimmt man eine Sammlung Eckharts deutscher Predigten zur Hand, so beeindruckt einerseits seine bildreich-kraftvolle Sprache, andererseits erscheint manches Ausgesagte als rätselhaft und unverständlich. Dass er es seinen Zuhörern nicht immer leicht machte, war Meister Eckhart bewusst: „Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz deswegen nicht. Denn so lange der Mensch nicht dieser Wahrheit gleich ist, so lange wird er diese Rede nicht verstehen; denn dies ist eine unverhüllte Wahrheit, die da ohne Vermittelndes aus dem Herzen Gottes gekommen ist.“ (Predigt 52) Zwischen Eckhart und uns liegen sieben Jahrhunderte, dennoch mutet sein Denken modern an. Insbesondere fasziniert die Nähe, die Eckhart zwischen Gott und uns Menschen herstellt. 

Eckharts Gottesverständnis 

Eckharts Denken hat seinen Ausgangspunkt nicht in der mannigfaltigen, raum-zeitlichen Welt, sondern für ihn ist der Dreh- und Angelpunkt der überzeitlich-geistige eine und einfaltige Gott – der dreifaltige ist bei Eckhart sekundär. Dieser nicht definierbare und nicht bestimmbare Gott existiert als der namenlose „Ich-bin-der-ich-bin“-Gott in völliger Unabhängigkeit und Unerkennbarkeit für sich im Verborgenen. Sein Kennzeichen ist die Ununterschiedenheit: „Gottes Gottheit liegt daran, dass er von allen Dingen ungetrennt ist.“ (Predigt 77) Über diesen „deus absconditus“, den verborgenen Gott, sagt Meister Eckhart:

„Vernunft ist der Tempel Gottes. Nirgends wohnt Gott eigentlicher, als in seinem Tempel, in der Vernunft, wie jener andere Meister sagte: Gott sei eine Vernunft, die da lebt im Erkennen einzig ihrer selbst, nur in sich selbst verharrend dort, wo ihn nie etwas berührt hat; denn da ist er allein in seiner Stille. Gott erkennt im Erkennen seiner selbst sich selbst in sich selbst.“
(Eckhart, zit. nach Jung, 2010, S. 115)


„Jener andere Meister“, das ist einer der nicht-christlichen Autoren des vermutlich aus dem 12. Jahrhundert stammenden „Buch der 24 Philosophen“ (vgl. Flasch 2010, S.176), auf das sich Eckhart immer wieder bezieht. Spruch 20 - des anderen Meisters - lautet: „Gott ist das einzige Wesen, dessen Leben in seiner Selbsterkenntnis besteht". Während sich menschliche Selbsterkenntnis vielfältigen Kontakten mit anderen Menschen und Erfahrungen mit und in der Welt verdankt, besteht Gottes Autarkie darin, „sein erfülltes Leben einzig in der Erkenntnis seiner selbst zu führen. Darin hat, darin ist er alle Weltinhalte. Aber er ist sie auf seine, auf intellektuelle Weise.“ (Flasch, 2017, S. 25)

Die Gottheit allerdings verbleibt nicht in beziehungsloser Abgeschiedenheit, sondern quillt über in eine „creatio continua“, eine sich ununterbrochen fortsetzende Schöpfung.
„Gott wird (‚Gott‘), wo alle Kreaturen Gott aussprechen: da wird ,Gott'. Als ich (noch) im Grunde, im Boden, im Strom und Quell der Gottheit stand, da fragte mich niemand, wohin ich wollte oder was ich täte: da war niemand, der mich gefragt hätte. Als ich (aber) ausfloss, da sprachen alle Kreaturen: ‚Gott'!“ (Predigt 109)

Im Zentrum dieses Zitates steht die wichtige Eckhart’sche Unterscheidung von Gott und Gottheit. Der Quellgrund ist die Gottheit, von der Eckhart metaphorisch als Stille, Einöde oder Wüste spricht. Im Ausfließen oder Überfließen des Lebensquells wird die Gottheit zum ‚Wort Gottes‘ – Johannes: „Am Anfang war das Wort“ -, das sich mitteilt und sich als Schöpfergott in ein Beziehungs- und Entwicklungsgeschehen hineinbegibt.

