Sonntag, 30. Juni 2013

Papable Kandidatenkür. Teil 2: Von Benedikt zu Franziskus

Ein Resümee der von Joseph Ratzinger kurz vor dem Konklave 2005 gehaltenen Predigt ergibt, dass es ihm um die Affirmation der hierarchischen Klerikerkirche und um die Abwehr von innerkirchlicher Partizipation und gleichberechtigtem interreligiösen Dialog geht. Seine Weltskepsis ist mit ein Grund dafür, dass es während seines Pontifikats zu Affronts und Pannen kam. Jorge Mario Bergoglio diagnostizierte im März 2013 die aktuelle Misere der katholischen Kirche. Als Papst machte Franziskus von Anfang an in Auftreten, Sprechen und Handeln klar, dass er eine Kirche des Aufbruchs will und bereit ist, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen.


Im ersten Teil habe ich versucht, den Inhalt der Predigt herauszuarbeiten, die Joseph Kardinal Ratzinger am 18.05.2005 unmittelbar vor dem Konklave gehalten hat. Eine genauere Analyse zeigt allerdings, dass die expliziten Aussageninhalte durchweg zum Ratzinger’schen Denkkosmos in Beziehung gesetzt werden müssen, will man zur eigentlichen Aussageintention vordringen. Als Resümee ergibt sich für mich, dass die Rede des Kardinaldekans auf struktureller Ebene auf die Affirmation von monarchischem Papsttum und hierarchischer Kirchenstruktur hinausläuft und auf der kollegialen Ebene im Dienst der Selbstvergewisserung und –bestätigung der anwesenden Kardinäle steht. Nachdem die „Plausibilität bischöflichen und lehramtlichen Verhaltens inner- wie außerkirchlich … geschwunden (ist)“ (Norbert Copray), war es für den versammelten hohen Klerus sicherlich angenehm, zu hören, dass Christus ihm seinen Leib, die Kirche, anvertraut hat. Ratzingers Ansprache gipfelte in dem Schlussgedanken, dass Christus, der Sieger, Geschenke verteilen würde. Und als Geschenk Christi an die Menschen waren sie, die Hirten und Lehrer, auserwählt, „seinen Leib – die neue Welt – aufzubauen.“

In keiner Weise überraschend war, dass der Redner in dieser entscheidenden Stunde auf sein Kardinalsthema, die Wahrheit im Kontrast zu Relativismus, Trug und Falschheit zu sprechen kam. Nicht ohne Hintergedanken mischte er in seiner Darstellung polare politische Strömungen und disparate theologisch-religiöse Positionierungen ineinander. Denn wogegen er schon viele Jahre ankämpft, ist die Gefahr des Hinüberschwappens von weltlichem Pluralismus auf das Terrain der Katholischen Kirche. Erstens geht es ihm darum, Partizipations- und Demokratisierungsbegehren innerhalb der Kirche frühzeitig abzuschmettern und zweitens will er gegen den Trend des gleichberechtigten interreligiösen Dialogs den Wahrheitsprimat der Katholischen Kirche verteidigen.

Im Hinblick auf das kommende Pontifikat Benedikts wird sich insbesondere das, was bei Ratzingers Rede fehlte, als Prädiktor erweisen. Was in seiner Predigt nicht vorkommt, ist die konkrete Lebenslage von Gläubigen und Menschen überhaupt, ausgespart bleiben Probleme und Herausforderungen von Ortskirchen, Ländern oder Erdteilen, kein Wort zu weltbewegenden Konfliktlagen. Weltimmanenz taucht nur an der Stelle auf, wo der Homilet postuliert, dass ausschließlich die aufgehende Saat, die die Kleriker in die Herzen der Menschen gesät haben, „die Erde vom Tal der Tränen in einen Garten Gottes verwandel(n).“ Wie anders klingt da der Satz mit Gartenbezug, den Jorge Bergoglio in einem Interview von 2007 ausgesprochen hat: „Aus sich selbst hinauszugehen bedeutet auch, aus dem Garten seiner eigenen Überzeugungen hinauszugehen, die unüberwindbar werden, wenn sie sich als Hindernis entpuppen und den Horizont verschließen, der Gott ist.“

Mit Joseph Ratzingers Reduzierung des Diesseitigen auf den Leidensaspekt geht einher bewusste Weltabgewandtheit, die als Folge Weltfremdheit zeitigt. Ich bin überzeugt, dass diese Grundhaltung mit ursächlich dafür war, dass der zum Papst gekürte sich während seines Pontifikats für Affronts und Pannen entschuldigen musste. Die Fehleinschätzung der Auswirkungen der Regensburger Rede und der Skandal um Bischof Williamson sind bekannt. Manche seiner aus kirchlichen Glaubens- und Sittenlehren abgeleiteten Aussagen wirkten bizarr, wenn sie auf Realität trafen. So äußerte Benedikt im März 2009 auf dem Flug nach Afrika, dass die Benutzung von Kondomen das Aids-Problem verschlimmern würden. Und in einer Rede vor lateinamerikanischen Bischöfen im Mai 2007 meinte er den Vorfahren der südamerikanischen Bevölkerung unterstellen zu müssen, dass diese Christus, “ ohne es zu wissen, in ihren reichen religiösen Traditionen suchten. Christus war der Erlöser, nach dem sie sich im Stillen sehnten.“

Nach diesem Rückblick komme ich jetzt zur Gegenwart. Während es bei Benedikts Texten erheblicher hermeneutischer Anstrengungen bedarf, um diese zu entschlüsseln, spricht Franziskus Klartext. Seine Rede im März 2013 während des Vorkonklaves in der Generalkongregation beeindruckte viele Kardinäle. Jorge Bergoglio blieb unter seiner fünfminütigen Redezeit und entwickelte in drei Punkten präzise und klar seine Vision für die zukünftige Kirche. Insbesondere kritisierte er theologischen Narzissmus und die geistliche Mondänität der gegenwärtigen Kirche.