„So wahr der Vater in seiner einfaltigen Natur seinen Sohn [...] gebiert, so wahr gebiert er ihn im Innigsten des Geistes, und dies ist die innere Welt. Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund. Wer in diesen Grund je für einen Augenblick hineinschaute, diesem Menschen sind tausend Mark roten, geprägten Goldes wie ein falscher Heller.“ (Predigt 5b)

Im vorstehenden Zitat taucht das Eckhart’sche Schlüsselwort „Gebären“ auf, das wie die gleichbedeutende Metapher „Zeugung“ eine Hervorbringung meint (generatio). Das große Glaubensbekenntnis benennt Jesus Christus als Gottes eingeborenen Sohn, der gezeugt und nicht geschaffen worden sei. Während das Schaffen nach dem Muster des handwerklichen Herstellens erfolgt, vollzieht sich das Gebären gemäß dem Vorgang des sich ausbreitenden Lichtes oder so, wie sich eine Art über Zeugung und Geburt fortpflanzt. In die Ausfaltung der Gottheit zum dreieinigen Gott ist der Mensch von Anfang an mit hineingenommen. Denn für Eckhart beschränkt sich die Geburt Gottes nicht auf das einmalige Ereignis in Bethlehem, sondern Gottesgeburt kann sich im Grund der Seele eines jeden Menschen ereignen. 

„Es ist Gott wertvoller, dass er geistigerweise geboren werde von einer jeglichen Jungfrau, oder von einer jeglichen guten Seele, denn dass er von Maria leiblich geboren wurde. Darunter ist zu verstehen, dass wir ein einziger Sohn sind, den der Vater ewiglich geboren hat. Als der Vater alle Geschöpfe gebar, da gebar er mich, und ich floss aus mit allen Kreaturen und blieb dennoch drinnen im Vater.“ (Predigt 22) 

Eckharts weiselose Gottheit unterscheidet sich von nichts und hat daher keinerlei Gegenüber. Sie ist als Anfang und Ende, Sein und Einheit, Gerechtigkeit und Weisheit allumfassend. Erst mit der Schöpfung wird die Gottheit zu Gott, der sich durch seine Menschwerdung offenbart und der Menschheit durch Jesus Christus die frohe Botschaft übermittelt. Das singuläre Weihnachtsereignis steht für die bleibende Gegenwart Gottes als fortzeugendes Wort, das dem Weltgeschehen Sinn gibt und jedem Menschen im verborgenen Seelenfunken nah ist. Alles, was Gott tut, zielt darauf ab, „dass Gott geboren werde in der Seele, und die Seele in Gott geboren werde." (Predigt 38)

Die zwei Naturen des Menschen

Der Mensch ist sowohl leibliches wie auch geistiges Wesen. Als Geschöpf Gottes reiht er sich in die beseelte Welt ein. Zu der Zeit, als Meister Eckhart lebte, war Aristoteles die zentrale philosophische Bezugsgröße. Dieser ordnete den Pflanzen eine vegetative, den Tieren eine animalische und dem Menschen eine vernünftige Seele zu. Auf den unteren Seelenstufen aufbauend ist für den Menschen das vernunftgeleitete Denken charakteristisch, das sich im menschlichen Geist zum Denken des Denkens aufschwingen kann und damit auf Göttliches verweist.
Vegetatives und animalisches sowie das intellektuelle Seelenvermögen dienen der Entwicklung und Selbstverwirklichung des äußeren Menschen. Dieser ist ein geschaffenes Wesen, das körperlich ist und über fünf Sinne verfügt, in einer vielgestaltigen Welt lebt und der Zeitlichkeit unterworfen ist. (vgl. Predigt 13) Zum inneren Menschen kann das Individuum gelangen, indem es sich bewusst nach innen wendet und von nach außen gerichteten Sinnesaktivitäten Abstand nimmt. Modern würde man diese Vorgehensweise ›sensorische Deprivation‹ nennen (vgl. Achtner, 2015, S. 97), Eckhart spricht von „Ledig-Sein“ des Gemüts oder „Abgeschiedenheit“ als Loslösung von äußeren Dingen und außengenerierten Vorstellungen und Bildern. Indem der Mensch sich bewusst den Außenreizen entzieht, schafft er innerlich Raum „und dann kann Gott eintreten mit seinem Licht, und er bringt alles das mit sich herein, das du verlassen hast und tausendmal mehr.“ (Predigt 103) Mit dem Seelenmodell innerer Mensch/äußerer Mensch wird Eckhart der Gegebenheit gerecht, „dass die Seele inmitten zwischen dem Einen und dem Zweien geschaffen ist. Das Eine ist die Ewigkeit, die sich allzeit allein hält und einförmig ist. Die Zwei hingegen, dies ist die Zeit, die sich wandelt und vermannigfaltigt.“ (Predigt 32)
Eine andere - auf Augustinus zurückgehende - Metapher für die Doppelstruktur der menschlichen Seele ist die von innerem und äußerem Auge der Seele. „Das innere Auge der Seele ist jenes, das in das Sein schaut und sein Sein ohne irgendwelche Vermittlung von Gott empfängt. … Das äußere Auge der Seele ist jenes, das da allen Kreaturen zugewendet ist und diese in bildhafter Weise und in der Weise der Kräfte wahrnimmt. Der Mensch, welcher nun in sich selbst gekehrt wird, so dass er Gott nach seinem eigenen Geschmack und in seinem eigenen Grund erkennt, ein solcher Mensch ist frei geworden von allen geschaffenen Dingen. … In einen solchen Menschen kommt Gott nicht, da ist er wesenhaft.“ (Predigt 10)

Nach Eckhart ist Gott schon immer im Menschen gegenwärtig. Bereits Cicero und Seneca lehrten: „Keine vernunftbegabte Seele ist ohne Gott; der Same Gottes liegt in uns.“ (Das Buch der göttlichen Tröstung, 99) Und bei Origenes (* 185; † um 254) findet Eckhart folgenden Gedankengang: „Das Bild Gottes, der Sohn Gottes, liegt im Grund der Seele wie ein lebendiger Brunnen. Wirft aber jemand Erde – damit meine ich: irdisches Verlangen – darauf, dann hindert und verdeckt es ihn, so dass man ihn nicht mehr erkennt und nichts bemerkt. Trotzdem bleibt er in sich lebendig.“ (a.a.O. 101) Hier ist bereits das entworfen, was Eckhart als seine zentrale Lehre der Gottesgeburt in der „obersten Vernunft des Seelengrundes“, in der „Spitze der Seele“ oder im „Seelenfunken“ ausbuchstabiert. 

So wie Eckharts Gott doppelgesichtig ist, so ist auch im Bereich der menschlichen Seele zu unterscheiden zwischen der geschaffenen Seele und ihren Seelenvermögen (Aristoteles) – dazu zählen vegetative Funktionen, Begehren, Wahrnehmung, Gedächtnis, Wille und Denken - und dem ungeschaffenen, aber geborenen Seelenfunken, verborgen im Innersten der Seele. Die geschaffene Seele ist verwoben mit der Welt, der Zeitlichkeit unterworfen und hat keinen Eigenstand, weil ihr Sein an der Gegenwart Gottes hängt. Im ort-, zeit- und namenlosen Seelenfunken dagegen steht der Mensch in Seinseinheit mit Gott. „Darum ist die ganze Heilige Schrift geschrieben, darum hat Gott die Welt erschaffen und alle Engelsnatur, dass Gott geboren werde in der Seele, und die Seele in Gott geboren werde." (Predigt 38)