„Die um sich selbst kreisende Kirche glaubt – ohne dass es ihr bewusst wäre – dass sie ihr eigenes Licht ist. Sie verliert dann ihr ‚mysterium lunae’ (Mysterium des Mondes, dessen Licht ja nur Widerschein ist – Verf.) und verfällt der schrecklichen Misere der ‚geistlichen Mondänität’.“ Die mondäne Kirche ist diejenige, „die in sich, von sich und für sich lebt.“

Franziskus’ Mondänitätsbefund hinsichtlich des geistlichen Zustands der zeitgenössischen Klerikalkirche hat durchaus ein materielles Pendant, womit wir bei der Kernbedeutung des Wortes „mondän“ wären, das „extravagante Eleganz zeigen“ bedeutet.

Ein Paradebeispiel hierfür waren Benedikts feuerrote Slipper. Diese wurden von dem Schumacher Adriano Stefanelli aus Novara individuell kreiert und in sieben bis acht Tagen in Handarbeit angefertigt. Der Preis für diese Schuhe liegt bei 1.200 €. Von Stefanelli erfahren wir allerdings: „Vom Papst würde ich keine einzige Lira nehmen, die Schuhe sind ein Geschenk an ihn.“ Wir müssen dennoch keine Verarmung des Maestros befürchten, denn es gibt genügend Kardinäle und Monsignori, die sich an seinen exklusiven Einzelanfertigungen erfreuen. Spitzenreiter, die Mondänität betreffend, ist vermutlich Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der sich von Stefanelli Fußballschuhe entwerfen und herstellen ließ.

Dieses Schuhbeispiel ist mit Sicherheit nur die Spitze des Eisberges. Allerdings ist die Party jetzt vorbei. Nachdem Franziskus die Sonderzahlungen von 1500 Euro, die bisher alle Angestellten des Vatikan nach der Wahl eines neuen Papstes erhielten, nicht auszahlen ließ und er den Kardinälen, von denen die Vatikanbank IOR geleitet wird, kurzerhand die monatlichen Boni in Höhe von 2100 Euro strich, dürfen die Kurienkardinäle davon ausgehen, dass in Zukunft die gewohnten Briefumschläge mit üppigem Handgeld nicht mehr bereit liegen werden.

Ich komme zu einem weiteren Satz aus Bergoglios Ansprache: „Der nächste Papst sollte ein Mensch sein, der von der Kontemplation Jesu Christi und von der Anbetung Jesu Christi aus der Kirche hilft, aus sich heraus und an die existentiellen Peripherien zu gehen.“  Dass bei Papst Franziskus Wort und Tat in eins gehen, zeigte sich bereits am 28. März, dem Gründonnerstag. Im römischen Jugendgefängnis Casa del Marmor hielt der Papst einen Abendmahlsgottesdienst mit 49 Häftlingen und wusch dabei die Füße von zwölf Gefangenen. Unter diesen waren auch zwei Frauen, eine katholische Italienerin und eine muslimische Serbin. Der Stellenwert dieses päpstlichen Zeichenhandelns wird besonders im Kontrast zur liturgischen Praxis ein Jahr zuvor deutlich. Benedikt XVI. feierte die Abendmahlsmesse in der Lateranbasilika, der Bischofskirche von Rom, und wusch zwölf Priestern die Füße.

Hervorzuheben ist, dass es Franziskus nicht um symbolträchtiges Auftreten in Ausnahmesituationen geht, sondern dass spontane und geplante menschliche Gesten zu seinem Alltagshandeln gehören. Er sucht die Nähe der Menschen, schüttelt hunderte Hände, herzt Babys und küsst Behinderte. Am Petersplatz hob er einer alten Dame im Rollstuhl die hinuntergefallene Handtasche auf. Drei Tage später nahm er vor seiner wöchentlichen Generalaudienz - auf Wusch eines Mädchens - deren weiße Kappe entgegen und setzte ihr sein Scheitelkäppchen, den Pileolus, auf. Einen 17-Jährigen mit Down-Syndrom lud er zu einer Fahrt im Papamobil ein. In der Kapelle des Gästehauses Santa Marta traf Papst Franziskus mit 22 krebskranken Kindern aus der römischen Gemelli-Klinik zusammen. Bei seiner Sonntagsmesse auf dem Petersplatz begrüßte er hunderte Teilnehmer des Welttreffens von Harley-Davidson-Fahrern und segnete sie und ihre chromblitzenden Motorräder. Diese Aufzählung ließe sich ohne weiteres fortsetzen.

Von diesem Papst haben Kirche und Welt noch einiges zu erwarten.

Stefan Schopf für die Ausgabe 31 der Jugendstil, 30.06.2013

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