Das aus der Doppelnatur des Menschen resultierende Verhältnis des Menschen zu Gott versinnbildlicht Eckhart anhand des Bibelspruchs Jesus Sirach 24,21:
„Wer von mir zehrt, hungert weiter, (und wer von mir trinkt, dürstet weiter).“
(Sturlese, 2018, 207)
Jedes Seiende – so auch der Mensch - zehrt von Gott als dem Sein; es dürstet aber jedes Seiende nach dem Sein selbst. (vgl. a.a.O., Nr. 47) Wäre der Mensch ein rein weltimmanentes Wesen, so wäre er auf das Endliche hingeordnet, und es wäre ihm in dieser Konstituiertheit möglich, seinen Hunger und Durst zu stillen. (vgl. a.a.O., Nr. 42) Nachdem das Seiende aber letztlich ein Vom-Anderen-Sein ist, also von Gott im Dasein gehalten wird, hat es seine Existenz und seine Vollendungsmöglichkeit nur analog, das heißt uneigentlich und von außen. (vgl. a.a.O., Nr. 52-53) Gottes Geschöpfe sind aus sich selbst nichts und zehren fortwährend von demjenigen, der sie geschaffen hat. Gleichzeitig hungern sie weiter, weil sie im Zehren sich gleichzeitig nach Gott verzehren. Die in der Endlichkeit nie zur Ruhe kommende Sehnsucht nach Vollendung in der verborgenen Einheit Gottes ist selbst die Zehrung/Nahrung, die aus dem Sich-Verzehren entspringt. Denn das Sich-Verzehren nach dem Sich-Verzehren stellt ein auf Erfüllung ausgerichtetes Streben dar, das „dem un-endlichen Gott am nächsten kommt.“ (Grotz 2000, 53)

Die Eckhart’sche Sichtweise der Gott-Mensch-Beziehung

Im Buch Genesis spricht Gott. „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich.“ Luther übersetzt: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“ Doch wie hat man sich diese Gottebenbildlichkeit genau vorzustellen?

Die Bestimmung und gleichzeitig Nicht-Bestimmung der Gottheit ist deren Ununterschiedenheit. Daraus leitet sich ab: „Diejenigen, die nichts gleich sind, einzig diese sind Gott gleich. Göttliches Wesen ist nichts gleich, in ihm gibt es weder Bild noch Form.“ (Predigt 6) Es ist das Höchste in der Seele, die menschliche Vernunft, die den Menschen gottförmig macht. Denn der Intellekt ist weder Dieses-da noch Jenes-da. Er kann gewissermaßen alles sein und von daher war der Mensch schon für die Griechen ein Mikrokosmos. Mit dem Intellekt als Licht in uns haben wir Anteil am obersten göttlichen Licht.

Nach der Auffassung des Thomas von Aquin hat die menschliche Seelensubstanz nur abgeschwächt an der göttlichen Substanz teil. Dementsprechend „verhält sich die Schöpfung als unvollkommene Nachahmung (imitatio Dei deficiens) zu Gott.“ (Winkler, S. 40) Eckharts Konzept ist ein anderes. Gemäß seiner Unterscheidung von Gott und Gottheit ist Gott auf zweierlei Weise im gewordenen Menschen. Die geschaffene Vernunft - als dem äußeren Menschen zukommendes Seelenvermögen - steht zu Gott in einem analogen Verhältnis. Der innere Mensch hingegen, insofern er sich Gott anverwandelt hat, erfährt im ungeschaffenen, aber geborenen Seelengrund unmittelbar - in wechselseitiger Bezogenheit - Gottes Nähe. (Univozität)

Wie das zu verstehen ist, erschließt sich - nicht nur dem mittelalterlichen Menschen - in einem von Eckhart herangezogenen Gleichnis. Die Kreatur verhält sich zu Gott wie das Licht zur strahlenden Sonne. „Weicht das Licht, so ist Finsternis: das ‚Nichts‘ des Geschaffenen.“ (Ruh, 1985, S.85) Anders ist es mit der beispielsweise im Mauerstein gespeicherten Wärme. Sie ist auch nach Sonnenuntergang noch vorhanden. Das Licht ist quasi Leihgabe, die Wärme wird zum Eigentum. Die Wärme versinnbildlicht den Gottessohn – von Natur gleich dem Vater -, der per se über das göttliche Licht verfügt. „Sofern aber die menschliche Seele in ihrem ‘Innersten‘ ‚Sohn‘ ist, nämlich durch die Gottesgeburt in der Seele, ist auch das göttliche Licht ihr Licht.“ (a.a.O.)

Der Rede vom „‘Nichts‘ des Geschaffenen“ liegt Eckharts Sichtweise zugrunde, gemäß der es außerhalb von Gott kein eigenständiges Sein gibt. Wenn die Schöpfung keinen Selbststand hat, so „muss das Sein der Schöpfung offenbar als ein In-sein in Gott gedacht werden.“ (Grotz 2009, 82) Das ist allerdings nicht so zu verstehen, dass der Mensch damit wie Gott oder zu Gott wird, sondern es ist so, dass der Kreatur dadurch Sein - von Gott geliehenes Sein - zukommt, dass sie auf Gott relational hingeordnet ist. (vgl. Grotz 2009, 84f, Anm. 220) „Gott selbst ist als Ganzer in allen Dingen, und zwar so, dass er als Ganzer außerhalb ihrer ist.“ (Eckhart, zit. nach Grotz 2000, 50)

In der Predigt ‚Vom edlen Menschen‘ zeigt Eckhart einen sechsstufigen Pfad zum inneren und neuen Menschen auf. Am Zielpunkt dieses Entwicklungsweges ist der Mensch „entbildet von sich und überbildet von Gottes Ewigkeit. Er hat das vollkommene Vergessen des vergehenden zeitlichen Lebens erreicht. Er ist hinaufgezogen und hinüberverwandelt in ein göttliches Bild. Er ist Kind Gottes geworden. … Hier ist ewige Ruhe und Glück. Denn das letzte Ziel des inneren Menschen, des neuen Menschen ist das ewige Leben.“ (Das Buch der göttlichen Tröstung, 101)

„Gibt es denn etwas Edleres, als den, der geboren wird aus dem Höchsten und Besten der Schöpfung und auch noch aus dem innersten Grund der göttlichen Natur und ihrer Einöde? ‚Ich führe‘, sagt unser Herr im Propheten Osee, ‚ich führe die edle Seele in die Einöde. Und dort spreche ich in ihr Herz‘: Das Eine mit dem Einen, das Eine vom Einen, das Eine im Einen und im Einen eins auf ewig. Amen.“ (a.a.O., 115)

Was an Meister Eckhart überzeugt

Meister Eckhart verabschiedet sich von einem Gotteskonzept, bei dem der Mensch Gott gegenübersteht. Da es nichts gibt, das außerhalb Gottes wäre, kann die Schöpfung und mit ihr der Mensch nur als Gottes Hervorbringung aus sich selbst begriffen werden, die von Anfang an auf eine Rückkehr in den verborgenen Quellgrund der seit Ewigkeit existierenden Gottheit angelegt ist.



Literatur

- Achtner, Wolfgang: Eckharts Bildkritik – vom Bild zur Bildlosigkeit. In: Dietl/Mieth (Hg.). Meister-Eckhart-Jahrbuch. Bd. 9.  Kohlhammer 2015, S. 87 - 117
- Flasch, Kurt: Meister Eckhart. Philosoph des Christentums. Beck 2010
- Flasch, Kurt: Predigt 9 'Quasi stella matutina'. In: Steer / Sturlese (Hg.). Lectura Eckhardi IV: Predigten Meister Eckharts von Fachgelehrten gelesen und gedeutet. 2017, S. 1 – 12
- Grotz, Stephan: Vom Umgang mit Tautologien. Martin Heidegger und Roman Jakobson. Meiner: Hamburg 2000
- Grotz, Stephan: Negation des Absoluten. Meister Eckhart, Cusanus, Hegel. Hamburg 2009
- Jung, Christian: Meister Eckharts philosophische Mystik. Tectum Wissenschaftsverlag 2010
- Meister Eckhart. Das Buch der göttlichen Tröstung. Beck 2007
- Meister Eckhart. Deutsche Predigten. Übersetzt von Louise Gnädiger. Manesse 1999
- Ruh, Kurt: Meister Eckhart. Theologe, Prediger, Mystiker. Beck 1985
- Sturlese, Loris (Hg.): Meister Eckhart. Studienausgabe der Lateinischen Werke. Band 2: Expositio libri Exodi, Sermones et lectiones super Ecclesiastici cap. 24. Zweite Vorlesung Nr. 42 – 61. Kohlhammer: 2018
- Winkler, Norbert: Meister Eckhart zur Einführung. Junius 1997


Dienstag, 19. November 2013

Und sie bewegt sich doch ...

Mit Papst Franziskus zeigt sich für alle Welt wahrnehmbar ein neuer Stil päpstlichen Auftretens. Wie ist es aber mit den Inhalten? Bleibt alles beim Alten oder bringt Franziskus Neues auf den Weg? Stellt man die Kirchenbilder von Benedikt und Franziskus nebeneinander, so zeigen sich markante Unterschiede. Das von Franziskus artikulierte Kirchenverständnis ist als jesuanisch zu kennzeichnen.


Mit der Amtsniederlegung Benedikts XVI. im Februar 2013 endete eine lange kirchliche Ära – beginnend mit der Wahl des polnischen Kardinals Karol Wojtyla zum Papst im Jahr 1978 -, die vor allem durch das Zusammenwirken von Johannes Paul II. mit dem Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, ab dem Jahr 1982 gekennzeichnet war. In diesem Zeitraum zog Rom die Entscheidungsmacht in der katholischen Kirche an sich, unterband jeglichen Diskurs über zentrale Inhalte der kirchlichen Lehre und setzte seine apodiktisch von oben vorgegebene Linie rigoros durch. Insbesondere steuerten Johannes Paul II.  und Joseph Ratzinger  - später Benedikt XVI. - durch machtbewusste Personalpolitik die Neubesetzung sämtlicher höherer kirchlicher Ämter und formten auf diese Weise die Kirche nach ihrem Bilde.

Wenn Jorge Mario Bergoglio SJ in seiner Ansprache im März 2013 während des Vorkonklaves die auf sich selbst bezogene Kirche kritisiert und von Missständen spricht, die sich in den kirchlichen Institutionen entwickelt haben, so kann man davon ausgehen, dass er an erster Stelle die vatikanische Kurie mit ihrer unzeitgemäßen Struktur und ihren selbstreferenziellen Prozeduren meint, aber sicher auch jene Ortskirchen für die die Selbstherrlichkeit des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst ein Paradebeispiel ist.

Franziskus’ Kritik bleibt allerdings nicht auf der Ebene von Strukturen und Organisationsformen stehen, sondern zielt tiefer auf den Kern des Verkündigungsauftrages der Kirchen. Um was es hier geht, wird am deutlichsten, wenn man die Leitbilder von Benedikt und Franziskus kontrastierend nebeneinander stellt. Beiden Päpsten geht es um eine Differenz zur Welt, wofür der plakative Begriff der „Entweltlichung“ steht, und beide predigen „Gott ist die Liebe“. Allerdings entspringen aus dem gemeinsamen Ausgangspunkt völlig unterschiedliche Handlungsstrategien.

Benedikt XVI. versteht sich als Bewahrer und Sicherer des „depositum fidei“, des Schatzes des Glaubens und der katholischen Tradition. Die katholischen Glaubenswahrheiten sieht er von innen durch Relativierer bedroht, die „sich vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen“ (18.04.2005) und von außen durch die hedonistische Gesellschaft, der nichts heilig ist, und deren Gottvergessenheit gewaltinduzierendes Potential aufbaut. Bleibt man im - vom Dekan des Kardinalkollegiums, Joseph Ratzinger, in seiner Predigt kurz vor dem Konklave 2005 gezeichneten - Bild von Kirche als Schifflein, das in stürmischer See von den Wogen des Zeitgeistes zum Schwanken gebracht wird, so liegen die von der Kirchenführung zu ziehenden Konsequenzen auf der Hand: Die „Segel reffen, die Luken schließen, die Bordwände erhöhen, sich abschließen gegen die Gefahr von draußen.“ (Drobinski, SZ 28.03.2013) Phantasiert man entlang der nautischen Metapher weiter, so taucht als archetypisches Bild die Arche Noah auf, die sich der Sintflut der feindseligen Moderne entzieht und bekanntlich nur ein einziges Fenster hat, das nach oben gerichtet ist. Die von Benedikt repräsentierte Kirche ist allerdings nur zur einen Hälfte hermetische Kirche, die nach außen abgeschottet und auf sich selbst bezogen ist, zur anderen Hälfte ist sie „ecclesia triumphans“, triumphierende Kirche, die „mit zeremonieller Pracht, mit Goldbrokat, Edelsteinen, viel Purpur in byzantinischem Ornat, mit Heerscharen fein herausgeputzter Messdiener und lateinischer Messe“ (Thomas Assheuer, in: Die Zeit, Nr.44) sich glanzvoll inszeniert. Rom ist gemäß diesem Selbstverständnis der Leuchtturm, der wider alle Finsternis der Welt sein nie erlöschendes Licht ausstrahlt.

Während wir bei Benedikt auf eine jahrzehntelange kirchenpolitische Entwicklung zurückschauen können, ist Papst Franziskus noch kein Jahr im Amt. Es sind aber bereits markante Eckpunkte erkennbar. Kardinal Jorge Mario Bergoglio sprach im Vorkonklave Anfang März 2013 weniger als fünf Minuten, aber diese Zeit genügte, um der Generalkongregation einen Gegenentwurf zu Benedikts Kirchenverständnis vor Augen zu führen. Er kritisiert die um sich selbst kreisende Kirche, die die Form heiligt (M. Drobinski) und in der „die einen die anderen beweihräuchern“ (Bergoglio). Und der Kardinal scheut sich nicht, Jesus ins Spiel zu bringen, und kommt auf Kapitel 3 Vers 20 der Offenbarung des Johannes zu sprechen: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten.“ Dieser Jesus wäre von der mondänen Kirche für sich vereinnahmt worden, so dass es zu der pervertierten Situation kommt, dass „Jesus von innen klopft, damit wir (die egozentrische Kirche, Verf.) ihn herauskommen lassen.“ Dieser Verkehrung müsse entgegengetreten werden, indem die Kirche aus sich selbst heraus und an die Ränder geht, „an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, … die jeglichen Elends.“
Im August bringt dann Bergoglio – jetzt als Papst Franziskus - im Interview mit Antonio Spadaro SJ dezidiert zum Ausdruck, dass es unzureichend ist, wenn die Kirche die Menschen nur einlädt: „Statt nur eine Kirche zu sein, die mit offenen Türen aufnimmt und empfängt, versuchen wir, eine Kirche zu sein, die neue Wege findet, die fähig ist, aus sich heraus und zu denen zu gehen, die nicht zu ihr kommen, die ganz weggegangen oder die gleichgültig sind.“

Am 13. März 2013 wurde der bisherige Erzbischof von Buenos Aires und Primas von Argentinien zum Papst gewählt und machte bereits durch sein allererstes Erscheinen auf der Loggia des Petersdomes in schlichter weißer Soutane und mit seiner Wahl des Papstnamens Franziskus deutlich, in welche Richtung er die Kirche führen wird. Konkreter wird das vier Tage später, als Franziskus vor Journalisten zum einen äußert „Ach, wie sehr möchte ich eine arme Kirche und eine Kirche für die Armen!“ und zum zweiten, dass er bei seiner Namenswahl daran gedacht habe, „dass Franziskus ein Mann des Friedens ist, der uns den Geist des Friedens gibt, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt.“ Der 85-jährige Hans Küng benennt in seiner Abschiedsrede im April 2013 anlässlich einer Preisübergabe der Herbert-Haag-Stiftung neben der Armut und Schlichtheit die Demut (Humilitas) als drittes franziskanisches Kernanliegen. Eine demütige, von franziskanischem Geist geprägte Kirche ist „eine Kirche der Menschenfreundlichkeit, des Dialogs, der Geschwisterlichkeit und Gastlichkeit auch für Nonkonformisten.“(Küng) Papst Franziskus erträumt sich im schon erwähnten Interview eine menschenfreundliche Kirche „als Mutter und als Hirtin. Die Diener der Kirche müssen barmherzig sein, sich der Menschen annehmen, sie begleiten - wie der gute Samariter, der seinen Nächsten wäscht, reinigt, aufhebt. … Die Diener des Evangeliums müssen in der Lage sein, die Herzen der Menschen zu erwärmen, in der Nacht mit ihnen zu gehen. Sie müssen ein Gespräch führen und in die Nacht hinabsteigen können, in ihr Dunkel, ohne sich zu verlieren.“

Am Abend seiner Wahl wandte sich Franziskus von der Loggia aus als Bischof von Rom an die auf dem Petersplatz versammelte Diözesangemeinschaft: „Beginnen wir mit diesem gemeinsamen Weg … in Brüderlichkeit, Liebe und Vertrauen zwischen uns allen.“  Wenn der Pontifex anschließend von „großer Brüderlichkeit“ spricht, so ist das alles andere als ein Lippenbekenntnis, denn wenige Momente später sagt er: „Zuerst bitte ich Euch aber um einen Gefallen. Bevor der Bischof das Volk segnet, bitte ich Euch, dass Ihr zum Herrn betet, dass er mich segne, dass der Herr seinen Bischof segnet.“ Durch diesen Akt vermittelt Franziskus sein Verständnis von Kirche als Volk Gottes, wonach alle Getauften am Priestertum Christi teilhaben und füreinander Segen sein können. In der Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ des II. Vaticanums wurde Kirche auch als pilgerndes Volk Gottes verstanden, wodurch insbesondere die Gemeinschaft aller in der Kirche und ihre fundamentale Gleichheit vor Gott zum Ausdruck gebracht wird. Wie wichtig Papst Franziskus das Konzil der 1960er Jahre ist, lässt sich dem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Repubblika“ entnehmen. „ Das Zweite Vatikanische Konzil beschloss, die Zukunft mit einem modernen Geist anzusehen und sich der modernen Kultur zu öffnen. Die Väter des Konzils wussten, dass das Ökumene und Glaubensdialog bedeutete. Seitdem ist in dieser Richtung wenig geschehen. Ich bin so bescheiden und so ehrgeizig, das wieder zu tun.“

In einer weiteren Perspektive des Kirchenverständnisses von Franziskus erscheint Kirche als Therapeutikum. Er skizziert dies im Interview mit Antonio Spadaro SJ. „Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen - Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen.“ Wie das geht, führt Franziskus aller Welt vor Augen. Er wäscht am Gründonnerstag jungen Strafgefangenen die Füße, darunter eine Muslima. Er begibt sich im Juli nach Lampedusa, an den Ort, der paradigmatisch für Europas Umgang mit Flüchtlingen steht, bekundet seine Solidarität mit den Migranten und prangert die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ an.  Am 6. November umarmt und streichelt er einen entstellten Mann, dessen Haut von Beulen und Warzen übersäht war.

Ich fasse zusammen: Kirche ist für Franziskus die „Gemeinschaft des Gottesvolks …, der Priester, der Gemeinden, der Bischöfe.“ (Interview, La Repubblika) Diese Communio ist geschwisterlich in dialogischem Austausch auf dem Weg und ist als Gesamtheit der „Gläubigen … unfehlbar im Glauben.“ (Interview, Spadaro) Sie orientiert sich am franziskanischen Leitbild von Armut, Schlichtheit und Demut. Sie ist nicht selbstreferenziell, sondern sucht diejenigen auf, die am Rande stehen und hilfs-, schutz- und trostbedürftig sind. Aus meiner Sicht ist die Kirche des Franziskus jesuanisch, denn sie stellt „die Verkündigung der  heilbringenden Liebe Gottes“ über alles andere. Diese „muss der moralischen und religiösen Verpflichtung vorausgehen. Heute scheint oft die umgekehrte Ordnung vorzuherrschen.“ (Interview, Spadaro)


Stefan Schopf für die Ausgabe 33 der Jugendstil, 19.11.2013